Wallfahrt Kornelimünster: stummer Protest gegen Hitlertyrannei

Neubelebung als Chance zur Neuevangelisierung

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ROM, 20. November 2012 (ZENIT.org). ‑ Bei der Heiligtumsfahrt 2007 hatte Alfred Kreiten, ein Bürger des Ortes, in Kornelimünster ein Erlebnis, das ihn tief beeindruckte: „Vor der Kirche saß auf einer Bank eine Frau aus Mönchengladbach. Sie schaute zu der Galerie hinauf, von der aus das Schürztuch Christi, das Grabtuch Christi und das Schweißtuch Christi den Pilgern gezeigt werden. Sie hatte offenbar nicht erfahren können, wann dies an diesem Tag der Fall sein würde. Deswegen hat sie nach angesprochen: ,Können Sie mir vielleicht sagen, wann die Heiligtümer gezeigt werden? Ich bin 99 Jahre alt, und ich möchte sie noch einmal in diesem Leben verehren. Bei der nächsten Heiligtumsfahrt 2014 werde ich nicht mehr dasein.“

In diesem Moment wurde Kreiten, klar, dass er etwas dafür tun wollte, die seit Jahrhunderten alle sieben Jahre stattfindende Heiligtumsfahrt, aber auch die alljährliche Wallfahrt zur Korneliusoktav im September, wieder zu beleben. Das Ergebnis umfangreicher und langer Recherchen ist nicht nur ein Faltblatt, das er 10 000-fach drucken ließ: „Denkschrift über den Zustand der Wallfahrt nach Kornelimünster“. Alfred Kreiten hat auch bereits Mitstreiter gefunden für die Gründung einer geistlichen Gemeinschaft, die sich diesem Ziel verschreiben will, die „Salvatorbruderschaft von den biblischen Heiligtümern an der Inde.“

In einer Zeit, in der die Wallfahrt nur mehr eine  „Rumpfveranstaltung“ sei, erinnert die Festschrift an andere Zeiten, in denen sie offen bekämpft wurde.

Unter napoleonischer Herrschaft, so die Denkschrift, wurde die Wallfahrt als Widerstandsbewegung und Ausdruck von Arbeitsunwilligkeit  betrachtet. Nur die Heiligtumsfahrt durfte stattfinden. 1811 nahmen allerdings die Mutter und die  Schwester des Kaisers an ihr teil. Außerhalb der Heiligtumsfahrt blieb das Pilgern nach Kornelimünster unter der Franzosenherrschaft Straftatbestand. Als das Rheinland 1815 an Preußen fiel, änderte sich an der Unterdrückung wenig. Potienzielle Pilger mussten sich in Listen erfassen lassen. Wer nicht auf den Listen stand, durfte nicht teilnehmen. Die Aufnahme wurde allen verweigert, die wegen  Wallfahrten „Berufspflichten versäumt oder Gesundheit und Wohlergehen gefährdet“ hätten. Auch „hervortretende unedle Absichten“ wurden als Verbotsgrund genannt. 1832 wurden sogar Soldaten des 31. Infanterieregiments und des 12. Husarenregiments in die Gegend verlegt, weil sich unter den Pilgern Unmut über die fortwährende Drangsalierung regte.

Während des Nationalsozialismus schoss sich die regimetreue Presse auf  Heiligtümer, Wallfahrt und Pilger ein. Ein Aachener NSDAP-Funktionär erklärte öffentlich: „Teilnahme an der Heiligtumsfahrt ist Landesverrat!“  Ein großes Polizeiaufgebot wurde zur Einschüchterung der Gläubigen in Kornelimünster zusammengezogen. Trotzdem wurde die Heiligtumsfahrt 1937 zu einem „stummen Protest“ gegen die Gewaltherrschaft.  Ein Chronist meldete trotz der staatlichen Repression „ungeheuren Zulauf“. Die Präsentation der Heiligtümer unternahm unter anderem auch kein Geringerer als der selige Clemens August Kardinal von Galen, Bischof von Münster.

