Vom Gefängnis Rebibbia zur Wiedergeburt in einer franziskanischen Bruderschaft

Zeugnis über die katastrophalen Lebensbedingungen in einer römischen Strafanstalt

Rom, (ZENIT.org) Gaia Bottino | 849 klicks

„Was mich während meines Gefängnisaufenthalts am meisten verletzte war das Gefühl, verlassen zu sein und jeden Tag um meine Menschenwürde kämpfen zu müssen. Das Gefängnis wird als Niemandsland betrachtet, doch hinter diesen Mauern leben keine Gespenster, sondern Menschen. Der Sinn des Lebens existiert weiter, auch hinter Gittern, auch wenn die Gesellschaft dich vom Gegenteil überzeugen will und dich wie Abfall behandelt.“

Maddalena, Ex-Inhaftierte im Gefängnis von Rebibbia, wurde im Jahr 2010 wegen Rauschgifthandels festgenommen. Im Gespräch mit ZENIT schildert sie dies folgendermaßen: „Ich hatte früher Heroin probiert, war aber nie drogensüchtig geworden. Im Alter von 18 Jahren verlor ich beide Eltern; ich musste immer aus eigener Kraft für mich sorgen. Ich arbeitete in einem Restaurant, hatte ein Zuhause und war unabhängig. Irgendwann reichte mir mein Leben nicht mehr. Ich bat Freunde, von denen ich wusste, dass sie in den Drogenhandel involviert waren, darum, mir eine Arbeit zu verschaffen. Zunächst verkaufte ich Heroin in meiner Wohnung, kurze Zeit später auch Kokain. In der Zwischenzeit begann ich, sowohl Kokain als auch Heroin zu konsumieren.“

Allmählich zerstören die Drogen den Körper und die Seele von Maddalena. Sie beschreibt dies mit folgenden Worten: „Heroin entwickelte sich zum Mittelpunkt meines Lebens. Ich hatte eine Wohnung, Geld und Drogen. Was hätte ich mir sonst noch wünschen sollen? Aus mir wurde ein wandelndes Skelett: Ich wog nur noch 60 Kilo, schlief nicht und aß nicht, und der einzige Gedanke, der mich beschäftigte war die Frage, wie ich mir eine Dosis beschaffen konnte.“

Wenige Tage vor Weihnachten des Jahres 2010 brachen vier „Falken“ der staatlichen Polizei in Maddalenas Wohnung ein. Sie durchsuchten Maddalena und fanden 28 Barren Heroin. Daraufhin begannen sie, sie zu schlagen, um den Namen ihres Lieferanten in Erfahrung zu bringen, doch sieschwieg: „Trotz der Prügel war ich gelassen. Ich dachte mir, dass ich im Gefängnis endlich die Gelegenheit für einen Entzug hätte und mein Leben neu beginnen würde.“

Nach einem Schnellverfahren wurde Maddalena zu zwei Jahren und einem Monat Haft im Gefängnis Rebibbia verurteilt. Die ersten beiden Monate verbrachte Maddalena auf der Krankenstation des Gefängnisses. Dort begann sie mit der Einnahme von Methadon, das ihr vom SerT, dem Drogenhilfsdienst, zur Verfügung gestellt wurde.

Maddalena erinnert sich daran, nach ihrer Verhaftung tagelang dieselben Kleidungsstücke und dieselbe Unterwäsche getragen zu haben: „Ich bat mehrmals um saubere Unterwäsche und einen Sweater, doch ich musste einen schriftlichen Antrag dafür stellen, dem erst nach einer Woche stattgegeben wurde.“

Der sanitäre Dienst und die hygienischen Bedingungen auf der Krankenstation waren unzureichend: „Es gibt nur 2-3 Krankenpfleger für 300 Inhaftierte. Der Arzt verschreibt für jede Art von Unwohlsein Schmerzmittel ohne vorausgehende Visite. Manche Gefangene erkannten nach Monaten, dass sie einen Tumor hatten, der die ganze Zeit mit Aspirin behandelt worden war. Für gynäkologische Untersuchungen müssen Gefangene zumindest 5-6 Monate warten. Bei den seltenen ärztlichen Kontrollen kamen Läuse oder sogar Krätzmilben zum Vorschein. Ich war lange Zeit in einem schlechten Zustand, bevor ich mich einer Untersuchung unterziehen konnte, bei der ein Schilddrüsenproblem festgestellt wurde.“

Nach drei Monaten auf der Krankenstation wurde Maddalena in eine Zelle gebracht, die sie mit vier weiteren Personen teilte: „Meine Zelle bestand aus zwei Stockbetten, ein Einzelbett, ein Tisch, ein WC und ein Waschbecken, aus dem kaltes Wasser floss. Zur Benützung des Bidets verwendete ich Wasserflaschen. Die Duschen waren Gemeinschaftsduschen und von 8 Uhr morgens bis 19.30 abends geöffnet, doch man muss sich im Sommer mit warmen Wasser und im Winter mit kaltem waschen.“

