Vorbilder für die Herde: Papst Benedikt an die italienischen Bischöfe

Alle haben die Aufgabe, sich um das eigene innere Wachstum und das der anderen zu kümmern

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ROM, 27. Juni 2009 (ZENIT.org).- „Nehmt mich zum Vorbild!“ Mit diesem gewagten Wort des heiligen Apostels Paulus (vgl. 1 Kor 11,1) hob Papst Benedikt XVI. am 28. Mai in seiner Ansprache an die Mitglieder der Italienischen Bischofskonferenz hervor, dass echte Erzieher zuallererst darauf bedacht seien, Autorität und Vorbildlichkeit miteinander zu verbinden.

Im Hinblick auf das eben begonnene Priesterjahr erinnerte der Papst die Bischöfe daran, dass im ganzen priesterlichen Dienst die Bedeutung des erzieherischen Einsatzes hervorrage, „damit freie, wirklich freie, das heißt verantwortungsvolle Personen, reife und bewußte Christen heranwachsen“.

Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache Benedikts XVI.

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Liebe italienische Mitbrüder im Bischofsamt!

Ich freue mich, erneut mit euch allen zusammenzutreffen zu diesem wichtigen Anlaß, der euch jedes Jahr zu eurer Vollversammlung zusammenführt, damit ihr die Sorgen und Freuden eures Dienstes in den Diözesen der geliebten italienischen Nation miteinander austauscht und teilt. Eure Versammlung bringt die Gemeinschaft, von der die Kirche lebt und die sich auch in der Übereinstimmung der Initiativen und der pastoralen Arbeit verwirklicht, sichtbar zum Ausdruck und fördert sie. Durch meine Anwesenheit will ich jene kirchliche Gemeinschaft stärken, die ich ständig wachsen und sich festigen gesehen habe. Ich danke besonders dem Kardinalvorsitzenden, der im Namen aller die brüderliche Verbundenheit und herzliche Gemeinschaft mit dem Lehramt und dem Hirtendienst des Nachfolgers Petri bekräftigt und auf diese Weise neuerlich die einzigartige Einheit bestätigt hat, die die Kirche in Italien mit dem Apostolischen Stuhl verbindet. Ich habe in den vergangenen Monaten viele wirklich bewegende Zeugnisse dieser Treue erfahren können. Ich kann euch nur von ganzem Herzen sagen: Danke! In diesem Klima der Verbundenheit kann man das christliche Volk, das tief eingefügt in sein Land, den lebendigen Sinn des Glaubens und die aufrichtige Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft erlebt, mit dem Wort Gottes und der Gnade der Sakramente fruchtbringend nähren: Dies alles dank eurer pastoralen Führung, dank dem hochherzigen Dienst so vieler Priester und Diakone, Ordensleute und gläubiger Laien, die voll eifriger Hingabe das kirchliche Gefüge und das tägliche Leben der zahlreichen, in jedem Winkel des Landes verstreuten Pfarrgemeinden unterstützen. Wir verbergen voreinander nicht die Schwierigkeiten, auf die sie stoßen, wenn sie ihre Mitglieder zur vollen Zustimmung zum christlichen Glauben in unserer Zeit heranführen. Nicht zufällig wird von verschiedenen Seiten ihre Erneuerung im Zeichen einer wachsenden Mitarbeit der Laien und deren missionarischer Mitverantwortung gefordert.

Aus diesen Gründen habt ihr in der pastoralen Arbeit das missionarische Engagement, das den Weg der Kirche in Italien nach dem Konzil geprägt hat, dadurch angemessen vertiefen wollen, daß ihr die fundamentale Aufgabe der Erziehung in den Mittelpunkt der Reflexionen eurer Vollversammlung gestellt habt. Wie ich schon mehrmals betonen konnte, handelt es sich um ein ständiges und konstitutives Erfordernis des Lebens der Kirche, das heute Züge einer dringlichen Aufgabe, ja eines Notstands annimmt. Ihr hattet in diesen Tagen Gelegenheit, zuzuhören, nachzudenken und über die Notwendigkeit zu beraten, euch mit einem Erziehungsentwurf zu befassen, der aus einer konsequenten und vollständigen Sicht des Menschen entstehen soll, wie sie einzig und allein aus dem vollkommenen Bild und der Verwirklichung hervorgehen kann, die wir davon in Christus Jesus haben. Er ist der Lehrmeister, in dessen Schule wir die Erziehungsaufgabe als eine höchste Berufung wiederentdecken, zu der jeder Gläubige in je verschiedener Weise aufgerufen ist. In einer Zeit, in der relativistische und nihilistische Lebensauffassungen starke Anziehungskraft genießen und selbst die Berechtigung der Erziehung in Frage gestellt wird, ist der wichtigste Beitrag, den wir anbieten können, Zeugnis zu geben von unserem Vertrauen in das Leben und in den Menschen, in seine Vernunft und in seine Liebesfähigkeit. Dieses Vertrauen ist nicht Frucht eines naiven Optimismus, sondern entsteht aus jener »verläßlichen Hoffnung« (Spe salvi, 1), die uns durch den Glauben an die von Jesus Christus vollbrachte Erlösung geschenkt wird. Mit Bezugnahme auf diese wohlbegründete Liebestat für den Menschen kann eine Erziehungsallianz zwischen all jenen entstehen, die in diesem komplexen Bereich des gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens Verantwortung tragen.

