Wahre Theologie verbindet - eine entzweiende Theologie ist eine Ideologie

Interview mit Erzbischof Gerhard Ludwig Müller über die Befreiungstheologie

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Wlodzimierz Redzioch | 544 klicks

In bestimmten Kreisen wurde die Ernennung von Msgr. Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Kongregation für die katholische Glaubenslehre und die Wahl des Erzbischofs von Buenos Aires in das Amt des Bischofes von Rom gleichsam als Einzug der von Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger kritisierten Befreiungstheologie betrachtet. Um diesbezüglich Klarheit zu schaffen, führte Włodzimierz Rędzioch ein Gespräch mit Msgr. Müller. Das Interview wurde in der polnischen Wochenzeitung „Niedziela” publiziert und wird in der nächsten Ausgabe der US-amerikanischen Monatszeitschrift „Inside the Vatican” erscheinen. ZENIT veröffentlichte es in italienischer Sprache.

Seit dem 2. Juli 2012 übernimmt ein neuer Präfekt die Leitung der Kongregation für die Glaubenslehre, des wichtigsten Dikasterions der Römischen Kurie: der ehemalige Bischof von Regensburg und persönliche Freund Benedikts XVI. Gerhard Müller. Mit ihm wurde zum zweiten Mal in der jüngeren Geschichte der Kirche ein deutscher Theologe in dieses Amt gewählt.

Die Nominierung von Bischof Müller zum Präfekten durch den Papst beruht auf keinerlei persönlichen Beweggründen: Müller gilt als einer der fähigsten Theologen der Kirche, wofür seine akademische Laufbahn ein eindrucksvoller Beleg ist.

Gerhard Ludwig Müller erblickte am 31. Dezember 1947 in Mainz-Finthen als Kind einer Arbeiterfamilie das Licht der Welt. Er studierte Theologie und Philosophie in Magonza, München und Freiburg. Im Jahre 1977 erwarb er den Doktortitel im Fach Theologie. Ein Jahr später wurde er durch Herman Kardinal Volk zum Priester geweiht. 1986 erhielt er einen Ruf an den Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Er war damals 38 Jahre alt und einer der jüngsten Professoren an der Universität.

Msgr. Müller lehrte als Gastprofessor an Universitäten in Peru, Spanien, den Vereinigten Staaten, Indien, Italien und Brasilien. Unter seinen mittlerweile über 400 wissenschaftlichen Publikationen ist seine „Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie” die bekannteste.

Papst Johannes Paul II. ernannte ihn im Jahr 2002 zum Bischof von Regensburg. Sein Wahlspruch lautet “Dominus Jesus” (Jesus ist der Herr).

Bereits zuvor hatte Müller im Vatikan Bekanntheit erlangt. So wirkte er im Zeitraum von 1998 bis 2003 als Mitglied der Internationalen Theologenkommission und arbeitete beim Rat für die Einheit der Christen als Experte für Ökumene.

Im Jahre 2008 beauftragte ihn der Heilige Vater mit der Gründung des Instituts Papst Benedikt XVI. mit Sitz in Regensburg, dessen vordergründiges Ziel die Herausgabe des Gesamtwerkes von Joseph Ratzinger ist. Die Ernennung des Bischofs von Regensburg zum Präfekten der katholischen Orthodoxie löste in manchen katholischen Kreisen Besorgnis aus. Aufgrund seiner Freundschaft mit Pater Gustavo Gutierrez, mit dem er gemeinsam das Werk „An der Seite der Armen: Theologie der Befreiung” verfasste, wurden Müller Kontakte zu Vertretern der Befreiungstheologie vorgeworfen.

Dennoch wurde die Befreiungstheologie sowohl von Papst Johannes Paul II. als auch Kardinal Ratzinger, dem ehemaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, scharf kritisiert. Aus diesem Grund bildete dieses Thema den Mittelpunkt des Gespräches.

Sie sind als Priester und Bischof immer sehr sensibel gegenüber den Werten Gerechtigkeit, Solidarietät und Menschenwürde gewesen. Wie erklärt sich Ihr Interesse für soziale Probleme? 

