Vom Frauenfeind bleibt nichts übrig

Der Apostel Paulus verweist mit seinen Aussagen über das weibliche Geschlecht auf das Verhältnis zwischen Christus und seiner Kirche

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Von Klaus Berger

WÜRZBURG, 19. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- In vielen Fragen genießt der heilige Apostel Paulus größtes Ansehen. Das betrifft das christlich-jüdische Verhältnis, die Rechtfertigung und die Sakramente. Nur auf einem Gebiet ist das ganz anders. In Fragen von Frauen, Ehe und Familie gilt Paulus als nicht zuständig. Denn er war nicht verheiratet. Das teilte er zwar mit Jesus, Johannes dem Täufer und vielen Aposteln, Christinnen und Christen der ersten Generation. Aber im Unterschied zu diesen hat Paulus darüber selbst geschrieben. Weil er das völlig nüchtern und eben nicht – wie gewünscht – appetitanregend geschrieben hat, gilt er als Frauenfeind. Seine Briefe sind keine Hausbücher. Neuerdings hat die Paulusforschung begriffen, dass man auch zur Klärung dieser Fragen nicht von einem imaginären paulinischen System ausgehen muss, sondern von der konkreten Person des Apostels.

Paulus versteht seine gelebte Ehelosigkeit nicht als etwas Gewöhnliches oder als trauriges Schicksal. Er erfährt sie als Charisma, und er weiß, dass so etwas nicht jedem geschenkt ist. Eheliches Verbundensein ist demgegenüber kein Charisma. Und „Charisma“ bedeutet in diesem Fall: Religiös begründete Ehelosigkeit hat eine missionarische Funktion. Sie soll neugierig auf Gott machen, der so etwas möglich macht. Konkret heißt das: Welcher Gott gibt Paulus die Kraft, die Einsamkeit der Ehelosigkeit zu ertragen? Woher kann Paulus das, ganz Gott gehören? Die restlose Radikalität, in der Paulus Gott zur Verfügung steht, weckt Staunen. Sie ist Reklame für diesen Glauben.

Was sagt das über Frauen? Gott ganz zu gehören, auch eben in der körperlichen Sexualität, dieses Charisma gibt es auch für Frauen, laut 1 Kor 7 vielleicht noch eher als für Männer. Und das bedeutet: Für Männer wie für Frauen ist ehelich gelebte Sexualität normal. Für beide Geschlechter ist das aber nicht immer das Höchste. Das Höchste ist aus religiösem Grund nicht gelebte sexuelle Partnerschaft, aber dazu benötigen beide Geschlechter die Gabe eines Charismas. Von sich aus kann kein Mensch so leben.

Dem Herrn dienen ist die höchste Bestimmung der Frau

Typisch für Paulus ist, was er in 1 Kor 7, 5 über das Gebet sagt: „Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeitlang, um für das Gebet frei zu sein.“ Sexualität nimmt er ernst; nur Beten, nichts anderes in der Welt ist wichtiger! Für eine Frau ist es daher nicht immer das höchste Ziel, Kinder zu bekommen. Daher denkt Paulus eben nicht androzentrisch: Höchste generelle Bestimmung der Frau ist es eben nicht, einem Mann zu gehören oder diesem zu dienen oder zu helfen, sondern für den Herrn da zu sein. Schließlich kann man nach Charismen auch streben, und das gilt auch für die Ehelosigkeit. Denn die so verwirklichte Heiligkeit zeigt, dass man Gott über alles lieben kann. Und weil Gott der Schöpfer ist und weil ihm alles gehört, ist es ganz logisch, dass die Liebesfähigkeit ihm gegenüber alles andere verdrängt. Diese Liebe vereinnahmt noch stärker als jede andere Begeisterung. Obwohl es auch dort sein kann, dass zum Beispiel der Beruf des Lehrers oder des Arztes so fordert und so ausfüllt, dass de facto für Ehe kein Raum bleibt. Aber das, was dort „sein kann“, ist nach Paulus für die geistliche Berufung zwangsläufig, vollkommen logisch und eine selbstverständliche Konsequenz aus dem Gottesbild. Denn Gott fordert in ganz anderem Maße als irgendwelche Menschen.

Gegenüber derartiger Askese hat man dann oft eingewandt, dass sie eine beträchtliche Undankbarkeit gegenüber dem Schöpfer und dem sei, was er dem Menschen zugedacht hat und schenken will. Wenn es in den Schöpfungsberichten heißt: „Und Gott sah, dass es gut war“, dann hat der Mensch nicht das Recht, dergleichen gute Dinge zurückzuweisen. Jede Rede von „Askese“ und „Verzicht um der Übung des Verzichtens willen“ hat etwas von der manichäischen Verachtung der leiblichen und sichtbaren Schöpfung. 1 Kor 7 legt solches nicht nahe. Denn die Botschaft ist hier: „sich sorgen um das, was der Herr will und ihm ganz gefallen“, „Gott gehören, nicht nur dem Innersten nach, sondern auch mit dem Leib“. Hier passt kein anderes Wort als „Liebe“. Denn in der Tat gilt: Nicht die Askese macht den Christen, inklusive Mönch, Priester, Nonne, sondern die Liebe. Geistliche Berufung ist nicht säuerlicher Verzicht, sondern zuerst eine große Liebe. Paulus erwirkt mit diesen unscheinbaren Versen eine Revolution im Menschenbild. Genau jenes Gefangensein, das wir von Verliebtsein und Liebe her kennen, genau den Liebesschwur „Ich gehöre ganz dir“ wagt Paulus auf das Verhältnis des Menschen zu Gott anzuwenden.

