Vom „Geist“ des Konzils zum „Gespenst“ des Konzils

Von Don Nicola Bux und Don Salvatore Vitiello

| 925 klicks

ROM, 22. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wenn der Herr seinen Jüngern bei deren Aussendung ein Manual ausgehändigt hätte mit den Problemen, die sie haben würden in der Beziehung zur Gesellschaft und den Kulturen, dann wären die Ärmsten wohl geflüchtet. Aber es ist ja nicht so gewesen. Sie sollten „nur“ verkünden, dass Gott zu uns gekommen war; die Kranken heilen, die Dämonen austreiben und umsonst geben, was sie umsonst empfangen hatten. Auch die Konzile der Kirche haben sich um nichts anderes gekümmert als um die Vertiefung des Glaubens an Jesus, um der Welt Gott zu bringen. Aber die Versuchung eines „Ekklesiozentrismus“ – um einen höflichen Ausdruck zu gebrauchen – ist hartnäckig und stirbt nur sehr schwer: Sie führt einige „konziliäre“ Christen dazu zu glauben, dass aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil sogar ein „neuer kirchlicher Wortschatz“ hervorgegangen wäre.



Im folgenden ein beispielhaftes Moment der Lektüre des Weltgeschehens und der Aufgaben der Kirche „im Licht des Konzils“ – ein mittlerweile obligatorischer Refrain –, das unter den Befugten der innerkirchlichen Arbeiten geläufig ist; in diesem Fall eines der vielen angeblich modernen und „gut informierten“:

„Eine andere Art, den Dialog mit der zeitgenössischen Welt, mit den Kulturen, mit den Wissenschaften, mit den konkreten Männern und Frauen zu betrachten. Vom Konzil her kommen die Debatten und sogar Konflikte, bis hin zum Schisma von 1988“ – das von Lefebvre. Und dann der unerhörte Skandal: „Theologen in zweistelliger Zahl sind verleugnet, kritisiert, von der Lehrtätigkeit suspendiert, zum Schweigen verurteilt, in manchen Fällen von der Kirche ausgestoßen oder zur ‚Selbstausstoßung‘ gezwungen worden, da ihre Untersuchungen, ihre Bücher, ihre Lehre, die vom Konzil ihren Ausgangspunkt genommen hatten, neue Wege öffnen wollten, die nicht immer erwünscht, verstanden oder klar gewesen sind.“

So als ob die Kirche vor dem Konzil nicht in der Realität gelebt hätte, so als ob die Epoche der Kirchenväter, der Theologen des Mittelalters und der modernen Heiligen keine Debatten oder heftigen Konfrontationen gekannt hätten. Was die so genannten „zum Schweigen gebrachten“ Theologen anbetrifft, so ist diese Formulierung wirklich unerhört, da zum Beispiel Leonardo Boff eben erst ein Buch gegen die Gedanken und die Person des Papstes geschrieben hat. Das wichtigste ist in manchen Fällen, dass man „mit dem Konzil als Ausgangspunkt“ spricht; und es handelt sich in der Tat nur um einen Ausgangspunkt, denn dann wird von etwas ganz anderem geredet und nicht von dem, was das Konzil wirklich gesagt hat. Für viele ist nicht das wichtig, was das Konzil wirklich ausgesagt hat, sondern es zählt nur die Interpretation, die man vom Konzil gibt: Man tendiert normalerweise dazu, es als eine „neue Schöpfung“ anzusehen, weshalb die Kirche in der Welt vor allem diejenige geworden ist, die „Ungerechtigkeiten anprangert und sich im sozialen Bereich einsetzt“ im Namen des Glaubens, ohne sich vorher zu fragen, was der Glaube eigentlich ist, und ohne sich wegen des Schweigens um die übernatürliche Hoffnung zu kümmern. Aber was wäre es für eine göttliche Tugend, wenn sie nur in dieser Welt gelten würde?

Es scheint, dass für die Befugten der „Geist des Konzils“, von dem man bis vor weniger Zeit sprach, seinen Platz an ein „globalisiertes und globalisierendes“ Gespenst verloren hat, das „in der Kirche aller Kontinente herumspukt und präzise und unausweichliche Fragen mit sich bringt: Was für eine Art Dialog soll man mit den verschiedenen Gesellschaften, Kulturen und Religionen eingehen? Und wenn die Kirche sich bis jetzt bemüht hat, den Willen Gottes zu tun“ – und sie unterstreichen das „wenn“ –, ist es dann nicht notwendig, dass sie sich jetzt dafür einsetzt, dass die Welt weniger ungerecht werde?

Um ehrlich zu sein, wusste das christliche Volk, dass in der auf der ganzen Erde verteilten Kirche der Heilige Geist weht und dass, wenn jemand „parallel“ dazu umgeht, das kein Gespenst ist, sondern „der Teufel, wie ein brüllender Löwe“ (1 Petrus 5,8). Das christliche Volk weiß auch, dass der einzige Auftrag Christi an die Kirche der Dialog ist, aber der Dialog des Heiles, der von Gott redet, das heißt von Evangelium; ein in jeder Generation immer neuer Dialog, wie die „Evangeli nuntiandi“ von Paul VI. oder die neue Evangelisierung von Johannes Paul II erinnert.

Das ist die immerwährende Aufgabe der Kirche: den Menschen von der Sünde zu heilen, nicht mit unverlässlichen Mode-Rezepten oder mit dem Aktivismus, sondern mit dem Heilmittel der Unsterblichkeit, das Christus ist, der die Menschen einer jeden Generation heilt und neu zum Leben bringt, die ansonsten krank bleiben und sterben.

Das ist von keinem Konzil „erfunden“ worden, und man könnte auch kein anderes Rezept erfinden: Es war gültig vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und wird es auch immer bleiben. Der Sinn der korrekten Interpretation des Konzils, welches eine Reform und keinen Bruch eingeleitet hat, ist der, den Papst Benedikt XVI angezeigt hat. Er gilt in jeder Epoche und kirchlichen Generation und ist nichts anderes als die beständige Umsetzung des Wortes des Wortes: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5).

Die echte Neuheit, heute, wäre der Dialog zwischen Vernunft und Glauben, wenn er nicht eigentlich schon alt wäre: Er reicht zurück bis zum Evangelisten Johannes, der geschrieben hat: Im Anfang war der Logos, das Wort, die Vernunft, durch welche alles geschaffen worden ist.

Die Kirche liest das Konzil, sie versteht es und sie setzt es nur im Licht des ewigen Wortes in die Tat um, das von Anfang an war und das sie mit dem Heiligen Geist belebt. Es gibt keinen anderen Geist, und sei es ein „Geist des Konzils“, der sie leiten kann. Es wäre nur ein Gespenst.

[Von der Nachrichtenagentur Fides der Kongregation für die Evangelisierung der Völker veröffentlichtes Original]