Vor den Parlamentswahlen: Wohin steuert Ägypten?

Muslimbrüder einzige strukturierte Bewegung

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Von Volker Niggewöhner

KÖNIGSTEIN, 15. November 2011 (ZENIT.org/KIN). - Am 28. November wird in Ägypten zum ersten Mal seit dem Sturz des Regimes von Husni Mubarak ein neues Parlament gewählt. Experten messen dieser Wahl im bevölkerungsreichsten arabischen Land eine erhebliche Vorbildfunktion für alle Nationen zu, die sich im Zuge des „Arabischen Frühlings" von ihren autoritären Herrschern befreit haben. Im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not" beschreibt der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im Nahen Osten, Msgr. Joachim Schroedel, die Hoffnungen und Sorgen der ägyptischen Christen.

KIN: Was erwarten Sie von den Parlamentswahlen in Ägypten?

Schroedel: Es ist auf jeden Fall gut, dass gewählt wird. Denn was wäre, wenn Mubarak noch da wäre? Alle haben unter Mubarak gelitten, deshalb ist es ja zur Revolution gekommen. Seine brutale Alleinherrschaft ist nun beseitigt, aber ihre Strukturen sind noch da. Der derzeitige Chef des Militärrates war über 20 Jahre lang ein enger Vertrauter Mubaraks. Die Wahlen sind eine Chance für das Land, aber die einzige wirklich gut aufgestellte und strukturierte Bewegung, die sich zur Wahl stellt, sind die Muslimbrüder.

KIN: Welche Themen werden die Wahlen inhaltlich prägen?

Schroedel: In den letzten Wochen habe ich erlebt, wie Ägypten langsam im Chaos versinkt. Wir haben zum Beispiel kaum Polizei auf den Straßen. Täglich verbringe ich Stunden im stehenden Auto, weil nichts vorangeht. Das ist beispielhaft für die ganze Situation in Ägypten: Es braucht eine ordnende Struktur. Dass die öffentliche Ordnung wieder auf Dauer gewährleistet wird, hat auch für die Wahlen oberste Priorität. Zurzeit sind Kräfte am Ruder, die das Chaos fördern. Unter diesen Umständen sagen viele, und gerade auch die Christen, dass unter Mubarak ja nicht alles schlecht gewesen sei.

KIN: Das klingt, als ob in Ägypten momentan Verhältnisse herrschen wie in Deutschland zu Zeiten der Weimarer Republik?

Schroedel:Ja, so kann man das sagen. Genau jetzt entscheidet es sich, ob es gelingt, demokratische Strukturen zu schaffen oder nicht. Ich bin da nicht so pessimistisch wie andere. Ich glaube, dass wir trotz aller Verschwörungstheorien den guten Willen des hohen Militärrates akzeptieren müssen, obwohl dort noch viele aus Mubaraks Zeiten an der Macht sind. Aber es ist nicht nur Kosmetik, wenn zum Beispiel kurz nach dem Massaker an den Kopten am 9. Oktober in Kairo ein neues Anti-Diskriminierungsgesetz auf den Weg gebracht wurde. Der Patriarch der katholischen Kopten, Antonios Kardinal Naguib, sagte vor kurzem, dass er eine große Chance für den interreligiösen Dialog sehe, die wir ergreifen müssen. Solche positiven Wortmeldungen finde ich besser als jedes Gejammer.

KIN: Die Wahlen in Tunesien und Libyen haben aber gezeigt, dass der Islam auch in der Politik eine stärkere Rolle spielen könnte als bisher.

Schroedel:Nun, was erwarten wir denn? Ägypten ist ein Land mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil von 90 Prozent. In Libyen gibt es keinen einzigen ursprünglich in dem Land geborenen Christen und darüber hinaus gar keine demokratische Tradition. Natürlich greift man unter diesen Umständen zum naheliegendsten, nämlich zum Islam und zur islamischen Rechtsprechung. Wir müssen vorsichtig sein, wenn wir bei „Scharia" gleich an abgehackte Hände und Köpfe denken. Seit 1983 gilt die Scharia zum Beispiel in Ägypten bereits als Grundlage der Rechtsprechung und daran dürfte sich nichts ändern. Die fundamentalen Rechte für Christen werden deshalb trotzdem eingeklagt und zwar gerade von Intellektuellen und der Jugend. Diese Gruppen wollen weder eine autokratische noch eine religiöse Herrschaft. Sie wollen eine Gesellschaft nach westlichem Muster, auch wenn Religion dabei noch eine Rolle spielen muss.

KIN: Wenn die Strömungen so tolerant sind, wie Sie es beschreiben, woher kam dann die Gewalt gegen Christen?

Schroedel: Ich denke, das liegt vor allem an dem vorherrschenden Machtvakuum. Die Abwesenheit einer richtigen, legitimierten Regierung treibt die Menschen zu verzweifelten Akten. Was geschehen ist, war schrecklich und wird durch die Weltöffentlichkeit Gott sei Dank auch wahrgenommen. Aber wenn man genau hinsieht, gab es keine gezielten oder systematischen Vernichtungsschläge gegen Christen. Und vereinzelte Gewaltausbrüche gab es auch schon unter Mubarak, so zum Beispiel in der letzten Silvesternacht in Alexandria. Daher kann ich nicht bestätigen, dass die Situation seit Beginn der Revolution wirklich so viel schlimmer für die Christen geworden ist.

KIN: Es gibt aber auch Hinweise, dass viele Christen vor der Gewalt geflohen sind und nicht mehr an eine Zukunft in Ägypten glauben. Vertreter der orthodoxen koptischen Kirche des Landes sprechen zum Beispiel von bis zu 100 000 christlichen Flüchtlingen seit Beginn der Umbrüche.

Schroedel: Diese Zahl halte ich für unglaubwürdig. Wer flüchtet, muss sich die Ausreise erst einmal leisten können, und so viele wohlhabende Menschen gibt es unter den Christen nun auch wieder nicht. Natürlich gibt es Auswanderer, aber sie haben ihre Ausreise meist lange geplant und nehmen die unsichere Situation höchstens zum Anlass, früher zu gehen.

Aber nur als Beispiel: In einer christlichen Schule, die ich öfter besuche, sind in diesem Jahr von den 400 Schülerinnen gerade einmal drei gemeinsam mit ihrer Familie ausgewandert. Das klingt für mich nicht nach einer überdurchschnittlichen Abwanderung. Es ist zwar um jeden schade, der das Land verlässt, aber es ist nicht seriös, solche Zahlen hochzurechnen und zu behaupten, dass es im Jahr 2030 keine Christen mehr in Ägypten geben wird. Wichtig ist mir vor allem, dass wir Christen mit der muslimischen Mehrheit im Dialog bleiben und dabei massiv unsere Rechte einfordern. Aber vorher müssen wir die Muslime als Mehrheit auch akzeptieren.