Von Hollywood zur Neuevangelisierung: Glaubensgespräch mit Sängerin Jennifer James

"Ich habe es aufgegeben, Statussymbole zu erwerben. Gott fragt nicht danach"

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MÜNCHEN, 7. April 2006 (ZENIT.org).- Was geschieht, wenn eine Ballerina, die zugleich Sängerin und Model ist, plötzlich nur mehr für Gott leben will, das weiß Jennifer James wohl am besten.



Geboren in Manhattan (New York), wuchs sie in Newport Beach, US-Bundesstaat Kalifornien, auf. Ihre Eltern sind im amerikanischen Showbusiness verwurzelt: Ihre Mutter, die heute 74-jährige Schauspielerin Lucy Marlow, feierte bereits in den fünfziger Jahren blutjung ihre ersten Filmerfolge ("Ein neuer Stern am Himmel" – Originaltitel: "A star is born" – aus dem Jahr 1954 ist am 4. Mai auf "Arte" zu sehen). Schon nach wenigen Jahren Ehe kehrte sie Hollywood aber den Rücken. Der Vater von Jennifer James ist Andy Carey, ein weltbekannter Baseballspieler, der 1935 geboren wurde. Die Gospelsängerin hatte auch einen Bruder namens James, der früh ums Leben kam. Jennifer legte sich deshalb im Alter von 18 Jahren den Künstlernamen "James" zu.

An der "Stanley Holden Academy of Dance" in Los Angeles wurde sie zur Tänzerin ausgebildet, früh entdeckt und als Sängerin in verschiedenen Bands engagiert. Dwight Yoakum wurde ihr Produzent, und über Nashville rutschte sie in das Unterhaltungsprogramm der US-amerikanischen Streitkräfte, für die sie in verschiedensten Ländern sang. Im Jahr 1999 landete sie schließlich in München.

ZENIT sprach mit Jennifer James über ihren "Suchweg", ihre Offenheit für Erfahrungen mit Gott, Gebet und dem Glauben, der ihrem Leben in den letzten Jahren eine neue Orientierung gab. Nach einem einschneidenden Erlebnis hat sie sich dazu entschlossen, nur noch zur Ehre Gott zu leben.

ZENIT: Sie sind Model, Sängerin und Tänzerin sowie die Tochter eines Hollywoodstars und eines Baseballchampions. Vor kurzem konnte man Sie als engagierte christliche Künstlerin auf einer katholischen Glaubenskundgebung erleben. Wie geht das zusammen?

-- Jennifer James: Ich muss gestehen, dass der Weg von Hollywood über die Rock 'n' Roll-Tourneen mit der US-Armee bis zur ersten öffentlichen Glaubenskundgebung beim Kongress von "Kirche in Not" vor zwei Jahren und jetzt wieder beim Festival in Augsburg Teil meines Suchweges als Christin ist. Ich habe gemerkt, dass ein Weg mit Gott notwendigerweise ein "Trip" ist, der dein Leben verändert und auf den du dich jeden Tag neu ausrichten musst.

Als Ballerina und Sängerin habe ich schon früh gelernt, mich ins Rampenlicht zu stellen und Publicity zu suchen. Als jemand der sich nun entschlossen hat, nur für Gott zu singen habe ich eines gemerkt: Ich muss zurücktreten lernen, mich immer wieder hinter ihn stellen, damit Gott im Zentrum meiner Lieder und meines Gesanges bleibt. Das ist jetzt die neue Herausforderung: Gott die Ehre zu geben und doch all das einzusetzen, was ich an Talenten hab; mich dauerhaft in ihm zu bergen und zu verbergen.

ZENIT: Gibt es in Ihrer Biographie einen christlichen Hintergrund?

-- Jennifer James: Ich bin, wenn man so will, in einer christlichen Familie aufgewachsen. Meine Mutter Lucy Marlow hat mich so erzogen. Mit vier Jahren, so wird gesagt, ging ich zu den Nachbarn und sagte ihnen: "Wisst ihr, dass Jesus euch liebt?" Die Nachbarin erklärte meiner Mutter, ich hätte einen Spleen.

