Vorerst letzte Meditation von P. Raniero Cantalamessa für Zenit

Kommentare zu den Evangelien der drei liturgischen Jahreskreise

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ROM, 21. November 2008 (ZENIT.org).- Wie kann ich in der Heiligen Schrift das an mich gerichtete Wort Gottes erkennen? Auf diese Frage antwortet P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, auch in seinem vorerst letzten Kommentar zu den Evangelien der Sonntagsliturgie.



Über drei Jahre hat der Prediger des Papstes (sowohl von Johannes Paul II., als auch von Benedikt XVI.) die Leser unserer Nachrichtenagentur mit seinen Meditationen zum Wort Gottes begleitet. Außerdem gab er immer wieder ganz konkrete Ratschläge, um das Wort Gottes in der Bibel verstehen zu lernen.

ZENIT: Eine erste Frage, die sich auch unsere Leser stellen: Wie schreiben Sie Ihre Predigten?


P. Cantalamessa (lacht): Wie ich das mache? Ich lese das Wort Gottes. Bevor ich mir meine eigenen Gedanken dazu mache, versuche ich, mich an sein Wort zu halten. Ich versuche zu erkennen, was die Botschaft in den Worten Gottes in jenem spezifischen Moment, in dem wir uns befinden, in dem ich mich befinde, sein könnte. Für gewöhnlich ist da anfangs ein kleines Licht, das sich dann im Laufe der Meditation bestätigt und uns eine Beziehung zu konkreten Situationen oder Problemen herstellen lässt. Eine Gebetshaltung, das Sich-Öffnen für den Heiligen Geist helfen sehr, denn er hat ja die Heilige Schrift inspiriert, und nur er kann sie erklären und auf die heutige Zeit anwenden.

ZENIT: Was raten Sie einem Christen, der die Heilige Schrift meditieren will, um daraus etwas für sein eigenes Leben zu lernen beziehungsweise wichtige Entscheidungen aus der Sicht Gottes heraus zu treffen?

P. Cantalamessa: Das hängt ein wenig vom Lebensstand und den Pflichten dieser Person ab. Wenn es sich um den rein persönlichen Gebrauch des Wortes Gottes handelt, könnte es ein guter Anfang sein, jene Worte Gottes in den Blick zu nehmen, die uns die Kirche in ihrer Liturgie schenkt: im Stundengebet, in der Heiligen Messe… Denn häufig bedient sich der Herr dieser Auswahl der Kirche, der Lesungen des Tages, um zu uns zu sprechen. Oft lässt uns dieses Hinhören auf die Tageslesung erkennen, dass es für ein bestimmtes Problem auch eine Lösung gibt. Dann erscheint das Wort regelrecht auf uns zugeschnitten zu sein, und man denkt sich: „Das wurde für mich geschrieben!“ Kurzum: Mehr auf die liturgische Auswahl der Kirche hören und weniger nur auf die eigene, persönliche.

Dann gibt es natürlich auch die persönliche Wahl, das Wiederholen bestimmter Texte der Heiligen Schrift, die in der Vergangenheit besonders wichtig für einen waren, die uns angesprochen haben. Der Herr spricht oft wiederholt aus denselben Texten, sagt uns dadurch jedoch immer neue Dinge, passend zu unseren jeweiligen Lebenssituationen. Also: Auch weiterhin großen Wert auf jene Worte Gottes legen, die uns in der Vergangenheit bereits Hilfe geboten haben.

Dann gibt es ein weiteres Hilfsmittel, das häufig in der Charismatischen Erneuerung angewandt wird, aber nicht nur dort. Hierbei geht es darum, nach einem intensiven Gebet die Bibel an irgendeiner Stelle aufzuschlagen und genau an jener Stelle eine Antwort des Herrn auf eine bestimmte Frage oder eine wichtige Entscheidung zu erwarten.

Das ist keine Erfindung von der Charismatischen Erneuerung, sondern das hat schon der heilige Augustinus getan, der am Scheideweg zu seiner Bekehrung die Briefe des heiligen Paulus bei sich trug und beschloss, jene Textstelle als Willen Gottes anzunehmen, die ihm als erstes unter die Augen kommen würde. Es war der Römerbrief 13, wo es heißt: Laßt uns ohne Unzucht und Ausschweifung „die Waffen des Lichts anlegen“. Er fühlte, dass allein durch das Lesen dieses Textes ein Licht und eine Ruhe über ihn kamen, die ihm die Kraft gegeben würden, ein Leben in Keuschheit zu führen.

Dasselbe geschah dem heiligen Franziskus, der, als er nicht mehr weiterwusste, in eine Kirche ging und dreimal die Heilige Schrift öffnete. Jedes Mal traf es eine Stelle, die von der Aussendung der Apostel sprach – ohne Stock, ohne Geld, ohne ein zweites Gewand. Und er sagte sich: Das ist es, was der Herr von uns will. Es gibt auch viele andere Beispiele. Die heilige Teresia von Lisieux beispielsweise wusste einmal nicht mehr, was sie tun sollte. Daraufhin las sie im Brief an die Korinther und fand ihre Berufung zur Liebe.