Das ist jedenfalls im Bereich der biblischen Religion eine Neuheit. Wenn bis dahin im Judentum Menschen auf Sexualität verzichteten, dann aus Gründen kultischer Reinheit, so wird es von Priestern, Hohenpriestern und Propheten verlangt oder berichtet. Doch das, was Paulus sagt, ist neu, denn er meint nicht die Abwesenheit von Samen oder Blut als potenziellen Verunreinigern. Für ihn ist die restlose Hingabe mit dem Innersten und mit dem Leib ein Ausdruck des neuen, radikalen Gottesverhältnisses.

Damit aber erschließt Paulus ein ungeheures Kraftpotenzial. Wir kennen das von der geradezu umwerfenden Macht des Verliebtseins. Es bestimmt uns Tag und Nacht, wir wachen damit auf und schlafen damit ein, es bestimmt uns bis in die Fingerspitzen. Genau diese radikale Ganzheit macht das aus, was man geistliche Berufung nennt. Die Ehelosigkeit gehört dazu – nicht weil Sex Sünde wäre, sondern weil Berufung den ganzen Menschen in jeder Hinsicht meint. Die aus dem Verliebtsein geläufige Möglichkeit des Menschen, ganz zu sein, überträgt Paulus jetzt auf die biblische Religion. Deshalb gehört der geistlich Berufene so total Gott, wie Eheleute einander gehören. In 1 Kor 7 befreit Paulus die Fähigkeit des Menschen zur ungeteilten Hingabe von ihrer bloßen Bindung allein an die Sexualität. Ohne die Sexualität abzuwerten, wird die exklusive Orientierung der Liebesfähigkeit des Menschen an Sexualität aufgehoben.

Nicht nur in der Frage der Berufung zur Heiligkeit gilt die völlige Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Sie gilt auch innerhalb der Ehe. Paulus ist der erste in der Geschichte der Menschheit, der peinlich genau auf die gleichen Rechte achtet. Das fällt besonders auf, wenn man die Texte einmal zusammenstellt. Die Sorgfalt, die der Apostel hier gebraucht, könnte man „nervend“ nennen:

Die Ehepartner können sich gegenseitig heiligen

1 Kor 7, 1: „Doch damit nicht Zügellosigkeit und insbesondere Prostitution einkehrt, soll jeder Mann seine Frau haben und jede Frau ihren Mann. (3) Der Mann soll seiner Frau geben, was er ihr schuldig ist, und so auch die Frau ihrem Mann. (4) Die Frau bestimmt nicht über ihren eigenen Leib, sondern der Mann. Ebenso bestimmt der Mann nicht über seinen eigenen Leib, sondern die Frau. ... (10) Den Verheirateten sage ich – und das sagt auch Jesus, der Herr –, dass eine Frau sich von ihrem Mann nicht scheiden lassen sollte. (11) Genauso soll ein Mann seine Frau nicht aus der Ehe entlassen. (12) ... ein Christ, der eine nichtchristliche Frau hat, die einwilligt, mit ihm zu leben, soll sie nicht entlassen (13) und wenn eine christliche Frau einen nichtchristlichen Mann hat, der einwilligt, mit ihr zu leben, dann soll sie ihn nicht entlassen. (14) Ein nichtchristlicher Ehemann wird durch eine christliche Frau heilig, und eine nichtchristliche Ehefrau wird durch ihren christlichen Ehemann heilig.“

Offenbar weiß er aus Erfahrung, dass in der Ehe viel Unrecht durch Missachtung der Rechte des Partners geschieht. Und dass Liebe nur auf dem Boden von Gerechtigkeit gedeiht, und deren Ort ist die Leiblichkeit. Auch im Zusammenhang der „heiklen“ Kapitel 11 und 14 des 1 Kor redet Paulus so, etwa in 11, 11f: „Doch in der Gemeinschaft mit Christus gibt es Mann und Frau nicht ohne einander, sondern nur zusammen. (12) Denn Eva wurde aus Adam geschaffen, und jeder Mann kommt durch eine Frau auf die Welt. Beide aber kommen von Gott her.“ Doch schon nach 1 Kor 11 ist die Frau gegenüber dem Mann stark benachteiligt: „Wegen der Engel“ soll sie beim Prophezeien, das heißt bei religiöser Rede, eine Kopfbedeckung tragen. Immerhin wird vorausgesetzt: Die Formen und Gattungen religiöser Rede sind keiner christlichen Frau verwehrt. Das gilt im Haus wie in der Andacht (neulich: Fastenpredigt), beim Tagzeitengebet (nach jüdischem Muster) wie am offenen Grabe. Man hat in diesen hier beschriebenen Rechten der christlichen Frauen einen Widerspruch zu 1 Kor 14 sehen wollen, wonach der Frau das Reden in der sonntäglichen eucharistischen Gemeindeversammlung untersagt ist. Aber in Kapitel 11 geht es um ein weiteres Feld, in Kapitel 14 um einen Sonderfall.

