"Vorfrühling"

von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 339 klicks

Es läuft der Frühlingswind
durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
wo Weinen war,
und hat sich geschmiegt
in zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten
und kühlte die Glieder,
die atmend glühten.

Lippen im Lachen
hat er berührt,
die weichen und wachen
Fluren durchspürt.

Er glitt durch die Flöte
als schluchzender Schrei,
an dämmernder Röte
flog er vorbei.

Er f1og mit Schweigen
durch f1üsternde Zimmer
und löschte im Neigen
der Ampel Schimmer.

Es läuft der Frühlingswind
durch kahle Alleen,
seltsame Dinge sind
in seinem Wehn.

Durch die glatten
kahlen Alleen
treibt sein Wehn
blasse Schatten

und den Duft,
den er gebracht,
von wo er gekommen
seit gestern nacht.

***

Hugo von Hofmannsthal, eigentlich Hugo Laurenz August Hofmann Edler von Hofmannsthal, wurde am 1. Februar 1874 in Wien geboren. Er stammte aus einer betuchten Familie mit jüdischen, italienischen, schwäbischen und österreichischen Wurzeln. Schon zu Schulzeiten trat von Hofmannsthal mit ersten Gedichten und Dramen auf, für die er größtes Lob erhielt. Nach dem Abitur studierte er zunächst Jura, wechselte aber 1895 zum Studium der Romanistik, das er mit einer Promotion abschloss. 1902 veröffentlichte Hofmannsthal „Ein Brief“, der als Gründungsmanifest der Moderne verstanden wird. Hofmannsthal schrieb mehrere Opernlibretti, u.a. für Richard Strauss (1864-1949) und Max Reinhardt (1873-1943). Gemeinsam mit Reinhardt rief Hofmannsthal die Salzburger Festspiele ins Leben. Hugo von Hofmannsthal starb am 15. Juli 1929 in Rodaun.