Kreiten hat die Ende 2011 verfasste Denkschrift bisher an zahlreiche ausgewählte Adressaten verschickt. Er analysiert die Situation in seinem Dokument so: „Die Wallfahrt nach Kornelimünster befindet sich auf einer Schwundstufe… Nach Aussage von Ortsansässigen war der Besuch der diesjährigen Korneliusoktav spärlich. Es ist an der Zeit für grundlegende Überlegungen zur Bedeutung des  Pilgerwesens an der Inde… Das geistliche Leben im Tal der Inde liegt nicht brach, aber es ist im Wesentlichen das Leben der Ortspfarre, die sich zwar zu den Hauptterminen der Wallfahrt um die mittlerweile leicht überschaubare Zahl  der Pilger redlich müht, größeren Andrang aber aufgrund ihrer rein pfarrlichen  Organisationsform und Infrastruktur schon im Zeichen des akuten Priestermangels nicht angemessen betreuen kann. Es ist vorgekommen, dass mitten am Tag Pilger vor verschlossenen Kirchen- und Propsteitüren standen.“ Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder im Ort angesiedelten Benediktinermönche seien in die Wallfahrtsseelsorge nur lose eingebunden.

Alfred Kreiten stellt weiter fest, die Propsteigemeinde könne schon aus personellen Gründen die Organisation eines der Bedeutung der Wallfahrt angemessenen Pilgerwesens nicht leisten. Die Benediktiner in Kornelimünster seien aufgerufen, ihr „Ora et labora“ künftig „zur höheren Ehre Gottes neuerlich in den Dienst der Wallfahrt zu stellen“. Der Bischof von Aachen wird in der Denkschrift „dringend gebeten, dies zu ermöglichen“. Die Denkschrift fordert Gläubige dazu auf, sich mit der Bitte um Unterstützung an Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, Abt Friedhelm Tissen und Propst Dr. Ewald Vienken zu wenden.

Die Denkschrift über den Zustand der Wallfahrt nach Kornelimünster ist auch vor dem Hintergrund eines Briefs entstanden, den alle deutschen Bischöfe vom Heiligen Stuhl erhalten haben, um ihn an die Verantwortlichen der Wallfahrtsorte ihrer Diözesen zu übermitteln. Der Bischof von Aachen, Dr. Heinrich Mussinghoff, leitete das Schreiben an den Propst der Propsteigemeinde Kornelimünster, Dr. Ewald Vienken, weiter. Das Schreiben enthielt die Aufforderung, mehr aus dem Potenzial der Wallfahrten zu machen, weil darin eine Chance für die Neuevangelisierung liege.

„Unser Benediktinerabt Friedhelm Tissen hat mich ermutigt, auf pfarrlicher Ebene aktiv zu werden, um die Wallfahrt wieder zu beleben“, sagte der Verfasser der Denkschrift, Alfred Kreiten, in einem Gespräch. Er habe zahlreiche positive Rückmeldungen bekommen, nachdem er die Denkschrift versandt hatte. So unterstützen die Ordensschwestern des Benediktinerinnenklosters Osnabrück das Anliegen im Gebet. Prälat Dr. Christoph Kühn, Nuntiaturrat an der Apostolischen Nuntiatur in Wien, schrieb, es wäre schade, wenn es nicht gelingen  würde, auch heute Menschen für die traditionsreiche Wallfahrt zu den Heiligtümern zu gewinnen. Joachim Kardinal Meisner dankte Alfred Kreiten für seine Mitsorge um die Wallfahrt. Der Abt der niederländischen Benediktinerabtei Sint Benedictusberg  in der Aachener Nachbarstadt Vaals, Adrian Lenglet, stellte fest: „Ich bin völlig einverstanden mit ihnen, dass eine Neubelebung dieser Wallfahrt einen wichtigen Beitrag darstellen könnte im Rahmen der Neuevangelisierung unserer Regionen.“ Die CDU-Europaabgeordnete Sabine Verheyen bezeichnete das Anliegen, die lange und gute Wallfahrtstradition wachzuhalten, als sehr unterstützenswert. Pilgerfahrten seien auch ein wichtiger Teil unserer auf einem christlichen Welt- und Menschenbild basierenden europäischen Kultur. Die Politikerin fügte hinzu: „Ich werde das Thema daher bei nächster Gelegenheit ansprechen und im Rahmen meiner Möglichkeiten versuchen, darauf hinzuweisen, dass die Pilgerfahrt in Kornelimünster wieder die Aufmerksamkeit und den Zulauf erhält, den sie verdient.“ Rita Claßen, Bezirksamtsleiterin des Aachener Stadtbezirks Kornelimünster, dankte Alfred Kreiten im Namen von Oberbürgermeister Marcel Philipp für seine Initiative und sagte voraus, nur mit der Bündelung aller Kräfte könne die Gestaltung des Festjahres 2014 gut gelingen. 

