Wahre Entwicklung beinhaltet materielles und geistliches Wachstum

Papst Benedikt XVI. erklärt die Inhalte seiner Sozialenzyklika

| 2795 klicks

ROM, 8. Juli 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der vorletzten Generalaudienz vor den Sommerferien im Vatikan gehalten hat.

Der Papst widmete seine Katechese diesmal seiner gestern veröffentlichten dritten Enzyklika Caritas in veritate über die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Wahrheit und in der Liebe. Er fasste die Hauptaussagen seines Lehrschreibens zusammen und wies in diesem Zusammenhang auf die großen Chancen einer Globalisierung hin, in der für Verantwortungsbewusstsein und ethische Kriterien Platz sei. Mit Nachdruck verurteilte Papst Benedikt das Drama des Hungers und rief dazu auf, seine strukturellen Ursachen zu beseitigen und die Landwirtschaft in den ärmeren Entwicklungsländern zu fördern. Solidarität sei auch ein Schlüssel zur Lösung der aktuellen Weltwirtschaftskrise, so Papst Benedikt.

***

Liebe Brüder und Schwestern!

Meine neue Enzyklika Caritas in veritate, die gestern offiziell vorgestellt wurde, ist in ihrer grundlegenden Ausrichtung von einem Abschnitt des Briefes des heiligen Paulus an die Epheser inspiriert, in dem der Apostel vom Handeln nach der Wahrheit in der Liebe spricht: „Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten - wir haben dies soeben gehört - und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben. Er, Christus, ist das Haupt" (4,15). Die Liebe in der Wahrheit ist also die Hauptantriebskraft für die wahre Entwicklung jeder Person und der ganzen Menschheit. Deshalb kreist die gesamte Soziallehre der Kirche um das Prinzip „caritas in veritate". Nur mit der durch Vernunft und Glauben erleuchteten Liebe ist es möglich, Entwicklungsziele zu erreichen, die einen menschlichen und vermenschlichenden Wert besitzen. Die Liebe in der Wahrheit „ist das Prinzip, um das die Soziallehre der Kirche kreist, ein Prinzip, das in Orientierungsmaßstäben für das moralische Handeln wirksame Gestalt annimmt" (6). Die Enzyklika beruft sich gleich in der Einleitung auf zwei Grundkriterien: die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl. Die Gerechtigkeit ist integraler Bestandteil jener Liebe „in Tat und Wahrheit" (1 Joh 3, 18), zu der der Apostel Johannes ermahnt (vgl. 6). Und: „Jemanden lieben heißt, sein Wohl im Auge haben und sich wirkungsvoll dafür einsetzen. Neben dem individuellen Wohl gibt es eines, das an das Leben der Menschen in Gesellschaft gebunden ist... Man liebt den Nächsten umso wirkungsvoller, je mehr man sich für ein gemeinsames Gut einsetzt." Die operativen Kriterien sind somit zwei: die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl, und dank dieses letzteren nimmt die Liebe eine soziale Dimension an. Jeder Christ, so sagt die Enzyklika, ist zu einer solchen Nächstenliebe aufgerufen. Und es wird hinzugefügt: „Das ist der institutionelle... Weg der Nächstenliebe" (7).

Wie andere Dokumente des Lehramts nimmt auch diese Enzyklika die Analysen und Überlegungen der Kirche über soziale Fragestellungen auf, die für die Menschheit unseres Jahrhunderts von lebenswichtiger Bedeutung sind, und vertieft sie. In besonderer Weise nimmt sie den Faden dessen wieder auf, was Paul VI. vor über 40 Jahren in der Enzyklika „Populorum progressio" geschrieben hat, einem Meilenstein der Soziallehre der Kirche, in der der große Papst einige entscheidende und stets aktuelle Linien für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und der modernen Welt vorgezeichnet hat. Wie die Ereignisse der letzten Monate in breitem Umfang zeigen, weist die Situation der Welt weiterhin große Probleme und „den Skandal schreiender Ungerechtigkeit" auf, die trotz aller in der Vergangenheit unternommenen Anstrengungen anhalten. Einerseits sind ernste Zeichen sozialer und wirtschaftlicher Unausgeglichenheiten zu verzeichnen, andererseits werden von mehreren Seiten nicht mehr aufschiebbare Reformen gefordert, um den Abstand in der Entwicklung der Völker zu überwinden. Das Phänomen der Globalisierung kann hierzu eine wirkliche Möglichkeit bilden, daher jedoch ist es wichtig, Hand an eine tiefe moralische und kulturelle Erneuerung sowie an eine verantwortliche Unterscheidung hinsichtlich der Entscheidungen zu legen, die für das Gemeinwohl zu treffen sind. Eine bessere Zukunft für alle ist möglich, wenn sie auf einer Wiederentdeckung der fundamentalen ethischen Werte gegründet wird. Das heißt, es bedarf einer neuen wirtschaftlichen Planung, die die Entwicklung in globaler Weise neu absteckt und dabei auf dem ethischen Fundament der Verantwortung vor Gott und dem Menschen als Geschöpf Gottes steht.

