Vorfrühling

von Christian Morgenstern (1871-1914)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 227 klicks

Vorfrühling seufzt in weiter Nacht,
daß mir das Herze brechen will;
Die Lande ruh'n so menschenstill,
nur ich bin aufgewacht.

O horch, nun bricht des Eises Wall
auf allen Strömen, allen Seen;
Mir ist, ich müßte mit vergeh'n
und, Woge, wieder auferstehen,
zu neuem Klippenfall.

Die Lande ruh'n so menschenstill;
Nur hier und dort ist wer erwacht,
und meine Seele weint und lacht,
wie es der Tauwind will.

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Christian (Otto Josef Wolfgang) Morgenstern (1871-1914) wurde am 6. Mai 1871 in München geboren. Im Kindesalter erkrankte er an Tuberkulose, an der seine Mutter 1881 gestorben war. Nach dem Abitur besuchte Morgenstern auf den Wunsch des Vaters hin eine Militär-Vorbildungsschule. Kurze Zeit später verließ er jedoch die Einrichtung wieder. Ein in München aufgenommenes Studium musste Morgenstern wegen seines schlechten Gesundheitszustandes abbrechen. Er entschloss sich, fortan als Schriftsteller tätig zu sein. Im April 1894 zog Morgenstern nach Berlin, wo er eine Anstellung in der Nationalgalerie annahm. In dieser Zeit war er außerdem für verschiedene Zeitschriften tätig. Im Frühjahr 1895 veröffentlichte er sein erstes Buch, „In Phantas Schloß“. In der Folgezeit unternahm der Dichter Reisen an die Nordsee und nach Salzburg und unterzeichnete einen Vertrag mit dem S.Fischer-Verlag für die Übersetzung von Werken Henrik Ibsens. 1900 verbrachte Morgenstern einen Kuraufenthalt in Davos. Weitere Reisen führten ihn nach Italien, u.a. nach Rom. 1903 kehrte er nach Berlin zurück. Er wurde literarischer Lektor im Verlag Bruno Cassirers. In den nächsten Jahren musste Morgenstern weitere Reisen aus gesundheitlichen Gründen unternehmen. 1909 lernte Morgenstern er Rudolf Steiner kennen, mit dem ihn eine enge und lange Freundschaft verband. Morgensterns Gesundheitszustand war immer wieder sehr geschwächt; er lebte deshalb zwischen Davos und Arosa. Christian Morgenstern starb am 31. März 1914. Der Nachwelt ist er vor allem für seine komischen Gedichte bekannt, die aber nur einen Teil seines Werks ausmachen.