Friedhelm Tissen OSB gab im Gespräch eine kurze und bündige Antwort auf den Aufruf in der Denkschrift, die Benediktiner möchten sich neuerlich in den Dienst der Wallfahrt stellen: „Dafür bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Wir haben keinerlei Rechte an den Heiligtümern und Reliquien.“ Der Abt betonte auch gegenüber Alfred Kreiten, er selbst als Verfasser der Denkschrift beziehungsweise Propst Dr. Ewald Vienken seien aufgerufen, tätig zu werden.

Der Aachener Bischof, Dr. Heinrich Mussinghoff,  merkte an, man könne gewiss „über wie Idee nachdenken, Benediktinerkloster und Biblische Heiligtümer und Wallfahrt näher zueinander zu bringen.“ Mit einem Verweis auf die Geschichte gab der Bischof aber zu bedenken, die Weichen seien vor Jahren anders gestellt worden. Wenn die Aufforderung der Denkschrift verwirklicht werden solle, müsse „eine einheitliche Meinungsbildung erfolgen, die den guten Traditionen Rechnung trägt“.

Dass die Wallfahrt daniederliegt, vermochte der Propst der Propsteigemeinde nicht zu erkennen. Er wies darauf hin, die Korneliusoktav habe in diesem September „gute Ergebnisse und gute Zahlen“ gebracht. Es könne nicht darum gehen, „romantische Vorstellungen aus Kindertagen“ zu pflegen: „Heute haben wir eine andere Zeit. Vieles hat sich verändert.“ Anliegen der Gemeinde sei es, „Traditionen im guten Sinne zu verheutigen.“ Der Propst zeigte sich erfreut „über die Aufmerksamkeit, die uns während der Oktav geschenkt worden ist.“ Es habe sich bewährt, dass die Gemeinde nicht nur die vierten und fünften Klassen von Schulen der Umgebung, sondern auch höhere Klassen weiterführender Schulen, zum Beispiel von Aachener Gymnasien, eingeladen hatte: „Das lief sehr gut. Die kommen wieder.“  Gute Resonanz habe es auch gehabt, dass die Gemeinde die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen der Region angeschrieben hatte. Für sie  seien nach den Pilgermessen Krankensegnungen durch einen Diakon oder Krankensalbungen durch einen Priester angeboten worden. Ewald Vienken bekräftigte, das Jubiläum 2014 habe „natürlich einen ganz  besonderen Rang für uns.“ Es werde bereits seit längerem vorbereitet. Unter anderem werde das Museum, das in den Räumen der alten Reichsabtei untergebracht ist, eine historische Ausstellung über die Wallfahrt zeigen. Der Propst erklärte, Wallfahrten hätten in Zeiten, in denen das Pilgern nicht nur durch Hape Kerkeling neu entdeckt wurde, Zukunft.

