Wahrheit ist eine Beziehung (Erster Teil)

Brief des Papstes an den ehemaligen Chefredakteur der italienischen Tageszeitung "La Repubblica"

Rom, (ZENIT.org) | 1137 klicks

Im Folgenden dokumentieren wir in einer eigenen Übersetzung den ersten Teil der ungekürzten Fassung des am 11. September 2013 in der römischen Tageszeitung „La Repubblica“ veröffentlichen Antwortbriefes von Papst Franziskus an Eugenio Scalfari, den Gründer und ehemaligen Chefredakteur der Zeitung, auf dessen Fragen zu den Themen Glaube und Laizismus.

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Hoch geschätzter Herr Dr. Scalfari,

mit aufrichtiger Herzlichkeit möchte ich mit diesem Schreiben, wenn auch nur in groben Zügen, auf Ihre persönlichen Überlegungen Bezug nehmen, die Sie am 7. Juli über die Tageszeitung „La Repubblica“ an mich richteten und am 7. August in derselben Zeitung weiter erläuterten. Ich danke Ihnen vor allem für die Aufmerksamkeit, mit der Sie sich der Lektüre der Enzyklika „Lumen Fidei“ gewidmet haben. Im Sinne meines geliebten Vorgängers Benedikt XVI., der sie skizzierte, weite Teile davon niederschrieb und sie mir als Erbe vermachte, zielt diese nicht allein auf die Bestätigung jener im Glauben an Jesus Christus ab, die sich bereits darin erkennen. Vielmehr möchte sie zu einem aufrichtigen und ernsthaften Dialog mit denjenigen anregen, die sich wie Sie als „Nichtgläubige“ definieren, die jedoch von der "Verkündigung Jesu von Nazareth ergriffen sind und sich seit geraumer Zeit mit dieser beschäftigen.“ Deshalb betrachte ich einen Dialog über den auf die Verkündigung und die Gestalt Christi bezogenen Glauben nicht nur für uns als positiv, sondern für die gesamte Gesellschaft. Meines Erachtens ist dieser Dialog heute vor allem aus zwei Gründen angebracht und wertvoll.

Der Dialog war übrigens eines des Hauptanliegen des von Johannes XXIII. einberufenen Zweiten Vatikanischen Konzils und auch der verschiedenen Päpste, die auf unterschiedliche Weise den vom Konzil vorgezeichneten Weg bisher weiterverfolgt haben. Wie aus den ersten Seiten der Enzyklika hervorgeht, liegt dem ersten Grund ein im Zeitalter der Moderne zu beobachtendes Paradox zugrunde: Der christliche Glaube, dessen Neuheit und Auswirkung auf das menschliche Leben seit jeher mit dem Symbol des Lichtes zum Ausdruck gebracht wurden, wurde häufig als dunkler Aberglaube, im Gegensatz zum Licht der Vernunft stehend, bezeichnet. Die Kommunikation kam zwischen der Kirche und der christlich inspirierten Kultur einerseits und der modernen, durch die Aufklärung geprägten, Kultur andererseits zum Stillstand. Das Zweite Vatikanische Konzil ebnete den Weg für einen offenen Dialog ohne Vorurteile, auf dessen Grundlage eine ernsthafte und fruchtbare Begegnung erneut ermöglicht wird.

Nun ist die Zeit gekommen. Für jene, die sich um die Wahrung der Treue zum Geschenk der Nachfolge Jesu im Licht des Glaubens bemühen, ist die zweite Gegebenheit in der Tatsache begründet, dass dieser Dialog kein schmückendes Beiwerk der Existenz des Gläubigen ist: Er ist vielmehr ein persönlicher und unverzichtbarer Ausdruck seines Inneren. Ich erlaube mir, in diesem Zusammenhang eine meines Erachtens sehr wichtige Aussage der Enzyklika zu zitieren: „Da die vom Glauben bezeugte Wahrheit die Wahrheit der Liebe ist“ – so steht es in diesem Text – „wird deutlich, dass der Glaube nicht unnachgiebig ist, sondern im Miteinander wächst, das den anderen respektiert. Der Gläubige ist nicht überheblich; im Gegenteil, die Wahrheit lässt ihn demütig werden, da er weiß, dass nicht wir sie besitzen, sondern vielmehr sie es ist, die uns umschließt und uns besitzt. Weit davon entfernt, uns zu verhärten, bringt uns die Glaubensgewissheit in Bewegung und ermöglicht das Zeugnis und den Dialog mit allen“ (Nr. 34). Von diesem Geist sind die von mir an Sie gerichteten Worte beseelt.

Mein Glaube entstand in der Begegnung mit Jesus. Es handelte sich um eine persönliche Begegnung, die mein Herz berührte und durch die meine Existenz eine Ausrichtung erfuhr und einen neuen Sinn erhielt. Zugleich wurde diese Begegnung jedoch von jener Glaubensgemeinschaft ermöglicht, in der ich lebte. Sie erlaubte mir den Zugang zur Weisheit der Heiligen Schrift, zum neuen Leben, das über die Sakramente aus Jesus wie eine sprudelnde Quelle fließt, zur Brüderlichkeit mit allen und zum Dienst an den Armen, dem wahren Bild des Herrn. Ohne die Kirche – das können Sie mir glauben – hätte ich Jesus, selbst im Bewusstsein, die unermessliche Gabe des Glaubens in zerbrechlichen Tontöpfen der Menschheit aufbewahrt zu wissen, nicht begegnen können.