Der Abschluß der dreijährigen »Agorà der italienischen Jugendlichen« am kommenden Sonntag, in der sich eure Konferenz mit einem klar artikulierten Ansatz für die Belebung der Jugendpastoral engagiert hat, ist eine Aufforderung dazu, den Erziehungsweg umzusetzen und neue Projekte in Angriff zu nehmen – für eine äußerst umfassende und für die erzieherische Verantwortung unserer Kirchengemeinden und der ganzen Gesellschaft bedeutsame Adressatengruppe, nämlich die jungen Generationen. Die Bildungsarbeit muß aber schließlich auch auf das Erwachsenenalter ausgedehnt werden, das von einer echten Verantwortung für die ständige Weiterbildung nicht ausgeschlossen werden darf. Niemand ist von der Aufgabe ausgenommen, sich um sein eigenes Wachstum und das Wachstum der anderen hin zum »Maß der Fülle in Christus« (Eph 4,13) zu kümmern.

Die Schwierigkeit, echte Christen heranzubilden, ist verflochten, ja vermischt sich oft mit der Schwierigkeit, verantwortungsvolle und reife Männer und Frauen heranzubilden, bei denen das Bewußtsein für die Wahrheit und das Gute und die freie Zustimmung zu diesen Werten im Zentrum des Erziehungsplanes stehen, der imstande sein soll, einem Weg des Wachstums Gestalt zu verleihen, der gebührend vorbereitet und begleitet wird. Dazu braucht es – zusammen mit einem entsprechenden Entwurf, der auf das Erziehungsziel hinweist, das im Lichte des beschlossenen Modells erreicht werden soll –, angesehene Erzieher, auf welche die jungen Generationen voll Vertrauen blicken können. In diesem Paulusjahr, das wir in der Vertiefung des Wortes und Beispiels des großen Völkerapostels erlebt haben und das ihr auf verschiedene Weise in euren Diözesen und erst gestern alle gemeinsam in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern begangen habt, erklingt mit einzigartiger Wirksamkeit seine Aufforderung: »Nehmt mich zum Vorbild!« (1 Kor 11,1). Ein mutiges Wort, aber ein wahrer Erzieher setzt an erster Stelle seine Person ein und versteht es, bei der Aufgabe, die ihm anvertrauten jungen Menschen zu erziehen, Autorität und Vorbildlichkeit miteinander zu verbinden. Wir selbst sind uns dessen bewußt, sind wir doch mitten unter das Gottesvolk als Leitbilder gestellt, an die der Apostel Petrus seinerseits die Aufforderung richtet, die Herde Gottes zu weiden, indem wir »Vorbilder für die Herde« werden (1 Petr 5,3). Auch dies sind Worte, über die wir nachdenken sollten.

Es erweist sich daher als äußerst glücklicher Umstand, daß wir gleich nach dem Jahr, das dem Völkerapostel geweiht war, ein Jahr des Priesters begehen. Wir sind zusammen mit unseren Priestern aufgerufen, die Gnade und Aufgabe des Priesteramtes wiederzuentdecken. Dieses Amt ist ein Dienst an der Kirche und am christlichen Volk, der eine tiefe Spiritualität erfordert. In Antwort auf die göttliche Berufung muß sich diese Spiritualität aus dem Gebet und einer tiefen persönlichen Verbundenheit mit dem Herrn nähren, um ihm durch die Verkündigung, die Sakramente, ein geordnetes Gemeindeleben und die Hilfe für die Armen in den Brüdern dienen zu können. Im ganzen priesterlichen Dienst ragt somit die Bedeutung des erzieherischen Einsatzes hervor, damit freie, wirklich freie, das heißt verantwortungsvolle Personen, reife und bewußte Christen heranwachsen.