Zur Geschichte der Wallfahrt

Kaiser Ludwig der Fromme stiftete noch im Todesjahr seines Vaters und Vorgängers Karls  des Großen, 814, unweit von dessen Pfalz Aachen das Kloster Inda, benannt nach dem Flüsschen, in dem es lag. Als ersten Abt setzte er den heiligen Benedikt von Aniane ein. In seinem südfranzösischen Heimatort hatte Benedikt um 790 ein  Kloster nach der Regel der Benediktiner gegründet, von dem bald schon die Reform aller Klöster im Frankenreich ausging. Ludwig machte Benedikt zum Generalabt des ganzen Frankenreiches. Von Inda aus, dem heutigen Aachener Stadtteil Kornelimünster, konnte Benedikt seine Leitungsaufgabe dem Kaiser nahe wahrnehmen. Dort wurden Mönche für die Klöster im ganzen Reich ausgebildet. Die Reichsabtei wurde Zentrum des Münsterländchens. Das knapp 100 Quadratkilometer große Territorium wurde reichsunmittelbar, also nur dem Kaiser unterstellt. Auch kirchlich unterstanden die Fürstäbte nicht dem jeweiligen Kölner Erzbischof, sondern allein dem Papst. Zum Aufblühen des Ländchens trug auch der reiche Reliquienschatz des Klosters bei. Nach dem Erwerb einer Schädel- und Armreliquie des heiligen Papstes Cornelius, die im Münster der „Hauptstadt“ aufbewahrt wurde, bekam die Ansiedlung rund um das Kloster im 12. Jahrhundert einen neuen Namen: Kornelimünster.  Auch Reliquien des Heiligen Cyprianus, des Bischofs von Karthago, erhielt die Abtei.

Schon früh entwickelte sich ein reges Wallfahrtswesen zu dem Kloster. Bereits Kaiser Otto II. gewährte folgerichtig dem Ort ausgangs des 10. Jahrhunderts die Marktfreiheit, da Märkte stets mit Wallfahrten einhergingen. Im hohen Mittelalter wurde Kornelimünster zum Pilgerziel von abendländischem Rang. Zur jährlich nach dem Fest Kreuzerhöhung stattfindenden Korneliusoktav kamen unübersehbare Pilgerscharen in den Ort. Ab 1359 wurden das Schürztuch Christi, das Grabtuch Christi und das Schweißtuch Christi den Gläubigen nicht mehr jährlich, sondern im biblischen siebenjährigen Turnus gezeigt. Die Heiligtümer machten das Kloster zum Wallfahrtsort von abendländischem Rang, der in einem Atemzug genannt wurde mit Santiago de Compostela, Loreto und Rom. So viele Pilger mussten natürlich untergebracht und bewirtet werden. 1802 war jedes zweite Haus im Ort eine Herberge oder Schänke.

Die Bedeutung der Korneliusoktav wurde unterstrichen dadurch, dass mehrere Äbte sich veranlasst sahen, die Reliquien zum Wohle von Kranken, die das Münster nicht mehr aufsuchen konnten, im fremden Ländern zur Verehrung auszustellen. Sie ließen sich dabei auch von dem Gedanken leiten, dass solche Ausbreitung der Verehrung den ohnehin  schon großen Pilgerstrom noch weiter anschwellen lassen würde. So erteilte Papst Martin V. 1420 sein Einverständnis, die Reliquien in der Diözese Lüttich auszustellen. 1517 folgten Ausstellungen in Tournay, Terouanne, Canterbury und Arras. Dabei wurden auch Almosen für den Neubau des Korneliusmünsters gesammelt. 

Die Klostergebäude wurden später erneuert. Die heute noch vorhandene barocke Anlage stammt aus dem 18. Jahrhundert. Das Kloster war dort aber nicht mehr lange untergebracht. 1802 wurde es durch Anordnung Napoleons aufgelöst. Das Münster wurde, was es bis heute blieb: Eine Pfarrkirche. Die Benediktiner wurden für lange Zeit aus dem Ort vertrieben und kehrten erst 1906 zurück. Da die alten Gebäude inzwischen im Besitz der Pfarrgemeinde und des preußischen Staates waren, siedelten sich die Mönche am Rande des Orts an. Die Kirche des neuen Klosters wurde erst 1951 bis 1956 errichtet. Die Abtei ist rechtlich eine Neugründung, hat aber die Titel- und Ehrennachfolge der Reichsabtei.

Klemens Hogen-Ostlender