„Von der Pike auf gedient“

Major Peter Hasler nahm nach 42 Jahren Abschied von der Päpstlichen Schweizergarde

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Von Ulrich Nersinger

WÜRZBURG, 25. Mai 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Es kommt nicht oft vor, dass eine bekannte Redewendung so exakt zutrifft. Aber Major Peter Hasler von der Päpstlichen Schweizergarde hat im wahrsten Sinne des Wortes von der Pike auf gedient, ist vom einfachen Hellebardier zum Offizier im Kommandostab aufgestiegen. In früheren Zeiten war die Pike die Hauptwaffe der Landsknechte. Sie gehört wie die Hellebarde noch heute zur Ausrüstung der päpstlichen Leibwache. Sie kommt bei jedem Wachwechsel in Gebrauch, und wird von den Korporalen, wenn sie ein Pikett anführen, getragen. Aber nicht nur die militärische Laufbahn des Gardemajors stellt eine Besonderheit dar. Man muss schon weit in die Geschichte zurückgehen, um in den Matrikelbüchern der Schweizergarde eine ähnlich lange Dienstzeit aufzuspüren, wie sie Major Hasler vorweisen kann.

Geboren wurde Peter Hasler am 23. Februar 1947 in Montlingen, im St. Galler Rheintal. Nach einer Lehre als Möbelschreiner und unmittelbar im Anschluss an die Rekrutenschule in der Schweiz trat er am 1. Dezember 1966 in die Garde ein. Eine Anzeige in der Lokalzeitung hatte ihn neugierig gemacht: „Fürs ganze Leben bildend und unvergesslich bleiben Erlebnisse aus Dienst und Freizeit in der Schweizergarde in Rom." Am 6. Mai 1967 wurde er im Ehrenhof des Gardequartiers feierlich vereidigt. Bereits nach dreiundzwanzig Monaten zum Vizekorporal befördert, durchlief er dann sämtliche Dienstgrade, bis ihn Johannes Paul II. als oberster Dienstherr 1987 zum Major berief. Ihm übergeordnet waren zuletzt nur noch der Kommandant, dessen Stellvertreter und der Kaplan der Schweizergarde. In den zweiundvierzig Jahren seiner Zugehörigkeit zur Garde diente Hasler unter vier Päpsten und sieben Kommandanten - und gemeinsam mit rund 1400 Gardisten.

Mit allen Verpflichtungen, die auf einen Gardisten zukommen können, ist er bestens vertraut. Er hat an den vier offiziellen Eingängen zur Vatikanstadt gedient, bei den Zugängen, die in den Apostolischen Palast hineinführen, auf allen Stockwerken der päpstlichen Residenz und unmittelbar vor der Wohnung des Papstes. Bei den großen liturgischen Feiern im Vatikan, bei Audienzen, diplomatischen Empfängen und Staatsbesuchen leistete er die üblichen Geleit- und Ehrendienste. Als einem der drei Geschwaderführer des Korps wurde ihm die Verantwortung für ein Drittel der Mannschaft anvertraut; während vieler Jahre war er für die Durchführung der Rekrutenprüfungen zuständig. Als Materialoffizier zeichnete er für die Schneiderei und die Waffenkammer verantwortlich. Aus einem Dokumentenkonvolut, das in drei Holzschränken verstaut war, baute er das Gardearchiv auf, das heute allen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird und durch den Einsatz neuester Computertechnik eine effiziente Recherche ermöglicht.

„Acriter et fideliter - Tapfer und treu" lautet der Wahlspruch der Päpstlichen Schweizergarde. Auch er trifft wortwörtlich auf Peter Hasler zu. Treue hat er im Kleinen und im Großen bewiesen, im alltäglichen Dienst und in besonderen Ausnahmesituationen, so, als er 1998 die Ermordung des Gardekommandanten Alois Estermann miterleben musste und in dieser schwierigen Zeit zur Stütze seiner Kameraden wurde. Tapferkeit wird von einem Angehörigen der Garde zwar gefordert, aber gottlob braucht er sie selten unter Beweis zu stellen. Peter Hasler, der zum unmittelbaren Personenschutz des Papstes gehörte und ihn auf rund vierzig Auslandsreisen begleitete, geriet gleich zweimal in bedrohliche Situationen.

Am 13. Mai 1981 wurde Papst Johannes Paul II. bei einem Attentat lebensgefährlich verwundet. Die Gardechronik notierte damals: „Beim zweiten Parcours des Papstes über den Petersplatz, anlässlich der heutigen Generalaudienz, wird er von einem jungen Türken angeschossen ... Der Gardekommandant Oberst Buchs befand sich mit Hauptmann Estermann zum Zeitpunkt des Attentates hinter der Campagnola (offener Geländewagen). Voraus ging Feldwebel Prinz. Als die Schüsse fielen, drang Hauptmann Estermann zusammen mit Wachtmeister Hasler auf den Wagen. Beide kümmerten sich vorbildlich um den Heiligen Vater. Der sich in der Nähe befindliche Wachtmeister Roggen machte sich auf die Verfolgung des Täters."

Sechsundzwanzig Jahre später, am 6. Juni 2007, wurden die Teilnehmer an einer Generalaudienz auf dem Petersplatz wiederum in Schrecken und Angst versetzt. Ein junger Mann aus Baden-Württemberg hatte sich, als das Auto mit dem Papst vorbeifuhr, mit beachtlichem Elan über die Absperrung geschwungen. Zum Glück tat er das genau vor einem vatikanischen Gendarmen, der dort postiert war, und Peter Hasler, der den Wagen des Papstes zu Fuß begleitete. Beiden Sicherheitsbeamten gelang es, den geistig verwirrten Deutschen niederzuringen. Der Major wurde jedoch bei der Attacke verletzt und musste ins Hospital gebracht werden.

Am Freitag wurde Peter Hasler im Gardequartier verabschiedet, wenn auch seine Dienstzeit offiziell erst am letzten Tag des Monats endet, genau 42 Jahre und sechs Monate nach seinem Eintritt in die Päpstliche Schweizergarde. Seiner römischen Wahlheimat wird der Pensionär treu bleiben - vor allem aus familiären Gründen. 1980 heiratete er die Journalistin Michaela Petti aus dem süditalienischen Amalfi. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, von denen der ältere im Governatorat des Vatikanstaates arbeitet. Am 29. November 1966 hatte Peter Hasler am Bahnschalter in Oberriet seinen Fahrschein in die Ewige Stadt gelöst und dem Schalterbeamten in weiser Voraussicht gesagt: „Rom einfach".

[Die Tagespost vom 23. Mai 2009]