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller: Ich komme aus Mainz. In meiner Stadt war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein großartiger Bischof, der Baron Wilhelm Emmanuel von Ketteler, ein Wegbereiter der Sozialdoktrin der Kirche. Als Kind wuchs ich in einem sozial engagierten Umfeld auf. Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und den verschiedenen Diktaturen auch der katholischen Sozialdoktrin verdanken. Dank dem Christentum wurden Werte wie Gerechtigkeit, Solidarietät und Menschenwürde in die Verfassungen unserer Länder aufgenommen.

Liest man Ihren Lebenslauf, stellt man fest, dass sehr viele Beziehungen zu Lateinamerika haben. Wie ist die Beziehung zur lateinamerikanischen Kirche entstanden?

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller: Für 15 Jahre begab ich mich nach Lateinamerika, nach Peru, aber auch in andere Länder. Ich verbrachte dort immer zwei oder drei Monate im Jahr, und lebte wie die normale Bevölkerung, das heißt unter sehr einfachen Bedingungen. Am Anfang ist das für einen Europäer sehr schwierig, aber wenn man beginnt, die Menschen persönlich kennenzulernen und sieht, wie sie leben, dann kann man es akzeptieren. Ein Christ ist überall zu Hause; Wo es einen Altar gibt, ist Christus gegenwärtig; wo immer du dich befindest, bist du Teil der großen Gottesfamilie.

Als Sie, Exzellenz, im letzten Jahr zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre ernannt wurden, wurden Stimmen laut, die Sie wegen ihrer engen Beziehung zu Pater Gustavo Gutiérrez, Mitbegründer und Namensgeber der Befreiungstheologie, kritisierten. Was können Sie uns dazu sagen?

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller: Das ist wahr, ich kenne P. Gustavo Gutiérrez gut. 1988 wurde ich zu einem Seminar mit ihm eingeladen. Ich ging dort mit einigen Vorbehalten hin, weil ich gut die beiden Stellungnahmen der Kongregation für die Glaubenslehre über die Befreiungstheologie aus den Jahren 1984 und 1986 kenne. Aber ich mußte feststellen, daß man zwischen einer richtigen und einer falschen Befreiungstheologie unterscheiden muß. Ich glaube, daß jede gute Theologie von Gott und seiner Liebe ausgeht und sie mit der Freiheit und der Herrlichkeit der Gotteskinder zu tun hat. Deshalb kann die christliche Theologie, die von der von Gott geschenkten Errettung spricht, nicht mit der marxistischen Theologie, die von der Selbst-Auferstehung des Menschen spricht, vermischt werden. Die marxistische Anthropologie ist vollkommen anders als die christliche Anthropologie, weil sie den Menschen als frei von Freiheit und Würde betrachtet. Der Kommunismus spricht von der Diktatur des Proletariats, die gute Theologie hingegen von Freiheit und Liebe. Der Kommunismus, aber auch der neoliberale Kapitalismus, verschließen sich der transzendentalen Dimension des Seins und begrenzen sich auf den materiellen Aspekt des Lebens. Der Kapitalismus und der Kommunismus sind zwei Gesichter derselben Medaille, der falschen Medaille. Stattdessen greift die wahre Theologie der Befreiung für die Errichtung des Königreichs Gottes auf die Bibel, auf die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils zurück.

In gewissen Kreisen wurde Ihre Ernennung zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, die sich mit der katholischen Doktrin beschäftigt, und die Wahl des Erzbischofs von Buenos Aires zum Bischof von Rom als wahrer Sieg der Befreiungstheologie, die von Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger kritisiert wurde. Was antworten Sie darauf?

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller: Vor allem möchte ich betonen, dass es keinen Bruch zwischen Kardinal Ratzinger/Benedikt XVI. und Papst Franziskus in bezug auf die Befreiungstheologie gibt. Die Dokumente des ehemaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre dienten dazu, zu klären, was man vermeiden mußte, um die Befreiungstheologie zu einer authentischen Theologie der Kirche zu machen. Meine Ernennung bedeutet nicht, daß ein neues Kapitel in der Beziehung zu dieser Theologie geöffnet wird, sondern ist ein Zeichen der Kontinuität.