Die Enzyklika zielt gewiss nicht darauf ab, technische Lösungen für die weitläufigen sozialen Fragestellungen der heutigen Welt anzubieten - dies steht nicht in der Kompetenz des Lehramtes (vgl. 9). Sie ruft jedoch die großen Prinzipien in Erinnerung, die sich für den Aufbau der menschlichen Entwicklung der nächsten Jahre als unverzichtbar offenbaren. Unter diesen an erster Stelle die Aufmerksamkeit gegenüber dem Leben des Menschen, das als Mittelpunkt eines jeden wahren Fortschrittes gesehen ist; die Achtung des Rechts auf Religionsfreiheit, immer in enger Verbindung mit der Entwicklung des Menschen; die Ablehnung einer prometheischen Sicht des Seins des Menschen, die ihn für den absoluten Herrn seines Schicksal hält. Ein unbegrenztes Vertrauen in die Möglichkeiten der Technologie würde sich am Ende als illusorisch erweisen. Es bedarf sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft rechtschaffener Menschen, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl nachdrücklich leben. Mit Blick auf die Notstände der Welt ist es ganz besonders dringend erforderlich, die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf das Drama des Hungers und der Unsicherheit auf dem Gebiet der Ernährung zu lenken, das einen beachtenswerten Teil der Menschheit betrifft. Ein Drama von derartigem Ausmaß fordert unser Gewissen heraus! Es ist notwendig, ihm entschlossen entgegenzutreten, indem die strukturellen Ursachen beseitigt und die Entwicklung der Landwirtschaft in den ärmsten Ländern gefördert wird. Ich bin sicher, dass dieser solidarische Weg zur Entwicklung der ärmsten Länder gewiss behilflich sein wird, ein Projekt zur Lösung der aktuellen globalen Krise zu erarbeiten. Zweifellos ist die Rolle und die politische Macht der Staaten neu zu bewerten, dies in einer Zeit, in der de facto Beschränkungen ihrer Souveränität aufgrund des neuen internationalen ökonomisch-kommerziellen und finanziellen Kontextes gegeben sind. Und auf der anderen Seite darf es nicht an der verantwortlichen Teilnahme der Bürger an der nationalen und internationalen Politik fehlen, dies auch dank eines erneuerten Engagements der Arbeitnehmervereinigungen, die dazu gerufen sind, neue Formen des Zusammenwirkens nicht nur auf lokaler, sondern auch auf internationaler Ebene einzuführen. Eine vorrangige Rolle spielen in diesem Bereich auch die sozialen Kommunikationsmittel für die Intensivierung des Dialogs unter den verschiedenen Kulturen und Traditionen.

Will man also eine Entwicklung „programmieren", die von den heute weit vorhandenen schwerwiegenden Missständen und Verzerrungen nicht geschädigt ist, so ist einerseits allen geboten, ernsthaft über den Sinn der Wirtschaft und ihre Zielsetzung nachzudenken. Tatsächlich ist dies ein Erfordernis der ökologischen Gesundheit des Planeten; es ist dies eine Notwendigkeit, die sich aus der kulturellen und moralischen Krise des Menschen ergibt, die seit langem in allen Teilen der Welt sichtbar ist. Die Wirtschaft braucht für ihr korrektes Funktionieren eine Ethik; sie muss den wichtigen Beitrag des Prinzips der Unentgeltlichkeit und der „Logik des Gebens" in der Marktwirtschaft wiederentdecken, in der die Regel nicht allein der Profit sein darf. Dies aber ist nur mit Hilfe des Engagements aller Menschen möglich, von Wirtschaftsfachleuten und Politikern angefangen bis hin zu den Herstellern und Verbrauchern, und es setzt dies eine Erziehung des Gewissens voraus, die den moralischen Kriterien bei der Ausarbeitung von politischen und wirtschaftlichen Abkommen Kraft gibt. Zu Recht wird von mehren Seiten auf die Tatsache hingewiesen, dass die Rechte entsprechende Pflichten voraussetzen, ohne die die Gefahr besteht, dass die Rechte zur Willkür werden. Die ganze Menschheit, so wird immer öfter wiederholt, bedarf eines anderen Lebensstils, in dem sich die Pflichten eines jeden gegenüber der Umwelt mit den Pflichten verbinden, die wir gegenüber dem Menschen an sich und in Beziehung zu den anderen haben. Die ganze Menschheit ist eine einzige Familie, und der fruchtbare Dialog zwischen Glaube und Vernunft kann sie nur bereichern und so das Werk der Nächstenliebe im sozialen Bereich wirksamer machen, indem er den sachgemäßen Rahmen bildet, um die Zusammenarbeit zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen in der gemeinsamen Sicht zu fördern, für die Gerechtigkeit und den Frieden in der Welt zu arbeiten. Als Leitprinzip für diese brüderliche Zusammenarbeit verweise ich in der Enzyklika auf die Prinzipien der Subsidiarität und der Solidarität, die eng miteinander verbunden sind. Schließlich habe ich angesichts der so weitgehenden und tiefen Probleme der Welt von heute auf die Notwendigkeit einer dem Recht untergeordneten politischen Weltautorität verwiesen, die sich an die genannten Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität hält und beharrlich auf die Verwirklichung des Gemeinwohls hingeordnet ist, unter Wahrung der großen moralischen und religiösen Traditionen der Menschheit.

