Wahre Liebe scheut das Reisen nicht: Buch von Teresa von Avila über Klostergründungen neu übersetzt

Von Regina Einig

| 1502 klicks

WÜRZBURG, 28. November 2007 (Die-Tagespost.deZENIT.org).- Ob Pius V. den Bischof von Ávila 1572 tatsächlich dazu aufforderte, die mobilste Karmelitin seiner Diözese zu einem Leben in Klausur anzuhalten? Ein solches Verbot erscheint heute zweifelhaft, auch wenn der Dominikaner Pedro Fernández, Apostolischer Kommissar für die Karmeliten Kastiliens, in einem Brief vom Januar 1573 behauptete, Bischof Mendoza habe auf seine Anfrage wegen Reisedispens für die Karmelitin Teresa von Jesus rotes Licht aus Rom erhalten. Sicher ist, dass das Pontifikat des heiligen Papstes Pius V. (1566–1572) eine fruchtbare Schaffensperiode Teresas war.

Sieben Frauenklöster und ein Männerkloster öffneten zwischen 1567 und 1571 auf ihre Initiative hin die Pforten. Ein Zitat der Heiligen am Eingang des Karmels zu Alba de Tormes – „Der Herr sagte mir, ich solle mich mit der Gründung dieser Häuser beeilen“ – erklärt, warum ihr keine Alternative zum Reisen blieb: Aus Gehorsam gegenüber ihrem göttlichen Auftraggeber Christus war die kommunikative Ordensfrau jahrelang in Spanien unterwegs und gründete insgesamt achtzehn Klöster. Im Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten schrieb sie ihre Autobiographie und ihre Reiseberichte nieder. Das „Buch der Gründungen“ hat der Herder-Verlag nun in einer neuen Übersetzung vorgelegt.



Die Reformklöster befolgten nach dem Vorbild des 1562 von Teresa gegründeten Karmels San José in Ávila die ursprüngliche Regel des Ordens. Ermutigt von der Maxime „Halten wir uns unsere wahren Gründer vor Augen, nämlich jene heiligen Väter, von denen wir abstammen“ und dem Ordensgeneral Giovanni Battista Rossi, der Teresa auftrug, so viele Klöster zu gründen, wie sie „Haare auf dem Kopfe hätte“ wollte die zielstrebige kastilische Ordensfrau mit ihren Schwestern der von den Wirren der Reformationszeit bedrängten Kirche helfen: „Es ist für mich ein besonderer Trost, eine weitere Kirche zu sehen, wenn ich daran denke, wie viele die Lutheraner zerstören.“

Allen schwarzen Legenden über die Inquisition zum Trotz muss das Zeitalter der Gegenreformation in Spanien ein nach heutigen Maßstäben unvorstellbar beflügelndes kirchliches Klima geschaffen haben. Teresas Erfahrung, „wenn bekannt ist, dass es (das Kloster) in Armut gegründet ist, gibt es nichts zu befürchten, da dann alle mithelfen“ (S. 458) spricht Bände über ihr Vertrauen in ihr Umfeld. Es dürfte neben ihrem Sendungsbewusstsein, ihrer Intelligenz und ihrem außerordentlichen Gottvertrauen entscheidend zum Erfolg der Reform beigetragen haben.

Das Buch der Gründungen ist ein Schlüssel zum Verständnis von Teresas geistlichem Erbe. Es zeigt, dass entgegen landläufiger Vorstellungen äußere Ruhe und Beschaulichkeit keine zwingenden Voraussetzungen für eine kontemplative Lebensform sind. Erst das Dokument der rastlosen Tätigkeit der gesundheitlich angeschlagenen, alternden Teresa, die fern von Ávila die Ruhe und Stille ihres Klosters San José vermisste, erlaubt der Nachwelt eine angemessene Würdigung ihrer Schule des Gebets. „Es wäre schlimm, wenn man nur in Schlupfwinkeln inneres Beten halten könnte“ (F 5,16). In Jahren der Auseinandersetzungen mit kirchlichen Vertretern, in der ihr zermürbende Alltagssorgen, Rufmord und die Strapazen teilweise lebensgefährlicher Reisen zu schaffen machten, lebte Teresa vor, dass „der wahre Liebende überall liebt und immer an den Geliebten denkt“.

