Vom „Kontinent der Hoffnung“ zum „Kontinent der Liebe“: Benedikt XVI. eröffnet V. Generalversammlung des lateinamerikanischen und karibischen Episkopats

Programmatische Ansprache über die großen Herausforderungen und Ziele

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APARECIDA, 14. Mai 2007 (ZENIT.org).- Als letztem Höhepunkt der Apostolischen Reise nach Brasilien stand Papst Benedikt XVI. am Sonntag vor seiner Abreise der feierlichen Vesperliturgie im Heiligtum Unserer Lieben Frau von Aparecida vor, in deren Rahmen er die Sitzungen der V. Generalversammlung des lateinamerikanischen und karibischen Episkopats eröffnete.



Am Ende der Vesperliturgie, während derer das das Buch der Heiligen Schrift inthronisiert worden war, das allen Arbeiten der Bischöfe vorstehen soll, wandte sich der Papst in einer programmatischen Predigt an die Generalversammlung. In dieser längsten Ansprache seines fünftägigen Aufenthalts in Brasilien zeigte der Heilige Vater die Prioritäten zur Stärkung der christlichen Identität des lateinamerikanischen Kontinents auf.

Benedikt XVI. stellte fest, dass der Glaube an Gott das Leben und die Kultur Lateinamerikas seit mehr als 500 Jahren belebt habe. In diesem Augenblick aber müsse sich dieser Glaube „einer Reihe von Herausforderungen stellen. Die harmonische Entwicklung der Gesellschaft und die katholische Identität seiner Bevölkerung stehen auf dem Spiel.“

Eines der Ziele der bischöflichen Generalversammlung sei es, über diese Situation nachzudenken, um den Christen zu helfen, ihren Glauben freudig und konsequent zu leben.

Worin bestand die Annahme des Glaubens in der Geschichte Lateinamerikas? Wie Papst Benedikt ausführte, hatte die erste Verkündigung des Evangelium in keiner Weise eine „Entfremdung der vorkolumbianischen Kultur“ mit sich gebracht und auch keine „Besetzung durch oder die Auferlegung von einer fremden Kultur“. Das Wort Gottes, das in Christus Fleisch angenommen hat, habe Kultur und Geschichte geprägt.

Die Utopie, sich nach rückwärts zu wenden, „um den vorkolumbianischen Religionen neues Leben einzuhauchen, sie von Christus und der universellen Kirche zu entfernen, wäre kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt: Die Weisheit der Urvölker führte glücklicherweise zu einer Synthese zwischen ihrer Kultur und dem christlichen Glauben, der ihnen von den Missionaren dargeboten worden war.“

Der Papst wies anschließend darauf hin, dass die neue Generalversammlung die Arbeiten der vier vorausgegangen vier Generalversammlungen der lateinamerikanischen Bischöfe (Rio de Janeiro 1955, Medellin 1968, Puebla 1979 und Santo Domingo 1992) weiterführe und in Kontinuität zu diesen stehe. Gerade nach der letzten Konferenz in Santo Domingo sei es zu tief greifenden Veränderungen in der Gesellschaft gekommen, die die Kirche und das Volk Gottes vor neue Herausforderungen gestellt hätten.

„In der heutigen Welt sehen wir das Phänomen der Globalisierung wie ein Geflecht von weltweiten Beziehungen. Unter verschiedenen Gesichtspunkten ist dies auch ein Verdienst der großen Familie der Menschheit und ein Signal ihrer tiefen Einheit.“

Dies bringe nach Papst Benedikt aber auch Zweifel mit sich sowie das Risiko großer Monopolisierungen und die Gefahr, den Profit an die erste Stelle zu setzen. Deshalb bekräftigte der Heilige Vater, dass gerade auch die Globalisierung – wie jeder andere menschliche Bereich – von ethischen Maßstäben geleitet sein müsse, die das Wohl des Menschen förderten, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist.

Hinsichtlich der sozialen Probleme und des Fortbestehens politischer Ideologien, die nicht mit dem christlichen Menschen- und Gesellschaftsbild übereinstimmen, warnte der Papst vor einer Vernachlässigung des sozialen Sektors, dem Wachstum der Armut und vor der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen.

