Wahrheit ist eine Beziehung (Zweiter Teil)

Brief des Papstes an den ehemaligen Chefredakteur der italienischen Tageszeitung "La Repubblica"

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 666 klicks

Im Folgenden dokumentieren wir in einer eigener Übersetzung den zweiten Teil der ungekürzten Fassung des am 11. September 2013 in der römischen Tageszeitung „La Repubblica“ veröffentlichen Antwortbriefes von Papst Franziskus an Eugenio Scalfari, den Gründer und ehemaligen Chefredakteur der Zeitung, auf dessen Fragen zu den Themen Glaube und Laizismus.

Der erster Teil erschien gestern.

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Im Leitartikel vom 7. Juli stellten Sie mir auch die Frage nach der Originalität des christlichen Glaubens, in dessen Zentrum die Menschwerdung des Sohnes Gottes steht, im Vergleich zu anderen Bekenntnissen, die die absolute Transzendenz Gottes betonen. Diese Originalität ist meines Erachtens in der Tatsache begründet, dass uns der Glaube in Jesus an seiner Beziehung zu Gott als Vater teilhaben lässt – und im Licht dessen an seiner Beziehung zu allen Menschen, auch zu seinen Feinden, im Zeichen der Liebe. Die Sohnschaft Jesu stellt somit nicht eine unüberwindliche Mauer zwischen ihn und die anderen. Vielmehr sind wir alle dazu aufgerufen, Söhne des einen Vaters und untereinander Brüder zu sein. Die Einzigartigkeit Jesu dient der Kommunikation, nicht dem Ausschluss. Natürlich ergibt sich daraus auch – und das ist nicht wenig – die Unterscheidung zwischen der religiösen und der politischen Sphäre, die aus der in aller Deutlichkeit von Jesus vorgebrachten Aufforderung: „Gott geben, was Gottes ist, und dem Cäsar, was dem Cäsar gehört“ hervorgeht. Dieser Satz bildet das Fundament der Geschichte des Westens. So ist die Berufung der Kirche das Ausstreuen der Hefe und des Salzes des Evangeliums, d.h. der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes, die alle Menschen erreicht und das überirdische und endgültige Ziel unserer Bestimmung erkennbar macht, während der Zivilgesellschaft und der Politik die Aufgabe zukommt, durch Gerechtigkeit, Solidarität, Recht und Frieden ein von wachsender Menschlichkeit geprägtes Leben zu artikulieren und zu verankern. Wer den christlichen Glauben lebt, flüchtet nicht aus der Welt oder sucht irgendeine Hegemonie, sondern stellt sich in den Dienst des Menschen; er dient dem ganzen Menschen und allen Menschen, beginnend bei den Peripherien der Geschichte, stets erfüllt von der lebendigen Hoffnung, die trotz allem zu Werken des Guten drängt, und den Augen dem Jenseits zugewandt. 

Am Ende Ihres ersten Artikels fragen Sie mich auch, was man den jüdischen Brüdern über das ihnen von Gott gegebene Versprechen sagen kann: Ist es denn ganz ins Leere gegangen? Glauben Sie mir: Das ist eine Frage, die uns als Christen radikal bewegt, weil wir mit Hilfe Gottes vor allem vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgehend wiederentdeckt haben, dass das jüdische Volk für uns immer noch die heilige Wurzel ist, der Jesus entstammt. Auch ich habe in Argentinien über die während all dieser Jahre erhaltene Freundschaft mit den jüdischen Brüdern im Gebet oftmals Fragen an Gott gerichtet, besonders im Gedenken an die furchtbare Erfahrung der Shoah. Mit dem Apostel Paulus kann ich Ihnen sagen, dass Gottes Treue zu dem mit Israel geschlossenen Bund niemals ins Wanken geriet und dass die Juden trotz der schrecklichen Prüfungen dieser Jahrhunderte ihren Glauben an Gott bewahrt haben. Dafür werden wir ihnen als Kirche, aber auch als Menschheit, niemals genug danken können. Und in ihrem Glauben drängen sie alle, auch uns Christen, immer Wartende auf die Rückkehr des Herrn zu bleiben, wie Pilger, und dass wir uns nie im schon Erreichten einrichten dürfen.