Die rasche Folge der Gründungen und ihre einflussreichen Wohltäter machten die Karmelitin zu einer der berühmtesten Frauen ihrer Zeit. Sie selbst blieb davon überzeugt, „dass ihr Gebet etwas vermöchte, da ich zu mehr nicht imstande bin“ und war davon überzeugt, dass „der Fortschritt für die Seele nicht im vielen Denken, sondern im vielen Lieben liegt“. Und öffnete die Klosterpforten für Kandidatinnen ohne Mitgift. Bei chronischen Geldmangel machte sie auf ihren Reisen die Erfahrung, „dass dann, wenn das Kloster erst einmal errichtet ist, der Herr Sorge trüge“. Die von Teresa perfekt beherrschte Kunst des Netzwerkens und Delegierens prägte das Gesicht die Karmelreform: In einer Art Teamwork zwischen Orden, Diözesanklerus und Laien stellten die Karmeliten eine von mehreren geistlichen Säulen dar. Teresa zog Dominikaner und Jesuiten zu Rate und stand in Kontakt mit dem Kopf der franziskanischen Reformbewegung in Spanien, Pedro de Alcántara. Vor allem die Jesuiten erwiesen sich als Zugpferde der teresianischen Reform.

Das Buch der Gründungen liefert zudem unkonventionelle Einblicke in das sechzehnte Jahrhundert. Vom Konkurrenzkampf der Klöster um Immobilien in Burgos bis zur Heiratspolitik betuchter Familien taucht der Leser in eine spannend geschriebene Geschichte des kirchlichen und privaten Lebens ein. Unter welchen Opfern Ordensfrauen Klöster aufbauten, die zum großen Teil bis heute Bestand haben, lässt den Leser nicht kalt. Köstlich ist der Humor Teresas, wenn sie sich in der Nacht vor Allerseelen gruselt „obwohl ich vor Leichen keine Angst habe“, dem Diözesanverwalter des mächtigen Erzbistums Toledo entschlossen den Kopf wäscht und mit feiner Selbstironie notiert: „Herr! Du weißt, was du tust, und ich weiß nicht einmal was ich sage!“

Eine vollständige Neuübertragung dieses Textes ins Deutsche war überfällig, denn die maßgebliche Ausgabe des zwanzigsten Jahrhunderts von Aloysius Alkofer, erschienen bei Kösel, ist vergriffen. Und eine vollständige Edition von Teresias Gesamtwerk aus dem achtzehnten Jahrhundert antiquarisch aufzutreiben kommt einem Lottogewinn gleich.

Ulrich Dobhan OCD und Elisabeth Peeters OCD haben mit ihrer Neuübertragung eine kreative Übersetzung vorgelegt, die der eigenwilligen Syntax des Originals Rechnung trägt. Wertvoll ist das Glossar theologischer Begriffe und das detaillierte Personen- und Ortsverzeichnis sowie die Fülle biographischer Erläuterungen zu vielen von Teresa nur anonym erwähnten Zeitgenossen.

