Wahrheit und Freiheit: Kardinal Levada und Erzbischof Amato über Grundprämissen der Evangelisierung

Vorstellung der „Lehrmäßigen Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung“

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ROM, 14. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde heute im Vatikan die „Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung“ der Kongregation für die Glaubenslehre vorgestellt. Nach den kurzen einführenden Worten der Präfekten der Kongregation, William J. Levada, erläuterte der Sekretär desselben Dikasteriums, Erzbischof Angelo Amato, in einer theologischen Anmerkung unter dem Thema „Die Verkündigung Christi feiert die menschliche Freiheit“ weiterführende Aspekte der Note.



In seinen Ausführungen erklärte Kardinal Levada, dass das Werk der Evangelisierung zum wahrsten Wesen der Kirche gehöre. Da die Christen das große Geschenk der Liebe Gottes in Christus erhalten haben, hätten diese natürlich den Wunsch und die Pflicht, dieses Geschenk mit ihren Familien, Freunden und den ihnen Nahestehenden zu teilen.

Der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre erklärte unter Bezugnahme auf die Adventszeit, dass der Engel, der den Hirten die Geburt des Herrn mitteilte, in gewisser Weise der erste Evangelist gewesen sei. Die Glaubenskongregation biete somit im Einklang mit der vorweihnachtlichen Zeit ihre Note der ganzen Kirche als Geschenk an.

Befragungen der Bischöfe in der ganzen Welt hinsichtlich des Werkes der Evangelisierung sowie eine gewisse Verwirrung seitens der Katholiken hinsichtlich der Frage, ob sie von ihrem Glauben an Christus Zeugnis ablegen müssen, habe die Kongregation dazu veranlasst, einige spezifische Aspekte des Missionsauftrages Christi näher zu beleuchten. Die Note behandle so drei wesentliche Dimensionen: die anthropologischen, ekklesiologischen und ökumenischen Implikationen des Missionsauftrages.

Die anthropologische Dimension betreffe die zwei Schlüsselfaktoren des menschlichen Daseins: die Freiheit und die Wahrheit. Die Offenbarung Gottes führe, so Levada, nach christlicher Überzeugung die Menschheit hin zur Wahrheit der Absicht Gottes sowie seines göttlichen Schöpfungs- und Erlösungsplanes. Die Erkenntnis dieser Wahrheit sei „ein großer Segen für die Menschheit“.

Gleichzeitig erfordere die Würde des Menschen die Achtung der Gewissensfreiheit. Daraus folge, dass sich die Evangelisierung nie Mittel und Maßnahmen bedienen dürfe, die Ausübung von Zwang bedeuten. Gleichzeitig erfordere es die Religionsfreiheit, dass die Evangelisierung nie behindert werde.

In ekklesiologischer Hinsicht verweise die Note auf die Dimension der Umkehr und des neuen Lebens in Christus. Kardinal Levada erinnerte an den Text des neu vorgestellten Dokuments, in dem es heißt: „Neue Glieder in die Kirche einfügen, heißt nämlich nicht, eine Machtgruppe vergrößern, sondern Menschen eintreten lassen in das Netz der Freundschaft mit Christus, das Himmel und Erde sowie verschiedene Kontinente und Epochen miteinander verbindet.“ Die bedeute die Annahme des Geschenkes der Freundschaft Christi: „das „neue Leben“, das beseelt ist von der Liebe und vom Einsatz für die Gerechtigkeit.“ Die Kirche sei dabei „Werkzeug der Gegenwart Gottes und deshalb auch Werkzeug einer wahren Humanisierung des Menschen und der Welt“ (vgl. Note Nr. 9).

Glaubwürdig werde die Evangelisierung schließlich, so der Präfekt, durch das Zeugnis der Heiligkeit und der Nächstenliebe.

Die ökumenischen Implikationen werden in der Spur der modernen ökumenischen Bewegung untersucht. Die Evangelisierung unter Christen verschiedener Konfessionen führe zum Dialog und dem gemeinsamen Teilen der Gaben, die eine tiefere Umkehr zu Christus fördern. „Wenn sich einzelne Menschen dafür entscheiden, in die Gemeinschaft der katholischen Kirche einzutreten, so dürfe diese Entscheidung nicht als Proselytismus im negativen Sinne gesehen werden; die Entscheidung sei zu respektieren.

Kardinal Levada brachte anschließend die Hoffnung zum Ausdruck, dass das vorliegende Dokument zu einem Instrument der Erneuerung des Werkes der Evangelisierung unter den Katholiken und allen Christen werde sowie ein Leitfaden für den Weg zu Einheit und Brüderlichkeit unter allen Menschen.

Erzbischof Angelo Amato erklärte in seinen theologischen Ausführungen unter dem Thema „Die Verkündigung Christi feiert die menschliche Freiheit“ mit Worten Papst Benedikts XVI.: „Das Evangelium ist nicht nur Mitteilung von Wissbarem; es ist Mitteilung, die Tatsachen wirkt und das Leben verändert“ (Spe salvi, 2). Und er fügte hinzu, dass darin eine große Wahrheit sichtbar werde: Das Christentum ist, bevor es als Lehre zu verstehen ist, die Verkündigung des Gegenwart der Person Christi unter uns, „des Heilands der Menschheit und des Kosmos“.

Evangelisierung bedeute somit nicht einfach Unterweisung in eine Lehre, sondern die Verkündigung des Herrn mit Wort und Tat, das heißt: indem sich der Christ zu einem Werkzeug der Gegenwart Christi und seines Wirkens in der Welt macht.

Christus ist nach Worten von Erzbischof Amato „der einzig wahre gute Herr der Geschichte“. Dies gebiete seine Verkündigung. „Die Heil bringende Gegenwart Christi ist die große Hoffnung, die im Mittelpunkt der kirchlichen Hoffnung steht und die Kirche hin zur Welt bewegt.“

Die Evangelisierung dränge aus dem Herzen der Kirche „wie das Feuer der Liebe“, die das Herz der Gläubigen dazu bewege, das Ziel aller Hoffnung zu verkündigen. Diese Suche und Entdeckung der Wahrheit schränkten die Freiheit nicht ein. Vielmehr „feiern sie diese und begünstigen ihre Erfüllung“.

Erzbischof Amato bekräftigte: „Diese Gewissheit drängt die Kirche dazu, die menschliche Freiheit als Gabe und Herausforderung zu betrachten, die der Schöpfer dem Menschen angeboten hat. Diese Gabe richtet sich an seine Fähigkeit, das zu erkennen und zu lieben, was gut und wahr ist.“

Die Existenz existentieller Wüsten – vor allem die der Wüste der Gottesverfinsterung und der Entleerung der Seelen – stelle die Kirche vor die vorrangige Aufgabe, die Menschen zur Freundschaft mit Christus zu führen, in Freiheit und Achtung des Gewissens jedes Menschen.

Vor dem Hintergrund der Wahrheits- und Freiheitsfrage stelle sich aber auch die Frage nach den ökumenischen Implikationen. Der notwendige Respekt vor den verschiedenen Empfindsamkeiten und Traditionen könne nicht der Notwendigkeit der Wahrheit und der Freiheit entbehren. Diese seien daher „unersetzbare Voraussetzung jeglicher Form des Dialogs“.