Es könne mit Recht festgestellt werden, dass in der lateinamerikanischen Gesellschaft insgesamt eine Schwächung des christlichen Leben und der Teilnahme am Leben der katholischen Kirche festzustellen sei. Den Grund hierfür sieht Benedikt XVI. im „Säkularismus, im Hedonismus, in der Willkür, im Proselytismus zahlreicher Sekten, Naturreligionen oder neuer pseudo-religiöser Bewegungen“.

Benedikt XVI. zeigte dann einige praktische Wege auf, über die der Glaube in Lateinamerika gestärkt werden könne. Zu diesem Zweck bedürfe es besonders der vermehrten katechetischen Ausbildung sowie eines rechten Gebrauchs der Massenmedien zur Verkündigung des Glaubens.

Benedikt XVI. erinnerte an das Thema der V. Generalversammlung: „Jünger und Missionare Jesu Christi, damit unsere Völker in ihm das Leben haben – Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Es sei die große Aufgabe der Kirche, „den Glauben des Volkes Gottes zu schützen und zu nähren und die Gläubigen dieses Kontinents daran zu erinnern, dass sie durch ihre Taufe dazu berufen sind, Jünger und Missionare Jesu Christi zu sein“.

Gott müsse der absolute Horizont des Menschen sein. Der Glaube an Christus und das Leben mit ihm sei die Priorität und keineswegs eine Flucht angesichts der großen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme Lateinamerikas und der ganzen Welt. Der Glaube sei keine Flucht, da sich die Wirklichkeit nicht auf die materiellen Güter, die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme und Gegebenheiten beschranken lasse.

Gerade in einer solchen materialistischen Sicht liege der grundlegende Irrtum der vorherrschenden Tendenzen des vergangenen Jahrhunderts: „ein destruktiver Irrtum, wie die Ergebnisse sowohl des marxistischen als auch des kapitalistischen Systems zeigen. Sie legen ein falsches Wirklichkeitskonzept vor, indem sie die grundlegende und darum entscheidende Realität ausklammern: nämlich Gott.“

Eindringlich appellierte Benedikt XVI. an die lateinamerikanische Bevölkerung und die Menschen in allen anderen Teilen der Welt, Gott nicht „auszuklammern“. Und er fügte hinzu: „Nur wer Gott anerkennt, kennt die Wirklichkeit und kann auf sie angemessen und wirklich menschlich antworten. Die Wahrheit dieser These scheint wird offenkundig, wenn wir auf das Versagen aller Systeme blicken, die Gott ausklammern.“

Der christliche Gott sei keine Idee, fuhr Benedikt XVI. fort. „Gott ist die grundlegende Wirklichkeit – nicht ein nur ausgedachter, hypothetischer Gott, sondern der Gott, der ein menschliches Gesicht hat. Er ist der Gott mit uns, der Gott der Liebe bis zum Kreuz. Wenn der Jünger schließlich diese Liebe Christi bis ans Ende begreift, dann kann er gar nicht anders, als auf diese Liebe mit einer ähnlichen Liebe zu antworten: ‚Wo du hingehst, da will auch ich hingehen‘.“

Der Ort der Begegnung mit Christus ist nach Worten des Heiligen Vaters die Sonntagsmesse. „Die Eucharistie ist die unentbehrliche Nahrung für das Leben des Jüngers und des Missionars Christi.“ Aus diesem Grund müsse die Katechese über die Heilige Messe in allen Pastoralprogrammen eine Vorrangstellung einnehmen, und die sonntägliche Eucharistiefeier müsse das Zentrum des christlichen Lebens sein.

„Nur aus der Eucharistie wird die Zivilisation der Liebe entstehen, um Lateinamerika und die Karibik zu verwandeln, damit sie nicht nur ‚Kontinent der Hoffnung‘, sondern auch ‚Kontinent der Liebe‘ seien!“

Von der Zentralität der in der Eucharistie sichtbaren Liebe Gottes ausgehend, fragte der Papst, wie die Kirche zur Lösung der dringenden sozialen und politischen Probleme konkret beitragen, wie sie auf die große Herausforderung der Armut und des Elends antworten könne.

Ohne gerechte Strukturen könne es keine gerechte Gesellschaftsordnung geben, unterstrich Benedikt XVI. Diese könnten jedoch nur dann entstehen, wenn es in der Gesellschaft einen moralischen Konsens über die grundlegenden Werte und die Notwendigkeit gebe, diese Werte auch mit dem nötigen Verzicht zu leben, der sogar gegen das persönliche Interesse gerichtet sei.