Ich betrachte gerade diese persönliche Glaubenserfahrung als einen passenden Ausgangspunkt, um sich mit Ihren Fragen zu beschäftigen und gemeinsam mit Ihnen Wege zu suchen, auf denen wir vielleicht ein Stück gemeinsam wandern können. Verzeihen Sie mir, wenn ich der Reihenfolge der in Ihrem Leitartikel vom 7. Juli vorgebrachten Argumentation nicht Schritt für Schritt folgen werde. Es erscheint mir fruchtbarer und sinnvoller, gewissermaßen zum Kern Ihrer Betrachtungen vorzudringen. Ebenso wenig werde ich mich an die erklärende Form der Enzyklika halten, in der Sie das Fehlen eines Kapitels über den historischen Jesus bemängeln.

Bevor ich beginne, möchte ich lediglich darauf hinweisen, dass eine derartige Analyse nicht nebensächlich ist. Wie auch anhand des logischen Aufbaus der Enzyklika ersichtlich wird, geht es darum, den Blick auf die Bedeutung der Worte und Taten Jesu zu richten und somit auf das, was Jesus für uns war und heute noch ist. In der Tat sind die Paulusbriefe und das Johannesevangelium, auf die sich die Enzyklika insbesondere bezieht, das solide Fundament des Messias-Amtes Jesu von Nazareth, das mit dem Tod und der Auferstehung an Ostern seinen entscheidenden Höhepunkt erreichte.

Daher sollte man sich mit der Konkretheit und Rohheit seiner Geschichte auseinandersetzen, so wie es im ältesten Evangelium, das nach dem hl. Markus, erzählt wird. Es lässt sich feststellen, dass der durch das Wort und die Lehrpraxis Jesu bedingte „Skandal“ seiner außergewöhnlichen „Autorität“ entspringt: Dieser bereits im Markusevangelium erwähnte Begriff ist nicht leicht in die italienische Sprache übertragbar. Die griechische Bezeichnung lautet „exousia“, was wörtlich mit „vom Sein stammend“ übersetzt werden kann. Folglich handelt es sich dabei um nichts Äußeres oder Forciertes, sondern um ein aus dem Inneren kommendes und sich aus eigener Kraft durchsetzendes Sein. Tatsächlich berührt Jesus, er verwundert und erneuert; wie er selbst sagt, ausgehend von seiner Beziehung zu Gott, den er väterlich Abba nennt und der ihm diese „Autorität“ verleiht, auf dass er sie zum Wohl der Menschen einsetze.

So predigt Jesus „wie eine Autorität“; er heilt, ruft die Jünger zu seiner Nachfolge auf, schenkt Vergebung … bei diesen Dingen handelt es sich im Alten Testament um Eigenschaften Gottes, die Gott vorbehalten sind. Die im Markusevangelium mehrmals enthaltene und auf die Identität Jesu bezogene Frage „Wer ist er, der …?“ entspringt der Erkenntnis einer anderen Autorität als jener der Welt, die nicht darauf abzielt, Macht über andere auszuüben, sondern ihnen zu dienen und ihnen die Freiheit und die Fülle des Lebens zu schenken; ungeachtet der Gefahren für das eigene Leben, trotz Unverständnis, Verrat und Ablehnung, bis zur Verurteilung zum Tod, bis zur Hingabe seiner selbst am Kreuz. Jesus bleibt Gott jedoch treu bis zum Ende. Paradoxerweise offenbart sich Jesus entsprechend dem im Markusevangelium enthaltenen Ausruf des römischen Zenturions am Fuß des Kreuzes gerade darin als Sohn Gottes! Er ist der Sohn eines liebenden Gottes, dessen ganzes Sein von dem Wunsch erfüllt ist, dass jeder Mensch sich ebenso als wahres Kind Gottes erkennt und danach lebt. Für den christlichen Glauben wird dies durch die Auferstehung Jesu bestätigt: Damit wollte er keinen Triumph über jene erzielen, die ihm mit Ablehnung begegneten, sondern bezeugen, dass die Kraft der Liebe den Tod überwindet, dass die Vergebung Gottes stärker ist als alle Sünden und dass es sich lohnt, sein gesamtes Leben als Zeugnis dieses unermesslichen Geschenkes bis zum Äußersten zu verschenken.

Nach dem christlichen Glauben ist Jesus der Sohn Gottes, der gekommen ist, um sein Leben hinzugeben und allen Menschen den Weg der Liebe zu eröffnen. Sie haben daher vollkommen Recht, Dr. Scalfari, wenn Sie in der Menschwerdung des Gottessohnes das Fundament des christlichen Glaubens erkennen. Bereits bei Tertullian findet sich der Ausdruck „caro cardo salutis“, das Fleisch (Christi) ist das Fundament des Heils. Die Menschwerdung, das heißt die Tatsache, dass der Sohn Gottes unser Fleisch angenommen hat, die Freuden und Leiden, Siege und Niederlagen unserer Existenz bis zum Schrei am Kreuz mit uns teilte, bei allen Erfahrungen von der Liebe und Treue zum Abba geführt war, ist ein Zeugnis Gottes der unbeschreiblichen Liebe zu jedem Menschen und des unschätzbaren Wertes, den er ihm beimisst. Jeder von uns ist daher dazu aufgerufen, den Blick und die Liebesentscheidung Jesu anzunehmen und sich in seine Art zu sein, in sein Denken und Handeln hineinzuversetzen. Das ist der Glaube, dessen Ausdrucksformen in der Enzyklika ausführlich dargestellt sind.

(Der zweite Teil folgt morgen, Freitag, dem 13. September)