Ich habe selbst viele persönliche Erfahrungen gemacht, und ich kenne auch andere Menschen, die in der Bibel das Wort Gottes entdeckt haben. Ich lasse es mir nie nehmen, hierzu eine nette Geschichte zu erzählen. Ich habe einmal während einer Mission in Australien gepredigt. Am letzten Tag kam ein Arbeiter auf mich zu, ein sehr einfacher Mann, und erzählte mir, dass es in seiner Familie ein großes Problem gebe. Er hatte einen elfjährigen Sohn, der nicht getauft worden war, weil seine Frau zu den Zeugen Jehovas gehörte und keine Taufe wollte. Also fragte er mich: „Was soll ich machen? Wenn ich ihn taufe, gibt es Probleme, wenn ich ihn aber nicht taufe, kann ich nicht ruhig sein, denn als wir geheiratet haben, waren wir beide katholisch.“ Ich antwortete ihm: „Lass mich diese Nacht darüber nachdenken.“ Am nächsten Tag kam er zu mir und sagte: „Vater, ich habe die Lösung gefunden. Gestern ging ich nach Hause und betete. Ich habe die Bibel geöffnet und stieß auf die Stelle, an der Abraham seinen Sohn Isaak zum Opferaltar bringt. Und mir fiel auf, dass Abraham in diesem Fall nichts zu seiner Frau gesagt hat.“ Das war eine gute Überlegung, denn die Rabbiner sagen, dass Abraham deshalb seiner Frau nichts gesagt hatte, weil sie ihn andernfalls davon abgehalten hätte, Gott zu gehorchen. Ich selbst habe dann den Jungen getauft. Es muss jedoch gesagt werden, dass es falsch wäre, die Bibel in abergläubischer Weise zu nutzen, sie also einfach an irgendeiner Stelle aufzuschlagen, ohne zuvor gebetet zu haben. Man kann das nämlich nur tun, wenn man sich in einer Gebetshaltung befindet und Gott gehorsam ist. Man spielt nicht mit Gott, denn man prüft ihn nicht aus Spaß, sondern vor allem, um zu erkennen, was er von einem möchte.

Wie Sie sehen gibt es eine Vielzahl an Wegen – in der Gemeinschaft oder privat –, um sein Leben nach dem Wort Gottes auszurichten.

ZENIT: Seit drei Jahren veröffentlichen wir Ihre Predigten in unseren sieben Sprachen, und wir erhalten Tausende von Dankesschriften. Was bedeutet für Sie diese Erfahrung, die das Internet ermöglicht hat?

P. Cantalamessa: Das war auch für mich eine Entdeckung, denn ich habe mir diesen Erfolg nicht erwartet, vielleicht genauso wenig wie Sie. Auf meinen Reisen durch die Welt fiel mir auf, dass viele, dich mich persönlich nicht kannten, in ZENIT meine Kommentare zu den Evangelien gelesen hatten. Von der Wüste Arizonas bis nach Afrika, von Asien bis nach Frankreich, also überall. Das war für mich eine Freude, und für Sie wohl recht ermutigend.

Heutzutage ist das ein wichtiges Werkzeug zur Verbreitung des Evangeliums. Es gibt viel mehr Menschen, als wir denken, die im Internet nach biblischen Inhalten und den Evangelien suchen. Dieser Gebrauch ist sehr konkret, denn viele bereiten sich dadurch auf die Heilige Messe vor. Einige Priester nutzen dieses Mittel für ihre Predigten. Wer sie liest, verbreitet sie dann auch häufig, nutzt sie konkret. Es ist wie ein Samen, der in viele Herzen fällt.

ZENIT: Was möchten die den ZENIT-Lesern sagen, die nun nicht mehr, wie gewohnt, jeden Freitag Ihre Kommentare werden lesen können?

P. Cantalamessa: Man bat mich, all diese Kommentare in einem Buch zu veröffentlichen. Es wird sich dabei teilweise um die auf ZENIT erschienenen Kommentare handeln, aber auch um neue beziehungsweise um Beiträge aus dem Fernsehen. Kommentare im bereits gewohnten Stil – kurz, mit einer Länge von einer Seite – und in einem Band zusammengefasst. Man wird Ihre Leser davon in Kenntnis setzen. So kann jeder, der möchte, die Kommentare weiterhin lesen. Wenn jedoch die Möglichkeit besteht, jemand anderen dafür zu gewinnen, die Kommentare weiter zu führen, so lade ich die Leser dazu ein, diese zu lesen.

Von Jesús Colina; Übersetzung von Katharina Marschall