„Von welchem Geiste lassen wir uns im Umgang mit den Einwanderern leiten?“: Wort der Schweizer Bischöfe zum Tag der Völker am 12. November 2006

„Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17)

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SANKT GALLEN, 4. NOVEMBER 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Hirtenbrief des Bischof von Sitten, Norbert Brunner, zum „Tag der Völker/ Tag der Migranten“, der am 12. November begangen wird.



Bischof Brunner, der in der Schweizer Bischofskonferenz für Einwanderungsfragen zuständig ist, ruft dazu auf, den Einwanderern in einem echten „Geist der Kinder Gottes“ zu begegnen.

„Immer dann, wenn sich der Mensch seinen ‚Freiheiten’ hingibt, verliert er seine wahre Freiheit“; wenn er sich dagegen „unter das Gesetz der Liebe zu Gott und zu den Menschen“ stelle, erlange er wahre Freiheit und sei imstande, ohne Angst auf die Menschen zugegen.

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Liebe Schwestern und Brüder!

"Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus hat dich frei gemacht." (Röm 8,2)

Sportliche Ereignisse wie Welt- oder Europameisterschaften lösen, wenn auch nur kurzfristig, wahre „Völkerwanderungen“ aus.
Ähnliches geschieht jedes Jahr während der Ferienzeit. In beiden Fällen bemühen sich die Verantwortlichen auf allen Stufen, ihr Land in bestem Lichte darzustellen, damit sich die Gäste auch wohl fühlen. Zu diesem Zwecke wird auch Vieles unternommen, um die Gäste bereits in ihrem Herkunftsland vorzubereiten.

Viel umfassender und gesellschaftlich viel bedeutungsvoller sind die Einwanderer, die zu uns kommen, um zu arbeiten, um ihren Lebensabend zu verbringen, um ihre Krankheiten zu heilen, um Schutz vor Verfolgung, Hunger oder Krieg zu finden. Von welchem Geiste lassen wir uns im Umgang mit diesen Einwanderern leiten?

Auch heute noch ist unsere erste Reaktion diesen Einwanderern gegenüber die Angst. Die Gründe für diese Angst sind verschieden; oft sind sie nicht einmal klar fassbar. Wer aber in der Angst lebt, der ist nicht frei in seinem Urteil. Die Angst ist wie eine Brille, die den freien Blick auf die Wirklichkeit behindert oder verdunkelt. In dieser Situation ist der Einheimische als Einzelner oder als Gemeinschaft versucht, sich gegen die so verzerrte Wirklichkeit durch Abwehr oder Abweisung, und schließlich durch restriktive Gesetze zu schützen.

Ein gesetzlich verankerter Schutz gegen Missbräuche in der Gastfreundschaft ist zwar notwendig und gerechtfertigt. Er darf aber nicht dazu führen, dass neue Zwänge entstehen. Jedes Gesetz muss, so gegensätzlich das in unserem menschlichen Verstehen klingen mag, die betroffenen Menschen in ein harmonisches und freies Zusammenleben führen.

Ich bedauere es darum sehr, dass die Menschen in unserem Lande bei der Abstimmung vom vergangenen September diese Wahrheit nicht erkannt, und die Vorlagen angenommen haben.

Ein deutscher Dichter hat folgenden Vers geschrieben: „Freiheit sei der Zweck des Zwanges, wie man eine Rebe bindet, dass sie, statt im Staub zu kriechen, frei sich in die Lüfte windet“ (Friedrich Wilhelm Weber, „Dreizehnlinden“). Diese Freiheit meint auch der Apostel Paulus, wenn er schreibt: „Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus hat dich frei gemacht“ (Röm 8,2).

Wenn sich Menschen unter das Gesetz der Liebe zu Gott und zu den Menschen stellen, wenn sie sich von diesem Geist der Liebe leiten lassen, werden sie frei und ohne Angst den anderen Menschen begegnen können, weil sie, wie Paulus weiter sagt, frei gemacht sind „vom Gesetz der Sünde und des Todes“.

Immer dann, wenn sich der Mensch seinen „Freiheiten“ hingibt, verliert er seine wahre Freiheit. Er wird zum Sklaven seiner Egoismen, seiner Genusssucht, seines Strebens nach immer mehr Besitz, Erfolg und Wohlstand. In der Ausübung dieser „Freiheiten“ kann er dabei so weit gehen, dass er nicht nur seine eigene, sondern auch die Freiheit der Mitmenschen missachtet. Er ist nicht frei, um den anderen Menschen unvoreingenommen und selbstbewusst zu begegnen. Er wird selber zum Unfreien, und er zwingt andere unter das Gesetz seiner Zwänge.

Die alttestamentliche Lesung des heutigen Sonntags zeigt uns an einem kleinen Beispiel, wie die Einheimische sich mit alltäglichen Dingen von ihrem Egoismus lösen kann, wie sie dadurch frei wird für den Fremden, und so selber reich beschenkt wird.

Und der Fremde, der Einwanderer?

Auch er muss von diesem Geiste der Liebe und vom Leben in und aus Christus beseelt sein. Wenn er in ein anderes Land kommt, das ihm zuerst fremd ist, muss er sich auch von Bekanntem und Hergebrachtem lösen, von „Zwängen“ aus seiner bisherigen Umgebung im eigenen Land. Das ist nicht immer leicht. Wenn er sich aber öffnet für das Land, das ihm Gastrecht gewährt, und den Menschen mit Interesse für deren Kultur und Sprache, für deren Alltagsleben und deren Feiern begegnet, wird auch er mit Neuem reich beschenkt.

Die Mitmenschen schließlich, die bereits längere Zeit in unserem Lande sind, die mit unserer Sprache und Kultur vertraut sind, die in gewisse Gewohnheiten hineingewachsen und sich notwendige (aber in veränderter Situation nicht mehr anwendbare) Rechte geschaffen haben, müssen sich ganz oder teilweise von diesen befreien, wenn die veränderten Umstände dies erfordern. Sonst laufen sie Gefahr, dass diese Rechte zu Zwängen werden, die sie der notwendigen Freiheit berauben. Sie werden dadurch zu Sklaven jener Situation, die wohl zu einer gewissen Zeit notwendig und gültig war, sich aber verändert hat.

Das trifft im Besonderen für die Kinder und Enkel der Einwanderer zu. Sie sind bei uns aufgewachsen. Sie tragen darum mit den Einheimischen Verantwortung dafür, dass neue Erst-Einwanderer im „Geiste der Freiheit der Kinder Gottes“ in unserem Lande aufgenommen werden. Sie dürfen sich dieser Verantwortung auch dann nicht entziehen, wenn sie auf vertraute Einrichtungen und festgefügte Formen verzichten müssen. So kann und muss
jeder seinen Beitrag leisten, und sei es nur wie „das
Scherflein der armen Witwe“. Auch der kleinste Beitrag bedeutet viel.

So wird eine echte menschliche und christliche Gemeinschaft wachsen können, in der der Einheimische ebenso wie der Fremde seine Eigenart, seine Kultur und seine Sprache leben kann, durchdrungen vom Geist des Herrn, und in einem Leben aus Christus, der die Einen offen und frei macht für die Reichtümer der Anderen.

So werden wir miteinander nicht nur für die Zeiten der Sportanlässe oder der Ferien ein gutes „Image“ pflegen, sondern immer Zeugen des Geistes sein, aus dem wir gemeinsam in Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft gehen.

+ Norbert Brunner
Bischöflicher Delegierter für Migration

[Von der Schweizer Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]