Vom Ringen um das rechte Verständnis

Progressive Katholiken versus Traditionalisten? – Moraltheologische Anmerkungen

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Von Peter Schallenberg

WÜRZBURG, 1. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Vor einiger Zeit konnte man in einem Interview hören, der sogenannte liebe Gott sei nicht einfach „lieb", er sei vielmehr gut. Das war angesichts der durchschnittlichen grassierenden Begriffsverwirrung und sprachlichen Verunklarung auch im theologischen Feld eine bemerkenswerte Differenzierung. Denn in der Tat ist es theologisch höchst sauber und korrekt, Gott als Einheit, Wahrheit, Schönheit und eben auch Gutheit (nach der scholastischen Theologie die sogenannten „Transzendentalien", die allen kategorialen und konkreten Bestimmungen vorausliegen) zu bezeichnen, insofern er - nach der berühmten Definition des hl. Anselm von Canterbury - das Beste und Höchste schlechthin ist, das ein menschlicher Geist denken kann. Dieser zunächst gedachte Gott, der in einem philosophischen Gottesbegriff sprachlich gefasst wird, offenbart sich nach christlichem Glauben in seinem Sohn, besser noch: in der zweiten Person seines dreifaltigen Wesens. Er offenbart sich aber nicht einfach irgendwie, sondern, wie es der 1. Johannesbrief unübertroffen zum Ausdruck bringt, als Liebe. Genauer und in Absetzung von anderen griechischen Formen der Liebe: als hingebende und schenkende Zuwendung, ohne Bedingung. In dieser Weise entfaltet sich die Gutheit Gottes als Liebe.

Freilich lässt das deutsche Wort vom lieben Gott eher an leicht beschränkte Gutmütigkeit, denn an entschiedene Hinwendung zum Guten denken. Gott ist vom Wesen her Gutheit und Güte zugleich, also: er hasst die Sünde und liebt den Sünder. Die Liebe zum Sünder aber soll diesen zum Guten zurückführen und nicht einfach in seinem Verhalten mehr oder weniger lieb bestätigen.

Warum diese lange Vorrede? Weil, so meine ich, zwei Dinge wichtig sind. Erstens: Die Kirche ist das Volk Gottes, getauft und trotzdem in den einzelnen Getauften in Sünde befangen und daher der Erneuerung der Taufgnade in den Sakramenten, vor allem in der Beichte bedürftig. Als Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der Pius-Bruderschaft auf deren Bitten aufhob, da hat er zunächst etwas vollkommen Normales als guter Hirte der Kirche getan: Er hat, nach bekundeter Reue der Bruderschaft über die unrechtmäßige Weihe, die folglich die Exkommunikation nach sich gezogen hatte, die Mitglieder der Bruderschaft wieder zu den Sakramenten zugelassen - nicht mehr und nicht weniger. Ein qualitatives Urteil über Lehre oder Lebensführung der einzelnen Mitglieder der Bruderschaft ist damit überhaupt nicht ausgesprochen, auch nicht im hochsensiblen Feld des Antisemitismus. Was jetzt folgen muss und sollte, ist die vollständige Eingliederung der Bruderschaft in die römisch-katholische Kirche: liturgisch, dogmatisch, moraltheologisch.

Und damit zweitens: Gutheit und Liebe zu unterscheiden und aufeinander zu beziehen heißt auch: in Liebe und gegenseitiger Wertschätzung um die Gutheit, letztlich um das rechte Verständnis von Gottes Gutheit (und Gerechtigkeit) zu ringen und zu streiten und sich gegenseitig nicht den guten Willen zu solcher Klärung absprechen. Die Kirche beansprucht, Gottes Güte dogmatisch auszulegen und sakramental zu vermitteln. Und in diese sichtbare Kirche Jesu Christi soll sich die Bruderschaft vollständig wieder eingliedern. Das wird nicht ohne Schwierigkeiten gehen. Denn hier wird ein zweiter und wichtiger Punkt berührt: Wie kann eine solche Eingliederung gelingen, oder besser noch: Wie wird sie deutlich? Wenig hilfreich sind verschiedenste Hinweise der letzten Monate auf den vielbeschworenen Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils. Denn worin sollte der inhaltlich bestehen, angesichts höchst unterschiedlicher Dokumente, die zudem noch höchst unterschiedlich rezipiert worden sind?

Freilich: Wenn gemeint ist, dass es in der Kirche eine dogmatische Entwicklung gibt, wenn gemeint ist, dass die Unähnlichkeit unserer Begriffe von Gott immer größer ist als die Ähnlichkeit, wenn gemeint ist, dass die Kirche pilgerndes und damit geschichtliches Volk Gottes ist und das unwandelbare Wesen Gottes in geschichtlich-wandelbarer Gestalt sichtbar macht - dann entspricht dies vielleicht dem Geist des Konzils. Es ist bei Licht betrachtet der Geist jedes Konzils der Kirche, vom ersten Apostelkonzil an bis zum vorerst letzten, das auch nicht das letzte bleiben wird, sondern wiederum von weiteren Konzilien gefolgt werden wird. Denn Konzilien sind notwendige Punkte der Vergewisserung und Festschreibung und Fortentwicklung der Kirche, deren Aufgabe es ist, zu unterschiedlichen Zeiten und in wechselnder Geschichte die unwandelbare Gutheit und Liebe Gottes mit aller Schärfe und Entschiedenheit zu verkünden und auszufalten. Gerade auf moraltheologischem Gebiet aber verläuft die Entwicklung so schnell, dass wenige Jahre reichen, um Stellungnahmen der Theologie oder des Lehramtes erneuerungsbedürftig zu machen.

Und hinzu kommt auch auf säkularem Feld eine Veränderung von Einschätzungen: Wer würde heute noch den Optimismus teilen, der aus der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes" in Bezug auf die Entwicklung der Menschheitsfamilie spricht? Andererseits warnt dasselbe Dokument hellsichtig vor einer schrankenlosen Politik der Empfängnisverhütung, vor dem Verbrechen der Abtreibung, vor den unabsehbaren Konsequenzen des modernen Krieges. Immer steht im Hintergrund die Frage: Wie kann Gottes Gutheit und Liebe korrekt in konkreter moraltheologischer Weisung und Wertung ausgelegt werden. Oder: Die vielbeschworene und oft missverstandene Religions- und Gewissensfreiheit, die das Zweite Vatikanum gutheißt und unterstreicht, öffnet ja keineswegs dem Indifferentismus Tor und Tür, sondern will gerade den Weg zu individueller Entschiedenheit ebnen. Denn die Freiheit ist das Gefäß, in dem der kostbare Inhalt der Gutheit bewahrt und weitergegeben wird, und ohne Freiheit ist überhaupt eine Gutheit der Person nicht denkbar!

Darüber über die rechte Bestimmung von Gutheit und Liebe in Gott wird in Zukunft zu reden sein - mit der Pius-Bruderschaft und mit allen Menschen guten Willens. Denn lieb zu sein allein reicht nicht - gut muss man sein!

Die Tagespost vom 30. Mai 2009]