Vom Totenhaus zum Ort des Lebens

Russland: Im sibirischen Magadan kämpft ein Priester gegen die Abtreibung

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MÜNCHEN, 17. April 2012 (ZENIT.org/KIN). - Am kommenden Samstag, 21. April 2012, wird in Freising die diesjährige „Woche für das Leben“ eröffnet. Seit mehr als zwanzig Jahren leisten die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland damit einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung über den Wert und die Würde des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen.

Zur „Woche für das Leben“ veröffentlichen wir einen Beitrag über das Engagement eines Priesters in Russland für das ungeborene Leben. Pater Michael Shields wird dabei von „Kirche in Not“ unterstützt.

Von Eva-Maria Kolmann

MÜNCHEN/MAGADAN - Fünf Frauen sitzen zusammen im Kreis. Sie zünden Kerzen an. Viele Kerzen. Am Ende sind es 47 kleine Lichter. So viele Kinder haben diese fünf Frauen abgetrieben. Zum ersten Mal in ihrem Leben sprechen sie darüber. Gemeinsam trauern sie um ihre toten Kinder, geben ihnen Namen, bitten um Vergebung. Auf diesem schweren und schmerzhaften Weg werden sie seelsorgerisch betreut. Ins Leben gerufen wurde diese Initiative von Pater Michael Shields, der seit 20 Jahren im russischen Magadan tätig ist.

„Abtreibungen hinterlassen eine tiefe Wunde im Herzen. Heilt sie nicht, so sind die Frauen am Ende verbittert und voller Wut“, erklärt der aus Alaska stammende katholische Priester. In der früheren Sowjetunion waren Abtreibungen ein verbreitetes Mittel der Geburtenkontrolle, und bis heute ist die Abtreibungsrate hoch. „Fast jede Frau über 30 hat hier Schwangerschaftsabbrüche hinter sich.

Manche haben sogar mehr als zehnmal abgetrieben. Als ich jedoch anfing, in meinen Predigten darüber zu sprechen, wollte es noch kaum eine Frau zugeben“, berichtet er.

Heute ist es anders: Inzwischen suchen immer mehr Frauen, deren Seelen nach diesen Erfahrungen zutiefst verletzt sind, Hilfe und Heilung. Einige von ihnen werden nach diesem langen und schmerzhaften Heilungsprozess selbst zu Helferinnen für andere, indem sie junge Frauen über den Schmerz und das Leid aufklären, die eine Abtreibung mit sich bringt.

Aber in Magadan werden nicht nur Frauen betreut, die bereits abgetrieben haben, sondern auch werdende Mütter, die verzweifelt sind und nicht wissen, wie sie ihr Leben mit einem Kind meistern sollen. Oft will der Partner keine Verantwortung übernehmen und stellt die schwangere Freundin vor die Wahl, entweder abzutreiben oder die gemeinsame Wohnung zu verlassen. Auch von ihren Eltern können die meisten Frauen keine Hilfe erwarten.

„Die Entscheidung für das Kind erfordert von der Frau viel Mut, denn sie steht plötzlich vor dem Nichts. Sie hat kein Geld, keine Wohnung und niemanden, der sie unterstützt, weil viele keinen Kontakt zu ihren Familien haben, wenn sie zu ihrem Freund gezogen sind“, so Shields. Manche Männer finden sogar, dass die Schwangerschaft ihre Partnerin „hässlich macht“. Pater Michael erklärt: „Pornofilme spielen eine fatale Rolle. Die Pornografie ist wie eine Krankheit in der Gesellschaft. Sie ist überall verfügbar und zerstört die Beziehungen, macht die Familien kaputt und degradiert die Frauen. Oft ziehen Paare zusammen, die nichts verbindet als die sexuelle Anziehung, und es gibt kein Verantwortungsgefühl und keine Verpflichtung gegenüber dem Partner.“ 

Um den Frauen zu helfen, sich für ihr Kind zu entscheiden, ist konkrete Hilfe notwendig, betont Pater Michael. „Gute Worte allein bewirken gar nichts. Die Frauen müssen sehen, dass sie wirklich unterstützt werden. Sie brauchen Lebensmittel, Medikamente, Geld, um die Miete bezahlen zu können. Wenn sie das erste Mal etwas von uns bekommen, sind sie überrascht. Wir verhelfen ihnen außerdem möglichst bald zu Ultraschallbildern von ihrem ungeborenen Baby, damit sie eine Beziehung zu ihm aufbauen können.“ Manche Frauen brauchen zudem ein Dach über dem Kopf. Für solche Notfälle konnte Pater Michael Shields dank der Unterstützung des internationalen katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ in seiner Pfarrei eine Wohnung für junge Mütter einrichten, die keine Bleibe haben.

Neben der materiellen Unterstützung brauchen manche Frauen Hilfe, in ihre Mutterrolle hineinzuwachsen. Viele von ihnen haben es selbst nie erlebt, was eine richtige Mutter ist. „Sie wissen nicht, was sie tun müssen“, sagt Pater Michael. Deshalb werden sie von erfahrenen Müttern aus der Gemeinde begleitet, die ihnen mit Rat und Tat und menschlicher Wärme zur Seite stehen. Außerdem wird ihnen dabei geholfen, gegebenenfalls die Schule abzuschließen.

Magadan war zu Zeiten der Sowjetunion für seine Straflager berüchtigt. Dort sei das Leben lange Zeit nicht geachtet worden. „Die Kommunisten haben die Menschenwürde nahezu zerstört“, erklärt Pater Michael. „Gerade hier, wo das menschliche Leben mit Füßen getreten wurde, müssen sich die Kirchen gemeinsam für das Leben einsetzen.“

Schöne Augenblicke, die Hoffnung machen, erlebt Pater Michael immer wieder. Viele Frauen entscheiden sich am Ende für ihr Kind. Und manche der jungen Väter, die erst auf eine Abtreibung gedrängt hatten, gewinnen das Baby lieb, wenn es zur Welt kommt. Dann entsteht doch noch eine kleine Familie. Andere junge Mütter konnten inzwischen eine Berufsausbildung machen und stehen nun auf eigenen Füßen.

Vor der Ikone Unserer Lieben Frau vom Leben brennen Lichter. Lichter für tote Kinder und Lichter für das Leben. Viele Kinder in Magadan wären ohne die Unterstützung von Pater Michael und seinen Helferinnen nie geboren worden. Heute spielen und lachen sie. Ihre Mütter sind froh, dass es sie gibt. Diese Kleinen tragen dazu bei, dass Magadan von einem „Totenhaus“ immer mehr zu einem Ort des Lebens wird.