"Vor den Augen Gottes sind wir alle gleich"

Katechese von Papst Franziskus während der Generalaudienz am 26. Juni

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 725 klicks

In seinerauf Italienisch gehaltenen Ansprache setzte der Papst seine neue dem Geheimnis der Kirche gewidmete Katechesen-Reihe fort.Im Zentrum seiner Betrachtungen stand folgendes Thema: „Die Kirche: Tempel des Heiligen Geistes.“

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen richtete Papst Franziskus einen besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem Apostolischen Segen.

Wir veröffentlichen die Worte von Papst Franziskus in einer eigenen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich ein weiteres für die Darstellung des Geheimnisses der Kirche hilfreiches Bild skizzieren: das Bild des Tempels (vgl. II Ökum. Vat. Konz., Dogm. Konst. „Lumen gentium”, 6).

Woran denken wir, wenn wir das Wort Tempel hören? Wir verbinden den Begriff mit einem Gebäude, einem Bauwerk. Viele Menschen denken dabei insbesondere an das Volk Israel, von dem im Alten Testament berichtet wird. In Jerusalem war der große Tempel Salomons der Ort der Begegnung mit Gott im Gebet. Im Inneren des Tempels befand sich die Bundeslade als Zeichen der Gegenwart Gottes unter dem Volk. Diese Lade enthielt die Gesetzestafeln, das Manna und Aarons Stab als Zeugnisse der Tatsache, dass Gott stets ein Teil der Geschichte seines Volkes war und dessen Weg begleitete und führte. Der Tempel erinnert an diese Geschichte: Wenn wir uns zum Tempel begeben, müssen auch wir uns an diese Geschichte erinnern. Jeder von uns muss sich an unsere Geschichte erinnern; an die Begegnung mit Jesus, den gemeinsamen Weg mit Jesus und daran, dass er uns liebt und segnet.

Was im alten Tempel angekündigt wurde, wird kraft des Heiligen Geistes in der Kirche verwirklicht: Das Kirche ist das „Haus Gottes“, der Ort seiner Gegenwart, an dem wir den Herrn antreffen und ihm begegnen; die Kirche ist der Tempel, in dem der sie liebende, führende und stützende Heilige Geist wohnt. An dieser Stelle können wir uns Folgendes fragen: Wo können wir Gott begegnen? Wo können wir mit ihm durch Christus in Gemeinschaft treten? Wo können wir das Licht des Heiligen Geistes finden, das unser Leben erleuchtet? Die Antwort lautet folgendermaßen: im Volk Gottes, unter uns, der Kirche. Hier werden wir Jesus, dem Heiligen Geist und dem Vater begegnen.

Der alte Tempel wurde von den Händen der Menschen gebaut: Man wollte Gott “ein Zuhause zu geben”, um ein sichtbares Zeichen seiner Gegenwart unter dem Volk zu setzen. Mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes erfüllt sich die Weissagung des Nathan an den König David (vgl. 2 Sam 7,1-29): Nicht der König, nicht wir „geben Gott ein Zuhause“, sondern Gott selbst „baut sein Haus“, um unter uns zu wohnen, wie der hl. Johannes in seinem Evangelium schrieb (vgl. 1,14). Christus ist der lebendige Tempel des Vaters, und Christus selbst ist der Erbauer seines „geistlichen Hauses“, der Kirche, die nicht aus materiellen Steinen gemacht ist, sondern aus lebendigen, die wir sind. Der Apostel Paulus richtet die folgenden Worte an die Christen von Ephesus: Ihr seid „auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“ (Eph 2,20-22). Das ist schön! Wir sind die lebendigen Steine von Gottes Bau und in tiefer Einheit mit Christus verbunden, dem Stützstein, der auch für den Halt zwischen uns sorgt. Was bedeutet dies? Es bedeutet, dass wir der Tempel und die lebendige Kirche sind. Wir sind der lebendige Tempel, und wenn wir vereint sind, ist auch der Heilige Geist zugegen, der uns dabei hilft, als Kirche zu wachsen. Wir sind nicht isoliert, sondern das Volk Gottes: Das ist die Kirche!

Es ist der Heilige Geist, der mit seinen Gaben die Vielfalt zeichnet. Dies ist von großer Bedeutung: Wie wirkt der Heilige Geist unter uns? Er zeichnet den Reichtum und die Vielfalt in der Kirche und vereint alle mit allem, sodass ein geistlicher Tempel geschaffen wird, in dem wir nicht materielle Opfer darbringen, sondern uns selbst, unser Leben (1 Petr 2,4-5). Die Kirche ist kein Gewirk von Dingen oder Interessen, sondern der Tempel des Heiligen Geistes; der Tempel, in dem Gott wirkt, der Tempel des Heiligen Geistes, der Tempel, in dem Gott wirkt, und in dem jeder von uns durch das Geschenk der Taufe ein lebendiger Stein ist. Dies bedeutet, dass niemand in der Kirche unnötig ist. Wir alle sind für den Bau dieses Tempels notwendig! Niemand ist zweitrangig. Niemand ist der Wichtigste in der Kirche. Vor den Augen Gottes sind wir alle gleich. Manche unter euch mögen sagen: ‚Verehrter Herr Papst, Sie sind nicht so wie wir.‘ Doch, ich bin wie einer von euch. Wir sind alle gleich, wir sind Brüder! Niemand ist anonym: Wir alle sind Bausteine und Erbauer der Kirche. Lasst uns in diesem Zusammenhang Folgendes bedenken: Wenn der Ziegel unseres christlichen Lebens fehlt, fehlt es der Kirche an Schönheit. Wenn manche Menschen sagen: ‚Ich habe mit der Kirche nichts zu tun‘, fällt gleichsam ein Ziegel aus diesem schöne Tempel heraus. Niemand kann sich davonmachen, wir alle müssen der Kirche unser Leben, unser Herz, unsere Liebe, unser Denken und unsere Arbeit widmen: alle zusammen.

An dieser Stelle wollen wir die folgenden Fragen betrachten: Wie leben wir unser Dasein als Kirche? Sind wir lebendige oder vielmehr müde, gelangweilte oder gleichgültige Steine? Wisst ihr, wie hässlich der Anblick eines müden, gelangweilten oder gleichgültigen Christen ist? Ein solcher Christ ist nicht in Ordnung. Ein Christ muss lebendig sein und Freude am Christsein haben; die Schönheit der Teilhabe am Volk Gottes, der Kirche, muss in ihm lebendig sein. Öffnen wir uns für das Wirken des Heiligen Geistes, um ein aktives Mitglied unserer Gemeinschaften zu werden,  oder verschließen wir uns in uns selbst, indem wir sagen: ‚Ich bin sehr beschäftigt, das ist nicht meine Aufgabe?‘

Möge der Herr uns allen seine Gnade und seine Kraft schenken, auf dass wir in tiefer Einheit mit Christus Leben, der der Eckstein, der Stützpfeiler, unseres Lebens und jenes der gesamten Kirche ist. Lasst uns darum beten, dass wir, beseelt vom Heiligen Geist, stets lebendige Steine seiner Kirche seien.