Bleiben wir zunächst in K. 11: Warum muss die Frau eine Kopfbedeckung tragen, der Mann aber nicht? Paulus begründet das mit der schöpfungsmäßigen Verschiedenheit von Mann und Frau: 1 Kor 11 (3) „Denkt daran, dass es eine Rangfolge gibt: Frau – Mann – Christus – Gott. ... (7) Der Mann muss sein Haupt nicht verhüllen, da er unmittelbar Bild und Abglanz Gottes ist. (8) Die Frau ist dagegen nur Abglanz des Mannes. Denn der Mann kommt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann, (9) und der Mann ist nicht wegen der Frau erschaffen worden, sondern die Frau wegen des Mannes.“ – Das scheint vielen Menschen unerträglich, aber es steht in der Schöpfungsgeschichte. Es ist die „Geschichte mit der Rippe“ Adams. Diese aber, wird nun erklärt, sei ohnehin lächerlich.

Merkwürdig ist nur dies: Wenn es den Menschen passt, so etwa die Erschaffung von Mann und Frau als Gottes Bild nach dem ersten Schöpfungsbericht (Gen 1, 26f), werden daraus die heiligsten Menschenrechte abgeleitet. Wenn es nicht passt, wird es zum billigen Mythos erklärt. Paulus leitet die Rangfolge 1 Kor 11, 3 daraus ab. Wie schon oben bemerkt, schränkt Paulus in 11, 11f seine Folgerungen, was das Grundsätzliche angeht, ein. Nur bei religiöser Rede, also im „Kult“ im weiteren Sinne gelten sie. Warum schränkt Paulus hier ein? Er sagt es: Wegen der Engel. Berger/Nord haben daher 1 Kor 11, 10 übersetzt: „Weil die Frau durch Engel gefährdet ist, die ihren Leib unfruchtbar machen oder ihr Herz verwirren können, muss sie ein zusätzliches Hoheitszeichen und einen Schutz auf dem Haupt tragen.“ Also Benachteiligung? Oder vielmehr Schutz der Frau vor dem Angriff keineswegs immer nur „lieber“ Engel? Auch die Römer, von denen es in Korinth viele gab, pflegten die Braut mit Schleier zu verhüllen, und bei uns tat man es bis vor kurzem auch.

Spricht aus Paulus nur der Mensch, den seine Zeit prägte?

Es geschah nicht zur Benachteiligung, sondern zum Schutz der Mutterschaft vor bösen Mächten. Mutterschaft aber ist schließlich das Kostbarste. Oder etwa nicht?

Und in 1 Kor 14 wird es dann angeblich ganz schlimm mit Paulus und den Frauen. Sie sollen im Sonntagsgottesdienst nicht freie Reden schwingen. Und das ist gar ein echtes Jesuswort, wie Paulus sagt (V. 37b). Die Möglichkeit eines black out entfällt daher, und textkritische Operationen sind hier sinnlos. Die meisten Evangelischen und die Anglikaner haben sich an dieses Verbot nicht gehalten und Frauen ordiniert (was noch einmal ein Schritt über das hier Verbotene hinaus ist!). Paulus begründet seine Regelung hier mit dem Anstand, und dazu gehöre auch die Unterordnung unter den Mann. Diese aber hatte Paulus oben in 11, 3.7–9 aus der Schöpfung begründet. Ist Paulus hier also „leider allzu zeitbedingt“? Muß man ihn um der Menschenrechte der Frau willen korrigieren? Sind nach Gen 1 nicht Mann und Frau gleichermaßen Bild Gottes? Nun, Gen 1, 26f wird nach Paulus in der „neuen Schöpfung“ gelten (1 Kor 15, 45f). Diese beginnt gewiss schon in der Aufhebung der trennenden Schranken (Gal 3, 26f), aber sie bedeutet nicht Herstellung einer Gleichheit. Ebenfalls aus dem zweiten Schöpfungsbericht in Gen 2 leitet dann Paulus oder sein Vertrauter in Eph 5 das Verhältnis von Christus und Kirche ab. Die Ehe von Mann und Frau ist geborgen im bräutlichen Verhältnis von Christus und Kirche.

Fazit: Vom Frauenfeind Paulus bleibt nichts übrig. Denn auch unbezweifelt paulinische Texte (2 Kor 11, 2) sehen in jeder Ehefrau die von Christus geliebte Kirche abgebildet (und umgekehrt).

[© Die Tagespost vom 16.6.2009]