Mit zwölf Jahren beschloss ich, mich zur Tänzerin ausbilden zu lassen. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich mitten in der Pubertät war. Plötzlich zerbrach die Familie, alles Geld floss in die Gerichtsverhandlungen und ich musste meinen Platz in der Royal Academy of London in England traurigerweise aufgeben. Die Scheidung meiner Eltern und der Verlust meines Bruders James, der zu früh bei einem Autounfall starb, sowie von Familienmitgliedern, die auch früh starben, deprimierten mich zutiefst. Ich lief damals von einem Psychologen zum nächsten, machte Selbsthilfekurse. In Kalifornien hast du ja diese ganze Palette: "Help yourself – be your own God."

Ich war innerlich erschöpft, wurde sehr krank, bekam sogar einen krebsartigen Tumor. Wenn der Vater plötzlich ausbricht und Partner und Kind verlässt, dann kommt alles durcheinander. Kinder sollen plötzlich Position beziehen. Die Mutter übernimmt eine zu dominante Rolle und alles gerät aus den Fugen. Das lädierte mein inneres Gleichgewicht enorm. Mein Glaube war dahingeschmolzen, und mir war klar: Ich muss auf mich selbst Acht geben; ich muss mir selber helfen, sonst hilft mir keiner.

ZENIT: Wie wurden Sie dann zum Glauben zurückgeführt?

-- Jennifer James: Als Königin des Rock 'n' Roll wurde ich erfolgreich und schlug mich in dieser Welt als Frau durch. Ich habe für meinen Unterhalt notgedrungen noch zwei Berufe dazu gelernt.

Als ich einmal in Beverly Hills E-Gitarre lernte und spielte, traf ich eine Frau. Sie lud mich zu einem Gebetskreis in eine Kirche ein. Es handelte sich um eine charismatische Gruppe, die mich mit ihren Überzeugungen überraschte: dass der Heilige Geist uns ins Gewissen redet, uns ins Herz spricht. Ich hatte noch nie erlebt, dass Christen in Sprachen reden.

Meine Mutter, der ich diese Erfahrungen erzählte, riet mir zur Vorsicht. An einem Gebetsabend war ein Geistlicher dabei, der ein Heilungsgebet mit Einzelsegen anbot. Ich hob meine Hand: Ich wollte es erleben. Dann erschrak ich plötzlich, hatte Angst vor meiner eigenen Courage und wollte mich dem Ganzen entziehen. Der Geistliche kam auf mich zu: "Möchtest du, dass ich mit Dir bete?" Ich erklärte ihm, dass ich das Ganze nur kennen lernen wollte, jetzt aber weg müsse. Daraufhin sagte der Gebetsleiter zu mir: "Diese Einladung zur Heilung will dich nur beschenken. Gott hat viele Gaben für dich." Er segnete mich, und plötzlich überkam mich die Zungenrede. Ich fürchtete mich und bat den Geistlichen um eine Erklärung. Er sagte: "Hab keine Angst. Das ist schlicht eine Form des Gotteslobs, bei dem nicht die Worte wichtig sind, sondern nur die Haltung des Herzens. Denke nicht über die Worte nach, lass dich von der Melodie beflügeln."

Ich stürzte aus der Kirche in mein Auto. Kaum hatte ich es erreicht, brach ich in Tränen aus. Ich hatte mich solange dagegen gewehrt, Gottes Gegenwart in meinem Leben zu zulassen. Und das Gewaltige dabei war: Gott machte mir keine Vorwürfe. Er sagte mir nur: "I missed you" – "Ich habe dich vermisst". Damals spürte ich, dass er die Liebe meines Lebens ist. Ich war tief getroffen und gleichzeitig tief bewegt. Ich weiß nicht, wie ich heimkam, denn ich war total verwirrt.

Ich ging dann zu Treffen, wo wir miteinander die Heilige Schrift lasen. Ich begann, meine Gebetserfahrungen in Worte zu fassen und komponierte Lieder. Die Menschen bewegte das. Ich fühlte mich bestätigt – "so schlecht bin ich also nicht". Ich redete mit vielen Menschen über Gott und fühlte mich wie von Engeln getragen. Singen und über Gott reden, das wurde für mich zu einer neuen Lebensform. Ich wollte für Gott Lieder schreiben und für ihn singen. Ich ging zur Kirche. Und schließlich gelangte ich nach Deutschland, wo ich für die US-Armee arbeitete, für ihr internationales Unterhaltungsprogramm. In der ganzen Zeit ging mir der eine Gedanke nie aus dem Kopf: "Singe für Gott!"