Es besteht kein Zweifel, daß jenes Solidaritätsgefühl, das im Herzen der Italiener tief verwurzelt ist und das in manchen dramatischen Lebenssituationen des Landes mit besonderer Intensität zum Ausdruck gebracht wird – wie es zuletzt bei dem verheerenden Erdbeben der Fall war, das einige Gebiete in den Abruzzen heimgesucht hat –, aus dem christlichen Geist immer neue Lebenskraft schöpft. Wie euer Präsident bereits gesagt hat, konnte ich persönlich bei meinem Besuch in jenen so tragisch betroffenen Gebieten die Trauer, den Schmerz und die von dem schrecklichen Erdbeben angerichteten Schäden wahrnehmen, mich aber auch von der Seelenstärke jener Bevölkerung, verbunden mit der sofort einsetzenden Solidaritätsbewegung aus wirklich allen Teilen Italiens überzeugen, und dies war für mich besonders beeindruckend. Unsere Gemeinschaften haben mit großer Hochherzigkeit auf das Hilfsersuchen aus jener Region geantwortet und unterstützen die von der Bischofskonferenz durch die Caritas eingeleiteten Initiativen. Ich möchte den Bischöfen aus den Abruzzen und durch sie den Ortsgemeinden die Zusicherung meines steten Gebetes und meiner andauernden liebevollen Nähe erneuern.

Seit Monaten registrieren wir die Folgen einer Finanz- und Wirtschaftskrise, die die heutige Welt hart getroffen und in unterschiedlichem Ausmaß alle Länder erreicht hat. Trotz der auf verschiedenen Ebenen ergriffenen Maßnahmen sind die sozialen Auswirkungen der Krise besonders auf die schwächsten Schichten der Gesellschaft und auf die Familien noch immer auch hart zu spüren. Ich möchte deshalb meine Anerkennung und Ermutigung für die Initiative des Solidaritätsfonds »Anleihe der Hoffnung« zum Ausdruck bringen, der sich am nächsten Sonntag an der gemeinsamen nationalen Spendensammlung beteiligen wird, die die Grundlage des Fonds selbst bildet. Dieses erneute Ersuchen um Freigiebigkeit, das sich den vielen, von zahlreichen Diözesen angesagten Initiativen anschließt und an die Geste der vom Apostel Paulus durchgeführten Kollekte für die Kirche von Jerusalem erinnert, ist ein sprechendes Zeugnis dafür, daß die Lasten miteinander geteilt werden. In einer schwierigen Zeit, die besonders jene betrifft, die ihre Arbeit verloren haben, wird das zu einem wahren Akt des Dienstes an Gott, der aus der vom Geist des Auferstandenen im Herzen der Gläubigen geweckten Liebe entsteht. Es ist eine beredte Botschaft von der durch das Evangelium bewirkten inneren Bekehrung und ein bewegendes Zeichen kirchlicher Gemeinschaft.

Eine wesentliche Form der Liebe, der sich die Gemeinden in Italien sehr verpflichtet fühlen, ist auch die geistig-intellektuelle Liebe. Ein gewichtiges Beispiel dafür ist die engagierte Förderung einer verbreiteten Mentalität zugunsten des Lebens in jedem seiner Aspekte und Phasen, mit besonderer Aufmerksamkeit für das von großer Gebrechlichkeit und Unsicherheit gezeichnete Leben. Gut bezeugt wird dieses Engagement von dem Manifest »Frei sein zum Leben. Das Leben bis zum Schluß lieben«, das die katholischen Laien Italiens einträchtig dafür eintreten sieht, daß im Land das Bewußtsein für die volle Wahrheit über den Menschen und die Förderung des echten Wohls der Personen und der Gesellschaft nicht fehlt. Das »Für« und »Wider«, das hier zum Ausdruck kommt, zeichnet in Umrissen eine echte Erziehungstätigkeit nach und ist Ausdruck einer starken und konkreten Liebe zu jedem Menschen. Damit kehrt unsere Aufmerksamkeit also zum Zentralthema eurer Vollversammlung zurück – der dringenden Aufgabe der Erziehung, die die Verwurzelung im Wort Gottes und die geistliche Unterscheidung, die organisatorische Fähigkeit im kulturellen und sozialen Bereich sowie das Zeugnis der Einheit und der Selbstlosigkeit erfordert.

Liebe Mitbrüder, nur wenige Tage trennen uns vom Pfingstfest, an dem wir die Gabe des Geistes feiern werden, der die Grenzen niederreißt und uns für die Erkenntnis der ganzen Wahrheit offen macht. Flehen wir den Tröster an, daß er keinen verlasse, der sich an ihn wendet, und vertrauen wir ihm den Weg der Kirche in Italien und jeden Menschen an, der in diesem geliebten Land lebt. Der Geist des Lebens komme auf uns alle herab und entzünde unsere Herzen mit dem Feuer seiner unendlichen Liebe.

Von Herzen segne ich euch und eure Gemeinden!

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