Vorbilder der kulturellen Begegnung, des Dialogs, der Aussöhnung

Benedikt XVI. zu den Kirchenschriftstellern Boethius und Cassiodor

| 543 klicks

ROM, 12. März 2008 (ZENIT.org).- In der heutigen Mittwochskatechese während der Generalaudienz führte Papst Benedikt XVI. in das Gedankengut der zwei Kirchenschriftsteller Boethius (* zwischen 475 und 480 in Rom, † zwischen 524 und 526 in Pavia) und Cassiodor (* um 490 in Scylaceum, Kalabrien , † um 580 im Kloster Vivarium bei Scylaceum) ein.

Beiden lebten nach der Zerstörung des römischen Westreiches in einer für das Abendland kritischen Zeit. Es war der Scheitelpunkt des Aufeinandertreffens zweier Kulturen: der antiken römisch-hellenistischen Kultur und der neuen gotischen Kultur, die von den germanischen Eroberern auf die italienische Halbinsel eingeführt wurde.

Der aus einem antiken römischen Adelsgeschlecht stammende Boethius, so erklärte Benedikt XVI., hatte sich zum Ziel gesetzt, in dieser neuen Zeit der Begegnung zwischen den Kulturen, die klassisch-römische Kultur mit der im Entstehen begriffenen Kultur des ostgotischen Volkes zu verbinden und zu verschmelzen. Aus diesem Grund habe er auch für den Ostgotenkönig Theoderich gearbeitet, der ihn aber später des Hochverrats bezichtigte. Boethius, so der Papst, sei zum Tode verurteilt und nach Folterungen hingerichtet worden.

Trotz seiner politischen Tätigkeit habe er nie die Wissenschaft vernachlässigt. Was seinen Einsatz in der Förderung der Begegnung zwischen den Kulturen betrifft, so habe gerade Boethius auf der Suche nach einer Synthese zwischen dem hellenistisch-römischen Erbe und der Botschaft des Evangeliums die Kategorien der griechischen Philosophie dazu benutzt, den christlichen Glauben vorzustellen.

„Gerade deshalb sah man in Boethius den letzte Vertreter der antiken römischen Kultur und den erste Vertreter der mittelalterlichen Intellektuellen“.

Benedikt XVI. führte dann kurz in die Grundzüge des bekanntesten Werkes des Boethius: „Trost der Philosophie“ ein. Diese Schrift habe er im Gefängnis verfasst, um seiner ungerechten Haft einen Sinn zu geben. Gott habe sich Boethius als das höchste Gut erwiesen: „Boethius lernte – und eben das lehrt er uns –, nicht dem Fatalismus zu verfallen, der die Hoffnung auslöscht. Er lehrt uns, dass nicht das Schicksal regiert; vielmehr führt uns die Vorsehung führt, und diese hat ein Antlitz“.

Philosophie sei für Boethius Suche nach der wahren Weisheit und deshalb das wahre Heilmittel der Seele. Wahre Glückseligkeit könne der Mensch einzig in seiner ureigenen Innerlichkeit erfahren. Die Schwierigkeiten des Lebens, die „adversa fortuna“, erlaubten es Boethius, die falschen Freunde von den wahren zu unterscheiden und ließen ihn verstehen, dass für den Menschen nichts wertvoller ist als eine wahre Freundschaft.

Der Papst wies darauf hin, dass sein ungerechter Tod durch menschenunwürdige Folter Boethius zu einem Symbol für jene immense Schar von Menschen macht, die zu allen Zeiten und in allen Breitengraden ungerechterweise gefangen gehalten werden.

Cassiodor war ein Zeitgenosse des Boethius. Ihn trieb die Dringlichkeit, nicht das gesamte menschliche und humanistische Erbe, das sich in der großen Zeit des Römischen Reichs angesammelt hatte, in Vergessenheit geraten zu lassen. Cassiodor hat deshalb mit den neuen Völkern zusammengearbeitet. „Auch er war ein Vorbild der kulturellen Begegnung, des Dialogs, der Aussöhnung“, so der Papst.

Von besonderer Bedeutung sei, dass Cassiodor das Besondere der neuen monastischen Bewegung zu nutzen wusste. Er habe die Idee entwickelt, gerade den Mönchen die Aufgabe anzuvertrauen, das immense kulturelle Erbe der Antike zurückzuerobern, zu bewahren und den Nachkommen zu überliefern und zu sichern. Dazu habe er ein Kloster, das „Vivarium“ gegründet, in dem die Mönche zu intellektueller Arbeit und zur Transkription der antiken Texte angehalten wurden.

In seiner Lehre nehme das Gebet, das sich aus der Heiligen Schrift und insbesondere aus dem eifrigen Umgang mit den Psalmen speist, eine zentrale Stellung ein.

Die Suche nach Gott, so Benedikt XVI., ist der beständige Zweck des monastischen Lebens. Das offenbarte Wort könne für Cassiodor jedoch durch den Gebrauch der wissenschaftlichen Errungenschaften und der kulturellen „profanen“ Mittel besser aufgenommen werden.

Cassiodor habe sich an Hieronymus und Augustinus inspiriert. Er mahnte dazu, die ganze Aufmerksamkeit in Christus zu sammeln. So könne der Feind keine Bresche zum Angriff finden.

Dies gelte, so Benedikt XVI., auch für uns: „Auch wir leben nämlich in einer Zeit der Begegnung der Kulturen, der Gefahr der Gewalt, die die Kulturen zerstört, und des Einsatzes, der notwendig ist, um die großen Werte weiterzugeben und die neuen Generationen den Weg der Versöhnung und des Friedens zu lehren. Diesen Weg finden wir, wenn wir uns auf den Gott von menschlichem Antlitz ausrichten, den Gott, der sich uns in Christus offenbart hat“.