Vortragsreihe an der Päpstlichen Universität Gregoriana

Das Wort Gottes in seinen Dimensionen

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ROM, 9. November 2011 (ZENIT.org). - Die vom Institut Français - Centre Saint-Louis der französischen Botschaft beim Heiligen Stuhl und der Päpstlichen Universität Gregoriana organisierte Vortragsreihe „Philosophie et théologie“ 2011-2012, Parole en Éclats, Éclat de la parole, hat am 3. November mit der Einführungsvorlesung „Dalle parole alla Parola“ S.E. Gianfranco Kardinal Ravasis ihren Auftakt genommen.

Dass es sich dabei nicht schlicht um die Fortsetzung des Vortragszyklus vom letzten Jahr handle, der sich mit dem Dialog zwischen Phänomenologie und Theologie auseinandersetzte, legten S.E. Msgr. Stanislas de Laboulaye, französischer Botschafter beim Heiligen Stuhl, und der Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, François-Xavier Dumortier SJ, in ihren Begrüßungsworten vor der bis auf den letzten Platz belegten Aula Magna dar.

Vor dem geschichtlichen Hintergrund der Gregoriana und dem hohen intellektuellen Anspruch auch des diesjährigen Vorlesungsprogramms erscheint der Veranstaltungsort perfekt ausgewählt. François-Xavier Dumortier SJ erklärte, die päpstliche Universität sei aus dem Collegio Romano hervorgegangen, einem Ort der Lehre und des Studiums, einem Ort, in dem man nach der Wahrheit suche sowie nach dem Weg, diese zu erfassen.

Der Vorlesungszyklus, der sich in sieben weiteren Vorträgen in französischer Sprache mit italienischer Simultanübersetzung bis zum 10. Mai 2012 fortsetzen wird, hat als Zielsetzung den interdisziplinären und interkulturellen Austausch. Aus diesem Grund nehmen in der Veranstaltung namhafte Theologen, Philosophen, Linguisten und Poeten teil.

Die Organisatoren sähen ihre Initiative, wie S.E. Msgr. Stanislas de Laboulaye darlegte, als eine Antwort auf die von Papst Benedikt XVI. am 12. September 2008 im Collège des Bernardins in Paris geäußerte Forderung, in alle Dimensionen des Wortes und in das Geheimnis der Sprache einzudringen.

François-Xavier Dumortier SJ betonte außerdem, wie wichtig es für die europäische Kultur sei, aktuell intellektuell Themen zu diskutieren. Wir lebten in einer Gesellschaft, in der Gott oft nicht  präsent sei, die Menschen aber gleichzeitig nach ihm suchten und ihm zuhören wollten.

Dass S.E. Gianfranco Kardinal Ravasi den Vorlesungszyklus eröffnete, empfanden die Organisatoren als ausgesprochen große Ehre. François-Xavier Dumortier SJ beschrieb Kardinal Ravasi als einen dem Dialog zu aktuellen Themen aufgeschlossenen Menschen. Er versinnbildliche die Verbundenheit zwischen zeitgenössischer und christlicher Kultur, und das nicht zuletzt in seiner Aufgabe als Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur.

Sogleich zu Beginn seines Vortrags betonte Kardinal Ravasi die enge Verbindung zwischen Kultur und Theologie.

Im Folgenden spürte Kardinal Ravasi in einer umfassenden Analyse den unterschiedlichen Aspekten des Wortes unter Hinzuziehung zahlreicher Belege aus Bibel und Literatur nach. Sein Interesse richtete sich dabei insbesondere auf die exegetisch-theologische und kulturelle Betrachtung.

In der Bibel sei das Wort archetypisch, und es werde zum ontologischen, zum schöpferischen Ereignis. Im Alten wie im Neuen Testament sei es Ursprung der Schöpfung. Mit dem gesprochenen Wort verbinde man das Zuhören, das die Wurzel des Glaubens sei. Das Wort lege Zeugnis von der Zeit und vom Sein ab und habe damit auch historischen Charakter.

Das geschriebene Wort hingegen, das graphische Element, stelle den Übergang vom Gedanken zum geschriebenen Text dar. Das Wort sei auch ein kenotisches Ereignis und ebenso Inkarnation, „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1, 14).

Das Gegenteil vom Sprechen sei das Schweigen. Das Schweigen könne äquivalent zum Wort sein. Es sei das Herz des Glaubens, das Mysterium und führe zum eigentlichen Ziel, nämlich der Kontemplation. Um diesen Zustand zu erreichen, müsse unsere Gesellschaft das Schweigen wiederentdecken. Für den Menschen sei es wichtig, zu verstehen, dass er seine innere Leere eben nicht mit Lärm ausgleichen, d.h. fehlende Inhalte mit einem Vakuum ausfüllen könne. Stattdessen müsse man sich auf die Elemente konzentrieren, die zu einem wahren Dialog gehörten. Nur wer zuhören und mit dem anderen sprechen könne, sei in der Lage, einen Dialog aufzubauen, an dessen Ende die Kontemplation stehen könne. Kardinal Ravasi zitierte in diesem Kontext  Pascal, dass im Glauben und in der Liebe das Schweigen am wirkungsvollsten sei. Das Schweigen sei, so Kardinal Ravasi weiter, die Sprache der Liebe. Liebende blickten einander in die Augen und seien imstande, einen wahren Dialog zu führen, ohne ein Wort verlieren zu müssen.

Das Wort habe auch eine transzendente Dimension. Seine Bedeutung und Kraft zeige sich in der katholischen Liturgie. Hier werde die göttliche Präsenz durch die Zeremonie ersetzt. Das Wort werde zum Zeugen Gottes, des göttlichen Wortes, das dem Menschen anvertraut worden sei. Die Macht des Wortes könne gewaltig, beleidigend oder auch urteilend sein, „Ist mein Wort nicht wie Feuer … und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?“ (Jer 23,29).

Man könne mit Worten aber auch das Göttliche in Symbolen beschreiben. Jesus habe Parabeln und eine alltägliche Sprache benutzt. Mit diesen erzählerischen Mitteln sei es ihm gelungen, seine Zuhörer zu erreichen. Die Parabel sei kein altertümliches erzählerisches Mittel, sondern in Wirklichkeit eine symbolische Sprache, die geeignet sei, das wahrhaft authentische Gesicht zu enthüllen und damit zur Kontemplation zu führen.

S.E. Gianfranco Kardinal Ravasi schloss mit den Worten, dass heutzutage die Worte in den Medien oft Schaden erlitten und deshalb krankten. Aus diesem Grunde müsse man sich für das Gute einsetzen. Denn gute und wahre Worte hinterließen nämlich ebensolche Spuren, und die Menschen hörten diesen Worten zu, „Noch nie hat ein Mensch so gesprochen“, (Joh 7, 44-46). [bd]