ZENIT: Jennifer, wie haben Sie bei Ihrer Arbeit in den Tanzbars der US-Armee erkannt, dass Ihr Leben eine neue Richtung bekommen soll? Wie klärt sich so etwas, wie gelangt man zu einer praktischen Entscheidung?

-- Jennifer James: Ich merkte irgendwann, dass ich für Leute sang, die nur ihren Spaß haben wollten, Soldaten, die ziemlich betrunken waren. Ich habe mit Gott darüber gesprochen, und er fragte mich ganz direkt: "Was macht dich eigentlich glücklich? Wer schenkt dir Kraft?" Auf diese Weise begann ich, mich auf ganz wesentliche Fragen zu besinnen: "Warum bin ich hier, Gott? Was sind meine tiefsten Lebenswünsche?"

Ich schrieb also auf, was ich liebte, und machte eine Liste von allem, was mir viel bedeutet: Ich liebe Kinder und Tiere und wollte schon früh verwahrloste Kinder adoptieren. Ich liebe Kinderspielzeug, und vor allem: Ich habe in mir so einen Geist, der sich um das Verlorene kümmern will. Ich wollte für behinderte Kinder da sein. Ich wollte meine Musik Gott zu Verfügung stellen.

Mir kam die Eingebung, ein soziales Hilfsprojekt in Form eines "Kid-Camps" in den USA vorzubereiten. Mir liegen die Kinder am Herzen, die keine richtige Kindheit gekannt haben. Wenn ich daran denke, habe ich so viele Kinder vor Augen, die von klein auf missbraucht wurden. So viele Kinder aus zerbrochenen Familien kennen keine wahre Liebe. Ihre Mütter sind oft heroinabhängig und sehr aggressiv. Andere stammen aus spanisch sprechenden lateinamerikanischen Einwandererfamilien und haben harte Erfahrungen hinter sich. Ich wünsche mir, dass diese Kinder einige Tage in so einem "Kid-Camp" zubringen können – um über die unschuldige, reine Liebe zu den Tieren zu lernen, sich nicht aggressiv zu verhalten, sondern für andere Lebewesen da zu sein.

Ich habe Gott damals gebeten: "Zeige mir, was du von mir möchtest. Ich will für dich da sein." Und da öffnete sich von München aus eine Tür nach Spanien. Ich habe eine Einladung für ein zweijähriges Projekt als Freiwillige unter behinderten Kindern in Barcelona bekommen. Dort begann ich vor drei Jahren mit behinderten Kindern zu arbeiten, und ich versuche seitdem, diese Sprache zu lernen und für Behinderte da zu sein.

ZENIT: Wo und wie entdecken Sie Gott in ihrem Alltag?

-- Jennifer James: Ich habe in einer Einrichtung in Sitges einen behinderten Mann kennen gelernt, der Fabian heißt und an den Rollstuhl gefesselt ist, weil er halbseitig gelähmt ist. Ich musste weinen, als ich ihn zum ersten Mal pflegte. Mein Gebet war: "Worüber soll ich klagen, Herr? Ich bin so dumm, denn ich beklage mich über meine Schwierigkeiten und darüber, dass ich meine Lebensziele nicht erreiche. Diese Menschen, die oft nicht einmal sprechen können, vermitteln mir ihre Gefühle nicht mit Worten, aber ich bekomme von ihnen so viel geschenkt, so viele Einsichten."

Alles, was ich in Los Angeles, Hollywood, gemacht hatte, kannte nämlich nur ein einziges Ziel: andere Menschen zu beeindrucken. Das schien damals so wichtig und real zu sein – dabei ist es so irreal. Und wenn du mit Behinderten lebst und arbeitest, dann wird die ganze Maskerade Hollywoods plötzlich hinfällig. Man muss wagen, wirklich auf das Wesentliche zu schauen und sich das Lebensziel zu setzen, für andere da zu sein, Gott zu lieben und ihm zu dienen.

