Von der Gabe zum Geber – Nachdenken im Grenzgebiet von Philosophie und Theologie

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz auf Innsbrucker Festakademie zum Herz-Jesu-Fest

| 832 klicks

INNSBRUCK, 19. Juni 2007 (ZENIT.org).- „Das Leben ist eine Gabe. Es kann niemals auf ein kausales Schema von Ursache und Wirkung reduziert werden. Ebenso gilt: Ein Kind ist nicht das Produkt seiner Eltern. Das Leben ist keine Kette, in der wir bewusst hergestellt worden sind“, erklärte Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Professorin für Religionsphilosophie und Vergleichende Religionswissenschaft.


Die an der Technischen Universität Dresden lehrende Professorin, für die das Leben „ein unverschuldetes Dasein“ ist, ermutigte zum Herz-Jesu-Fest am 15. Juni im Collegium Canisianum in Innsbruck, „das Dasein als Gabe zu leben“.

Auch in der postmodernen Zeit sei das trotz des Spannungsfeldes, in dem Glaube und Vernunft stünden, möglich, hob Gerl-Falkovitz hervor, die in diesem Zusammenhang auf den „Aufstand gegen eine sinnentleerte Welt“ unter Europas Intellektuellen aufmerksam machte. Die deutsche Wissenschafterin zitierte den im Jahr 2002 verstorbenen französischen katholischen Philosophen Michel Henry, der das Leben „als Gabe“ bezeichnet hatte, über „die wir Menschen nie reflektieren können, weil wir keinen Schlüssel zu dieser Gegebenheit haben“.

Auch Agnostiker, so warf sie mit Bezug auf die französischen Philosophen Jean-Francois Lyotard und Jacques Derrida ein, hätten zugegeben, dass sie eigentlich am „autonomen Subjekt Mensch“ zweifeln. Beide Philosophen hätten erkannt, dass das Leben unverfügbar sei, so die Religionsphilosophin zum neuen Trend in der europäischen Geisteswelt.

In Anlehnung an Jacques Derrida, der die These von der „Tauschkultur“ untersuchte und feststellte, dass das Leben nicht allein auf dem Prozess des Gebens und Nehmens gegründet sei, sagte Gerl-Falkovitz: „Wir können nie eine entsprechende Gegengabe für unser Dasein geben. Wir können Leben nur weitergeben.“

Lyotard habe unvorhergesehene, nicht auf kausale Ursachen zurückzuführende Geschehnisse, die die Wirklichkeit verändern, mit Begriffen wie „Ereignis“ und „Erhabenes“ ausgedrückt. Vor solchen Realitäten sei auch die postmoderne Welt nicht sicher, so Gerl-Falkovitz. Sie führte als positive Herausforderung den Fall des DDR-Regimes im Herbst 1989 an. Den Terroranschlag vom 11. September 2001 qualifizierte sie ebenfalls als ein solch undurchdringliches Ereignis, das aber eine negative Qualität aufweise. Allerdings habe dieses Ereignis bei Agnostikern Reaktionen ausgelöst, die auf eine religiöse Dimension verweisen.

„Wenn Jesus von sich sagt, dass er ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben‘ ist“, so sei es ein glaubwürdiger Akt, aus dem Text des Evangeliums den Schluss zu ziehen, „dass Wahrheit als Lebendigkeit, als Person“ existiert. „Wenn wir die Gabe des Daseins erfahren, so muss auch der Geber leben“, folgerte Gerl-Falkovitz aus ihrer Auslegung des 14. Kapitels des Johannesevangeliums.

Der Jesuitenorden, der das Collegium Canisianum trägt, bringt seine besondere Herz-Jesu-Verbundenheit jedes Jahr mit einer Festakademie und einem Festgottesdienst zum Ausdruck. Ab Herbst 2007 wird das Canisianum als „Internationales Theologisches Kolleg“ geführt. Es ermöglicht Priestern ein Aufbaustudium an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.