„Vom hohen Ross heruntersteigen“: Was uns die Bekehrung des Apostels Paulus sagen will

Interview mit dem Wiener Dompfarrer Toni Faber

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WIEN, 25. Januar 2007 (ZENIT.org).- „Sehend zu werden und manches an Demut – an Mut zum Dienen, an Mut, vom hohen Ross herunterzusteigen – zu erlernen, ist für mich ein ganz klarer Auftrag am Festtag des Apostels Paulus, an seiner Bekehrung“, erklärt der Wiener Dompfarrer Toni Faber.



Aus Anlass des heutigen Festtags zeigt der Weltpriester der Erzdiözese Wien im folgenden Gespräch mit ZENIT auf, wie die persönliche Bekehrung dauerhaft und tief sein kann und welche Voraussetzungen dafür nötig sind. Besonders unterstreicht er die Notwendigkeit, loslassen zu können: „Dem, der leere Hände hat, schenkt der Herr leichter etwas als dem, der glaubt, alles zu wissen, alles zu haben, alles schon für sich zu besitzen.“

ZENIT: Herr Dompfarrer, was können wir von der Bekehrung des heiligen Paulus für unsere eigene Bekehrung lernen?

--P. Faber: Für mich ist der heilige Apostel Paulus als Saulus ein Mann, der auf hohem Ross daherreitet und völlig überzeugt ist von seiner Aufgabe in der Verfolgung der Anhänger der neuen Lehre. Ich denke, dass auch wir überall dort, wo wir mit großer Überzeugung und großem Selbstbewusstsein auf hohem Ross daherkommen, eine Gelegenheit bekommen, dass wir überdenken: Wird uns da nicht manchmal auch so ein Licht geschenkt, dass wir vom hohen Ross heruntersteigen und dass wir die Stimme Gottes neu hören können? Ist es nicht notwendig, manchmal vom normalen Lauf des Lebens runterzukommen, um sensibler und empfangsbereiter für das Wort Gottes zu werden?

Das große Licht umstrahlt ihn, er stürzt zu Boden und hört plötzlich eine Stimme: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Er kennt sich nicht aus, ist mit Blindheit geschlagen. Wie oft ist es für uns so, dass wir manches, was da ist, nicht sehen wollen, nicht sehen können, und deswegen der Bekehrung im Weg stehen!

Sehend zu werden und manches an Demut – an Mut zum Dienen, an Mut, vom hohen Ross herunterzusteigen – zu erlernen, ist für mich einfach ein ganz klarer Auftrag am Festtag des Apostels Paulus, an seiner Bekehrung.

ZENIT: Spricht Christus zu uns auch so deutlich und klar, wie er zum Apostel Paulus gesprochen hat?

--P. Faber: Wir würden es uns wünschen, dass er uns ganz klar vor die Konsequenzen unseres Tuns stellt und uns sagt, wo wir ja eigentlich mit unseren Gedanken, Worten und Werken Christus, seine Kirche, den Willen Gottes verfolgen.

Oft ist es unhörbarer; oft ist es so, dass wir erst nach den Gewitterwolken und dem Donnerschlag, die wir uns erwarten würden, hinhören lernen müssen auf das leise Säuseln des Windes. Da müssen wir sicherlich mehr bereit sein, in Geduld auszuharren, damit wir die Stimme Christi nicht nur dort hören, wo es laut und klar und deutlich dreinfährt, sondern auch dort, wo in kleinen Begebenheiten, in Worten unserer Mitbrüder und Mitschwestern einfach manches erkennbar wird, was Gott wirklich von uns will.

ZENIT: Welche Voraussetzungen sollten wir zur Beichte mitbringen beziehungsweise generell zu den Sakramenten und zum Gebet, damit der Heilige Geist in uns wirken kann und Wohnung nimmt?

--P. Faber: Vor allem, dass wir nicht zuviel festhalten: Dem, der leere Hände hat, schenkt der Herr leichter etwas als dem, der glaubt, alles zu wissen, alles zu haben, alles schon für sich zu besitzen.

Wenn wir einfach bereit sind, alles loszulassen, bereit sind, Gott wirken zu lassen, gibt es sicherlich die größte Möglichkeit für das Wirken Gottes, an uns wirksam zu werden.

Dass wir frei sind: All unsere Lieblingsideen; all das, was wir glauben, festhalten zu müssen; Bedingungen, die wir setzen – „Dann, und nur dann, würde ich handeln, wie Gott will; wenn er mir zuvor diese und jene Wünsche erfüllt“ –, all das steht dem als Hindernis entgegen.

Frei sein und Gott wirklich auf uns zukommen lassen, um freie Hände zu haben, das auch annehmen zu können.

ZENIT: Der heilige Paulus kehrte im wahrsten Sinn des Wortes um. Wie ist das mit uns? Wie kann die Gnade des Sakraments der Versöhnung in unserem Leben andauern, wie kann unsere persönliche Bekehrung so tief sein?

--P. Faber: Bei der Bekehrung des heiligen Paulus erleben wir so manche Facetten eines guten Bekehrungsweges. Zum einen, dass wir uns wirklich bewegen lassen und nicht glauben, unsere Bahn ist die einzig richtige und sonst gilt nichts.

Er stürzt vom Ross und wird blind: Er wird für den inwendigen Menschen sensibler – nicht nur das, was an der Oberfläche ist, zählt, sondern das, was innen ist –, und er lässt sich von anderen führen, die Hände auflegen und geht sozusagen noch einmal neu in die Schule bei all dem, was er vorher schon geglaubt hat, richtig zu tun.

Ich glaube, das sind verschiedene Facetten, die zeigen, dass Versöhnung auch bei uns gut gelingen kann, wenn wir bereit sind, vom hohen Ross abzusteigen; wenn wir bereit sind, mehr auf den inwendigen Menschen zu hören; wenn wir bereit sind, uns in dieser Tradition der Kirche auch führen und tragen zu lassen und nicht glauben, alles selbst zu haben; wenn wir wirklich auch bereit sind, in der Kirche immer wieder neu die Sakramente zu empfangen, die Hände uns auflegen zu lassen, uns Vergebung zusprechen, für uns beten zu lassen; in der Anbetung, im stillen Gebet, die Wirksamkeit Gottes zu erfahren – das sind einige Facetten auf dem Weg der Bekehrung, auf dem Versöhnung fortdauern oder nachhaltiger sein kann.