In jedem Stockwerk des Gefängnisses leben 75 Gefangene, die von 5-6 Aufsehern zu bewachen wären. „In Wirklichkeit gibt es nur einen Aufseher pro Stockwerk. Als es im Februar 2012 in Rom schneite, waren wir ein paar Tage lang unbeaufsichtigt und vollkommen auf uns alleine gestellt.“

Maddalena erinnert sich an die Endlosigkeit der Tage im Gefängnis: „Ich wachte um 6 Uhr morgens auf. Um 7 Uhr frühstückte ich und putzte die Zelle. Nachdem der Aufseher die Zelle um 8 Uhr aufgesperrt hatte, ging ich den Stock auf und ab. Die Stunde im Freien verbrachte ich auf einem Volleyballspielfeld aus Beton gemeinsam mit 300 weiteren Gefangenen. Erst nach einem Jahr hatte ich die Möglichkeit zu arbeiten. Ich brachte den Gefangenen, die sich mit ihrem eigenen Geld etwas kaufen durften, ihre Einkäufe.“

Für ein psychologisches Gespräch musste Maddalena einen Antrag stellen. Zehn Tage später wurde sie vom Arzt in Empfang genommen: „Zur Beruhigung wird man mit Psychopharmaka vollgepumpt. Manche Mädchen verwandelten sich durch den übermäßigen Konsum von Antidepressiva in Zombies.“

Für die Kinder der Gefangenen ist ein Gefängniskindergarten vorgesehen. Sie erfahren eine ähnliche Behandlung wie ihre Mütter: „Die hygienischen Bedingungen im Kindergarten sind erbärmlich“, gibt Maddalena bekannt. Sie fährt fort: „Die Kinder haben keinen Platz zum Spielen. Sie kriechen auf dem Gang und sind oft verschmutzt und kränklich.“

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wurde Maddalena in ein von der Gemeinde betriebenes Familienhaus gebracht: „An diesem Ort herrschte absolut keine familiäre Atmosphäre“, erinnert sich Maddalena. „Ich teilte die Wohnung mit drei Menschen, die ich kaum sah und denen ich mich nicht verbunden fühlte. Die Betreiber kamen ein paar Mal in der Woche, um uns die Einkäufe zu bringen und für ein kurzes Gespräch. Ich wusste, dass ich in diesem Haus nur sechs Monate lang bleiben konnte, und wenn ich nicht bald Arbeit gefunden hätte, wäre ich auf der Straße gelandet.“

Der Gedanke an die Zukunft begann Maddalena zu beunruhigen. Langsam schlitterte sie in die Depression. Erneut sah sie sich mit der Versuchung konfrontiert: Sie konsumierte Drogen, doch diesmal fühlte sie sich danach schlecht und wurde des Familienhauses verwiesen.

„Ich bat eine ebenfalls suchtkranke Freundin von mir um Unterkunft, doch ich konnte dort nicht lange bleiben“, erklärt Maddalena. „Ich wäre wieder in dieses Loch gefallen, spürte jedoch den Wunsch nach einer Wiedergeburt.“

In diesem Augenblick wurde Maddalena endlich von jemanden an der Hand genommen. Von der Erzieherin von Rebibbia erfuhr sie von der Möglichkeit, von einer franziskanischen Bruderschaft aus Valmontone aufgenommen zu werden. Daraufhin rief Maddalena Pater Domenico Domenici an, den Verantwortlichen des Projekts „RIPA – Rinascere insieme per amore“ (Gemeinsam durch die Liebe wiedergeboren werden). Maddalena berichtet: „Pater Domenico gab mir einen Termin, doch ich hatte mich auf eine erneute Enttäuschung eingestellt. Als ich bei ihm ankam, begann ich zu weinen wie ein Kind und erzählte ihm meine ganze Geschichte.“

Endlich kam für Maddalena der Moment der lange ersehnten Wiedergeburt: „Seit ich bei der Bruderschaft zu Gast bin, hat sich mein Leben verändert: Ich lerne zu beten; mit der Hilfe einer Freiwilligen beschäftige ich mit Kunsthandwerk. Diese Tätigkeit erlaubt es mir, etwas Schönes zu schaffen, auch wenn ich in meiner Vergangenheit Handel mit dem Tod getrieben habe. Abends scherze ich mit Gott. Ich danke ihm für die Gelassenheit, die er mit geschenkt hat und von der ich hoffe, dass ich sie an andere weitergeben kann. Wenn ich Bruder Roberto Bongianni, dem Koordinator der Bruderschaft, in die Augen blicke, ist mein Herz übervoll von Glück und Dankbarkeit für das Geschenk dieser neuen Familie.“