Der Papst erteilte den Systemen des Marxismus und des rein auf Profit ausgerichteten Kapitalismus eine scharfe Absage. Ihre ideologischen Versprechen hätten sich als falsch erwiesen. „Das marxistische System hat, wo immer es an der Regierung war, nur ein trauriges Erbe an wirtschaftlicher und ökologischer Zerstörung und darüber hinaus eine schmerzhafte Zerstörung des Geistes hinterlassen. Das gleiche sehen wir auch im Westen, wo die Distanz zwischen Armen und Reichen ständig wächst und die Menschenwürde auf beunruhigende Weise Schaden nimmt: durch Drogen, Alkohol und täuschende Glücksversprechen.“

Benedikt XVI. wies in diesem Zusammenhang neuerlich darauf hin, dass sich die Kirche nicht in die Politik einmische: „Der Respekt vor einer gesunden Laizität, was auch die Pluralität der politischen Positionen mit einschließt, ist in einer echten christlichen Tradition grundlegend.“ Wenn sich die Kirche in ein politisches Subjekt verwandle, so würde sie dadurch nicht mehr für die Armen tun können, sondern weniger – da sie ihre Unabhängigkeit verlieren würde. „Die Kirche ist Anwältin der Gerechtigkeit und der Armen, eben weil sie sich weder mit den Politikern noch mit Parteiinteressen identifiziert.“

Benedikt XVI. wandte sich schließlich direkt an die getauften Christen: Da Lateinamerika ein „Kontinent der Getauften“ ist, sei es notwendig, „im politischen Bereich, aber auch in den Medien und an den Universitäten, etwas gegen die bemerkenswerte Abwesenheit der Stimme und der Initiative katholischer Führungspersonen mit starkem Charakter und großherzigem Einsatz zu unternehmen, die – was ihre ethischen und religiösen Überzeugungen betrifft – konsequent sind“.

Die Familie steht als weiterer großer Bereich im Zentrum der Sorge des Papstes. Benedikt XVI. sprach sich für eine aufmerksame und wirksame Familienpastoral aus: „Unverzichtbar ist die Unterstützung einer Familienpolitik, die auf die Rechte der Familie als unverzichtbare soziale Größe antwortet. Die Familie ist Teil des Wohls der Völker und der ganzen Menschheit“ und bilde das universale Erbe der Menschheitsfamilie.

In besonderer Weise grüßte der Papst die Priester Lateinamerikas, die die „ersten Förderer der Jüngerschaft und der Mission“ seien. Der Priester müsse vor allem ein „Mann Gottes“ sein, der Gott „direkt“ kenne und eine tiefe persönliche Freundschaft mit Jesus pflege. Nur so könne er die Liebe Christi ausstrahlen.

In gleicher Weise wandte sich der Papst an die Ordensleute. Er forderte sie auf, hochherzig und heldenhaft ihre Arbeit fortzusetzen, „damit in der Gesellschaft Liebe, Gerechtigkeit und Güte herrschen, Dienst und Solidarität im Einklang mit dem Geist eurer Gründer“.

Die getauften Laien erinnerte der Heilige Vater daran, „dass sie Christus, dem Priester, Propheten und Hirten, ähnlich gemacht wurden durch das allgemeine Priestertum des Volkes Gottes“. Aus diesem Grund müssten sie sich für die Schaffung einer Gesellschaft nach den Maßstäben des Evangeliums mitverantwortlich fühlen.

Die Jugendlichen ermahnte der Papst, das Leben als fortlaufende Entdeckung zu begreifen, ohne sich von Modeströmungen und vom Zeitgeist verwirren zu lassen. „Voll tiefer Neugier auf den Sinn des Lebens und das Geheimnis Gottes, den Schöpfervater, und seinen Sohn, unseren Erlöser, sollten sich die jungen Menschen für eine ständige Erneuerung der Welt im Licht des Evangeliums einsetzen und sich den leichtfertigen Illusionen spontanen Glücks, den trügerischen Paradiesen der Droge, der Lust, des Alkohols sowie jeder Form von Gewalt entgegenstellen.

Zum Abschluss seines Besuches in Brasilien empfahl Papst Benedikt XVI. den lateinamerikanischen Kontinent und das Volk Gottes des dritten Jahrtausends dem Schutz Mariens, der Mutter Gottes und der Kirche, an.