Die Übersetzer strengen sich in den üppigen Fußnoten mächtig an, um das Wirken einer Ordensfrau des sechzehnten Jahrhunderts durch die feministisch getönte Brille zu betrachten. Die Hermeneutik des Geschlechterkampfs wirkt jedoch deplatziert, dokumentieren die Berichte über die Klostergründungen doch mehr als jeder andere Text aus Teresas Feder die außergewöhnliche Wertschätzung, die männliche Förderer und Freunde der Heiligen entgegenbrachten. Nicht von ungefähr empfiehlt Teresa jedem Leser des Buchs, für Bischof Mendoza von Ávila zu beten, weil „es so viel ist, was dieser Orden ihm verdankt“. Im einundzwanzigsten Jahrhunderts werden Leser es weder als Selbstverständlichkeit werten, dass Philipp II. bescheinigt wird, er habe die Reform des Karmels „in allem gefördert“ noch werden sie zeitgenössische Parallelen zu jener Szene nennen können, in der Sevillas Erzbischof Teresa auf Knien vor der Stadtbevölkerung um ihren Segen bittet. Auch der Prior der Kartause von Las Cuevas, der sich einer öffentlichen Prozession durch ein pulsierendes Altstadtviertel anlässlich der Gründung des Karmels in Sevilla anschloss, hat bis heute im frauenbewegten deutschen Sprachraum bis heute nicht Schule gemacht.

Eine ehemalige Nonne zeigte Teresa bei der Inquisition an

Massive Widerstände gegen Teresas Weggefährten Johannes vom Kreuz legen vielmehr nahe, dass weder Priesterweihe noch theologische Qualifikation bei den Gegnern der Reform ins Gewicht fielen. Das Argument „Frauenfeindlichkeit“ als notorische Begründung für binnenkirchliche Spannungen im Spanien des sechzehnten Jahrhundert sticht nicht. Teresas Anzeige bei der Inquisition durch eine ehemalige Karmelitin ist nur ein Beispiel.

Sowohl Teresas Auseinandersetzungen mit der launischen Prinzessin Eboli als auch die detailliert geschilderte Familientragödie der ersten Postulantin des Karmels in Sevilla lassen eher auf einen nüchternen Blick der Autorin für weibliche Schwächen schließen. Auch über das schlichte Gemüt mancher Schwester dürfte sich Teresa keine Illusionen gemacht haben, stellte sie doch „ohne mit der Wimper zu zucken“ den Gehorsam ihrer Mitschwestern so auf die Probe, dass deren „natürliche Vernunft“ sichtlich „geblendet“ wurde (S. 93).

Erhebliche Mühe bereitet den Kommentaren Teresas Rolle als herausragende Gestalt der Gegenreformation und ihr Urteil über die Reformatoren. Ein schlüssiger Beweis für die gewagte These, Teresas Denken sei „stark von der kirchlichen und staatlichen Propaganda im gegenreformatorischen Spanien beeinflusst worden“ fehlt. Inwiefern hat sich das angebliche Propagandaopfer Teresa „mit ihrer klaren dogmatischen Ausrichtung“ von jener der katholischen Kirche ihrer Zeit unterschieden? Die Kommentare zur Übersetzung sollten im Fall einer Neuauflage ideologisch entgiftet und korrigiert werden: Teresa brach im Jahr 1569 (S. 255) nach Pastrana auf. Das Fest des Apostels Jakobus fällt auf den 25. Juli (S. 289). In Kapitel 13, 3 erhält die Formulierung „August-Gesindel“ (gente de agosto) einen menschenverachtenden Zungenschlag, da dem Leser „Saisonarbeiter“ und „Ungeziefer“ als scheinbar gleichwertige Erklärungen angeboten werden. Tomas Alvarez, spanischer Herausgeber des Gesamtwerks Teresas, erläutert diese Stelle unzweideutig mit „parásitos“ (Parasiten).

Neben dem Buch der Gründungen und der Autobiografie Teresas sind die Briefe der Heiligen die wichtigste Quelle, um sich ein umfassendes Bild über die Karmelreform zu machen. Dass Herder die Herausgabe der Briefe plant, ist mit Blick auf den 500. Geburtstag Teresas im Jahr 2015 nur zu begrüßen.

[Teresa von Ávila: Das Buch der Gründungen, herausgegeben und übersetzt von Ulrich Dobhan OCD und Elisabeth Peeters OCD, Herder spektrum, Freiburg, 2007, kartoniert, 448 Seiten, EUR 12,90; © Die Tagespost vom 24. November 2007]