Vorfrühling

von Max Dauthendey (1867-1918)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 288 klicks

Wir standen heute still am Zaun von einem fremden Garten,
Sah'n hin und sah'n das Wintergras am Teich auf Sonne warten.
Im Wasser lag verjährtes Laub gleichwie auf Glas,
Am Ufer saß ein Büschel Veilchen jung erblüht im gelben Gras,
Und frisches Lilienkraut wuchs grün bei Tuffsteinblöcken,
Am Himmel oben gingen Wolken jugendlich in weißen Röcken.
Wie wenig Welt tut schon den Augen gut!
Nur ein paar Atemzüge lang hat's Herz dort ausgeruht,
Nur ein paar Augenblicke tat es säumen ...
Wir sind doch alle in den weiten Lebensräumen
Zaungäste nur bei Wünschen und bei Träumen.

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Max (Maximilian Albert) Dauthendey (1867-1918) wurde am 25. Juli 1867 in Würzburg geboren. Bis 1891 lebte und arbeitete er in Würzburg, wo er eine fotografische Ausbildung bei seinem Vater, einem Pionier der Fotografie in Deutschland, absolvierte. Danach zog Dauthendey zunächst nach Berlin um; als weitere Stationen folgten München, Paris und ein Aufenthalt in Skandinavien. 1893 erschien sein erster Roman, „Josa Gerth“. In diesem Jahr lernte er Stefan George und Richard Dehmel kennen. Er veröffentlichte die Prosagedichtsammlung „Ultra Violett“. 1905/06 unternahm er eine erste Weltreise, die ihn nach Ägypten, Japan, Indien, Honolulu und Amerika führte. 1914 folgte die zweite Reise nach Sumatra, Java und in das damalige Deutsch-Neu-Guinea. Max Dauthendey sollte von der Reise nicht mehr zurückkehren. Er starb von Tropenkrankheiten mitgenommen am 29. August 1918 interniert in Malang auf Java. Der posthum erschiene Band „Letzte Reise. Aus Tagebüchern, Briefen und Aufzeichnungen“ (1925) berichtet von den Erlebnissen seiner letzten Lebensjahre. Erst 1930 konnten die Gebeine des Dichters in seine Heimatstadt Würzburg überführt werden.