Nun möchte ich zu den drei Fragen kommen, die Sie mir im Artikel vom 7. August gestellt haben. In den ersten beiden, so scheint es mir, geht es Ihnen um das Verständnis der Haltung die Kirche gegenüber den nicht an Jesus Glaubenden. Sie fragen mich vor allem, ob der Gott der Christen denen, die nicht glauben und sich auch nicht um den Glauben bemühen, Vergebung schenkt. Unter der Voraussetzung – und das ist wesentlich – dass die Barmherzigkeit Gottes keine Grenzen hat, wenn sich jemand ehrlichen, zerknirschten Herzens an ihn wendet, geht es bei der Frage der Nichtglaubenden um das Hören auf das eigene Gewissen. Um eine Sünde handelt es sich auch beim Nichtglaubenden dann, wenn er gegen sein Gewissen handelt. Auf es zu hören und ihm zu gehorchen bedeutet, sich angesichts des für gut oder für böse Erkannten zu entscheiden. Und an dieser Entscheidung hängt Güte oder Schlechtigkeit unseres Handelns.

In zweiter Linie fragen Sie mich, ob es ein Irrtum oder eine Sünde sei zu glauben, dass es keine absolute Wahrheit gebe. Zunächst würde ich auch für einen Glaubenden nicht von einer „absoluten“ Wahrheit im Sinne eines Losgelöstseins und daher einer Beziehungslosigkeit des Absoluten sprechen. Nun ist die Wahrheit dem christlichen Glauben zufolge die Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus und daher eine Beziehung! Jeder von uns geht von sich selbst aus, wenn er die Wahrheit aufnimmt und ausdrückt: von seiner Geschichte, seiner Kultur, seiner Lage usw. Dies bedeutet nicht, dass Wahrheit subjektiv oder veränderlich wäre, das Gegenteil ist der Fall. Sie gibt sich uns immer nur als Weg und als Leben. Hat nicht Jesus selbst gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben?“ Mit anderen Worten verlangt die Wahrheit, die letztlich mit der Liebe vollkommen eins ist, Demut und ein Offensein für die Suche, die Aufnahme und ihren Ausdruck. Dies erfordert Klarheit über die Begrifflichkeit und vielleicht ein Austreten aus den engen Pfaden einer … absoluten Gegenüberstellung, eine tiefgreifende Neuausrichtung der Frage. Ich denke, dass dies heute von grundlegender Notwendigkeit ist, wenn dieser von mir erhoffte frohe und konstruktive Dialog vorgebracht werden soll. Und schließlich fragen Sie, ob mit dem letzten Menschen auch der Gedanke an Gott von der Erde verschwinden wird. Die Größe des Menschen besteht zweifellos in der Fähigkeit, an Gott zu denken und somit zu einer bewussten und verantwortlichen Beziehung zu ihm. Jedoch handelt es sich dabei um eine Beziehung zwischen zwei Realitäten. Gott – und dies entspricht dem Denken und der Erfahrung des Verfassers und vieler Menschen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – ist keine Idee, Gott ist kein Ergebnis menschlichen Denkens. Gott ist eine Realität mit großem „R“. Jesus offenbart ihn uns als Vater voller Güte und Barmherzigkeit. Gott hängt somit nicht von unserem Denken ab. Auch wenn das Leben des Menschen auf der Erde endet – und dem christlichen Glauben zufolge ist das Vergehen dieser Welt, wie wir sie kennen, in jedem Fall vorbestimmt –, wird die Existenz des Menschen fortbestehen und in einer uns unbekannten Weise auch das mit ihm erschaffene Universum. In der Heiligen Schrift ist von „neuen Himmeln und neuen Erden“ die Rede und davon, dass Gott am Ende, an jenem Ort und zu jener Zeit jenseits von uns, nach dem wir uns hoffend und wartend ausrichten „alles in allem“ sein wird.

Verehrter Dr. Scalfari, an dieser Stelle möchte meine von Ihren Fragen angeregten Betrachtungen zum Abschluss bringen. Ich hoffe, Sie erkennen in meiner provisorischen, aber ehrlichen und vertrauensvollen Antwort eine Antwort auf meine Einladung, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. Glauben Sie mir: So langsam, untreu und voller Irrtümern und Sünden die Menschen, die die Kirche bilden, auch waren und noch sind – die Kirche hat doch keinen anderen Sinn und kein anderes Ziel als das, Jesus zu leben und zu bezeugen. Er, der vom Abba gesandt wurde, damit er den Armen eine gute Nachricht bringe; damit er den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit er die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (vgl. Lk 4, 18-19).

In brüderlicher Nähe, Franziskus