Ich will für den Rest meines Lebens eine Missionarin der Liebe Gottes sein. Das ist für mich die Konsequenz der Erfahrung, dass sich Gott um mich kümmert. Das ist oft auch ganz praktisch: Er lässt mich so viele Dinge, die ich brauche in dieser Wegwerfgesellschaft einfach finden. Es ist beschämend, ich sorge mich um dies und das, und Gott sorgt dafür, dass es mir einfach zufällt. Manchmal sind es Gebrauchsgegenstände, die andere einfach wegwerfen. Ich versuche diese Jahre, mein Vertrauen allein auf Gott zu setzen und nicht auf Menschen. Gott hat sich hervorragend um mich gekümmert. So will ich lernen, mich weiterhin auf ihn zu verlassen und nicht auf mich. Sogar meine Mutter, die eine überzeugte Christin ist, findet meine Entscheidung, so einfach zu leben, etwas überzogen. Aber beim jüngsten Besuch musste ich ihr sagen: "Ich kann dir leider nicht Recht geben. Was mich angeht, will ich meine Entscheidungen immer nur zur größeren Ehre Gottes fällen."

ZENIT: Wie werden Sie mit den schwierigen Phasen des Lebens fertig? Haben Sie ihre Lebensziele schon erreicht?

-- Jennifer James: Mein Glaube führt mich zuweilen durch schwierige Momente. Es ist wirklich ein "Trip" zu sagen: "Ich will mich auf Dich verlassen, Herr." Jeden Tag musst du das neu lernen. Wenn du im Herzen hörst: "Kann ich mit Dir rechnen, Jenny?", und du fragst: "Wie Herr?" und losgehst, dann kommst du drauf, dass du lernen musst, dir selber zu sterben; dich auf Gott bedingungslos einzulassen, nichts festzuhalten. Das musste ich erst einüben. Ich habe damit begonnen, mir etwas vorzunehmen, was machbar war: Nichts mehr Materielles "festzuhalten": Ich gebe immer alles weg, was andere brauchen können. Mein Vertrauen ist auf Gott gegründet, nicht auf das, was ich habe.

Zwei Jahre lebe ich nun in einer fremden Welt, und Gott hat für mich gesorgt. Ich arbeitete gerne mit den Behinderten dort als Freiwillige. Ich habe bisher immer erlebt: Gott gibt reichlich. Manchmal werde ich nervös, und irgendwie tut es weh, weil ich natürlich die Dinge kontrollieren möchte, weil ich definitiv wissen will, wie es weitergeht. Viele Bekannte sagen mir, du müsstest eigentlich bald ein Haus haben und eine feste Bleibe, Jenny. Aber dann schaust du auf Christus, sein Leben und seine Prioritäten. Er wollte nichts zu seiner eigenen Ehre besitzen, er hat alles mit anderen geteilt.

Ich habe es aufgegeben, Statussymbole zu erwerben. Gott fragt nicht danach. Er rüstet mich mit allem aus, was ich brauche. Es ist eine bleibende Herausforderung, so einfach zu leben, denn ich bin in einer materialistischen Gesellschaft aufgewachsen. Jeder sammelt seine Statussymbole – das neue Haus auf dem Berg, das tolle Auto. Manchmal denke ich: Bin ich verrückt? Ich komme mir vor wie Moses, der seine Schafe hütet und von Gott herausgerufen wird aus seiner Welt, um dann vierzig Jahre in der Wüste zu leben. Momentan tue ich nichts für mein Vorankommen; ich vermeide jedes Karrieredenken und überlasse das ganz Gott.

Jüngst ging mir tiefer der Sinn jener Evangeliumsstelle auf, wo es heißt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Er ist der Vollkommene. Am Ende meines letzen Auftritts bei der Glaubenskundgebung erklärte mir der mutige afrikanische Generalvikar Dr. Obiora Ike aus Nigeria: "Du hast eine Gabe Gottes. Es ist eine Gabe, die von ihm stammt. Setze sie für Gott ein, denn die Welt braucht die gute Nachricht. Deine Musik kann die Herzen vieler Menschen für Gott gewinnen." Da verstand ich: "Its not anymore about being perfect, its about being available" – "es geht nicht mehr darum, perfekt zu sein, sondern darum, für andere verfügbar zu sein".