Das Evangelium erinnert uns daran, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt: Nicht nur mit den materiellen Gütern kann der tiefe Durst in seinem Herzen gestillt werden! Der Horizont des Menschen ist zweifellos höher und weiter; und aus diesem Grund muss jedes Entwicklungsprojekt neben dem materiellen Wachstum dem geistlichen Wachstum der Person Rechnung tragen, die eben Seele und Leib hat. Das ist die ganzheitliche Entwicklung, auf die die Soziallehre der Kirche immer Bezug genommen hat; eine Entwicklung, die ihr Orientierungskriterium in der Antriebskraft der „Liebe in der Wahrheit" hat.

Liebe Brüder und Schwestern, wir wollen dafür beten, dass auch diese Enzyklika der Menschheit helfen kann, sich als eine Familie zu empfinden, die sich für die Verwirklichung einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens einsetzt. Beten wir darum, dass die Gläubigen, die in der Wirtschaft und Politik arbeiten, sehen mögen, wie wichtig im Dienst, den sie für die Gesellschaft leisten, ihr glaubwürdiges Zeugnis für das Evangelium ist. Insbesondere lade ich euch ein, für die Staats- und Regierungschefs des G8-Gipfels zu beten, die sich in diesen Tagen in L'Aquila treffen. Aus diesem bedeutenden Weltgipfeltreffen mögen Entscheidungen und Orientierungen hervorgehen, die für den wahren Fortschritt aller Völker und dabei besonders der ärmsten nützlich sind. Empfehlen wir diese Gebetsmeinungen der mütterlichen Fürsprache Mariens, Mutter der Kirche und der Menschheit, an.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Papst des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Gestern wurde meine neue Enzyklika Caritas in veritate - die Liebe in der Wahrheit - veröffentlicht. In dieser Enzyklika über die ganzheitliche Entwicklung des Menschen geht es nicht darum, technisch-praktische Lösungen für die großen wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit anzubieten. Die wichtigen Fragen unserer Gesellschaft reichen weit über die rein operative Ebene hinaus und müssen im größeren Gesamtzusammenhang gesehen werden. Daher wollte ich in Erinnerung rufen, dass die umfassende Entwicklung eines jeden Menschen und der ganzen Menschheit nur in Christus und auf Christus hin erfolgen kann. Der hauptsächliche Antrieb dazu ist die Liebe in der Wahrheit, nämlich die Bereitschaft, sich auf die Logik des unentgeltlichen Schenkens einzulassen und das wirtschaftliche und soziale Leben nach den bleibenden großen Prinzipien auszurichten: die Achtung vor dem menschlichen Leben, die wahren Menschenrechte und -pflichten, die notwendige Tugendhaftigkeit der Wirtschaftstreibenden und der Verantwortlichen in der Politik, das Streben nach dem Gemeinwohl auch auf weltweiter Ebene, der ethische Umgang mit der Technologie und den Medien. Die Erneuerung unserer Gesellschaft, die vielerorts krankt, bedarf eines ernsthaften Nachdenkens über den tiefen Sinn der Wirtschaft, der Finanzen und der Politik. Dieses Nachdenken muss auf der Wahrheit über den Menschen als solchen und seiner Beziehung zu den Mitmenschen beruhen. Dazu gehört, dass der Mensch nicht nur Leib, sondern auch Seele ist und seine ganzheitliche Entwicklung daher das geistige Wachstum einschließt.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte Benedikt XVI. mit den folgenden Worten:]

Von Herzen grüße ich alle Pilger und Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die sozialen Probleme unserer Zeit erfordern, dass wir alle in der Liebe wachsen und uns aus dem Glauben heraus für unsere Mitmenschen einsetzen. Beten wir besonders auch für die Hauptverantwortlichen in der Wirtschaft und in der Politik, damit ihr Wirken der wahren Entwicklung der Völker dient. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Aufenthalt in Rom.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]