Walter Kardinal Kasper: \"Öffnet die Augen und legt Zeugnis von Gottes Werk der Verwandlung ab\"

Betrachtung über das Thema der neunten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen

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ROM, 18. November 2005 (ZENIT.org).- In einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz reflektiert Walter Kardinal Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, über das Thema der neunten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die vom 14. bis zum 23. Februar 2006 in Porto Alegre (Brasilien) stattfinden wird.



Die Bitte \"In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt\" ist für den deutschen Kurienkardinal nicht nur ein \"inniges Gebet\", sondern zugleich eine Aufforderung an alle Christen. Denn diese \"haben die Pflicht und die Verantwortung, in der Welt eine Ordnung zu schaffen, die Gottes Gabe der Wahrheit und Gnade entspricht, die wir in Christus Jesus unserem Herrn empfangen haben\".

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Das Thema der neunten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) \"In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt“ ist ein inniges Gebet des Glaubens an und der Hoffnung auf Gott, der alle Christen unaufhörlich und aus reiner Gnade zu persönlicher Erneuerung und Umkehr führt und dabei die Kirche als Werkzeug seiner Liebe zur Verwandlung der Welt benutzt.

In zwei der vorgeschlagenen biblischen Texte zum Thema (Lukas 4 und Jesaja 61) finden wir die theologische Begründung für Gottes Handeln durch die Kirche, die \"das unteilbare Sakrament des Heils\" darstellt (Cyprian, Epist. 69,6: Hartel III, 754 [PL 3, 1142 B]).

Gottes Werk der Verwandlung wird durch Christus vollbracht, der, von der Erde erhöht, alle an sich gezogen hat (vgl. Joh 12,32). \"Auferstanden von den Toten (vgl. Röm 6,9), hat er seinen lebendig machenden Geist den Jüngern mitgeteilt und durch ihn seinen Leib, die Kirche, zum allumfassenden Heilssakrament\" gemacht (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche \"Lumen Gentium\", 48).

Aus der Stelle in Jesaja 61,1-4, die in Lukas 4,16-30 erfüllt worden ist, geht klar hervor: \"Die Wiederherstellung also, die uns verheißen ist und die wir erwarten, hat in Christus schon begonnen, nimmt ihren Fortgang in der Sendung des Heiligen Geistes und geht durch ihn weiter in der Kirche\" (ebd.). Durch Christi Gegenwart im Werk des Heiligen Geistes wirkt Gott unaufhörlich in der Welt und verwandelt die Menschheit und den ganzen Kosmos.

Das Zweite Vatikanische Konzil versteht die Kirche als \"allumfassendes Heilssakrament\" (LG, 1), das durch die Gnade Gottes die doppelte Aufgabe hat, sich für die Verwirklichung der eigenen vollen Einheit wie auch für die Einheit der zerbrochenen Menschheit einzusetzen. Das Konzil betont den endzeitlichen Charakter der pilgernden Kirche, die sich auf dem Weg zur endgültigen Vollendung des Reiches Gottes befindet. Dann wird das Menschengeschlecht wie auch die ganze Schöpfung, die mit dem Menschen innigst verbunden ist und durch ihn ihrem Ziele entgegengeht, vollkommen in Christus erneuert werden (vgl. Eph 1,10; Kol 1,20; 2 Petr 3,10-13).

Die Rolle der Kirche in der Welt ist theologisch und christologisch begründet. Das Alte Testament versteht Gottes Eingreifen in die Geschichte stets vor dem Hintergrund, dass Gott der Schöpfer und Herr aller Dinge ist (vgl. Jes 40,21-26; 42,5f). Die Verwirklichung der messianischen Gerechtigkeit (Gottesherrschaft) wird immer mit der Wiederherstellung der Ordnung im ganzen Kosmos – der ganzen bewohnten Erde (\"oikoumene\") – verbunden. Das Neue Testament und insbesondere Paulus weisen Christus als dem Haupt der Kirche (vgl. Eph 1,18-20) und aller Dinge (vgl. Eph 1,22; Kol 1,15-18; 2,10) höchste Autorität zu. In Christus, dem Haupt der Kirche und Herrscher der Welt, besteht die Bundesbeziehung zwischen Gott und den Menschen und zwischen Gott und der ganzen Schöpfung fort.

Das Thema der ÖRK-Vollversammlung \"In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt\" setzt Glaube und Hoffnung in Gott voraus, der in Christus durch das Werk des Heiligen Geistes die Verheißung bereits erfüllt hat. Das Ende der Zeiten hat bereits begonnen, denn das Fundament für die Wiederherstellung aller Dinge ist in Christus gelegt worden. Wir beten und warten nicht nur, dass Gott die Welt verwandelt. Gott hat den Christen die Fähigkeit und Weisheit geschenkt, an seinem Werk der Verwandlung der Welt teilzuhaben. Mit anderen Worten: Christen haben die Pflicht und die Verantwortung, in der Welt eine Ordnung zu schaffen, die Gottes Gabe der Wahrheit und Gnade entspricht, die wir in Christus Jesus unserem Herrn empfangen haben (vgl. Y. Congar, \"Jesus Christus, unser Mittler, unser Herr\", Stuttgart 1967, und Y. Congar, \"Sacerdoce et Laïcat devant leurs tâches d’évangelization et de civilization\", Paris 1962, 357)

Das Wort Gottes in neuer Weise hören

Die Frage, die wir uns im Blick auf das Thema stellen müssen, lautet folgendermaßen: Welches ist das Ziel, das Gott in der Schöpfung, im Geheimnis der Erlösung und Fleischwerdung verfolgt, das seinen Höhepunkt im Ostergeheimnis Christi findet, der von der Erde erhöht wird, um alle an sich zu ziehen (vgl. Joh 12,32)?

Das Zweite Vatikanische Konzil fasst die Antwort auf diese Frage folgendermaßen zusammen: \"Während sie selbst der Welt hilft oder von dieser vieles empfängt, strebt die Kirche nach dem einen Ziel, nach der Ankunft des Reiches Gottes und der Verwirklichung des Heiles der ganzen Menschheit. Alles aber, was das Volk Gottes in der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft der Menschenfamilie an Gutem mitteilen kann, kommt letztlich daher, dass die Kirche das \'allumfassende Sakrament des Heiles\' ist, welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht\" (Zweites Vatikanisches Konzil, Die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt heute \"Gaudium et Spes\", 45).

Aber was bedeutet es konkret für die Kirche, ihre pastorale Aufgabe im Lichte des Heilsplans Gottes zu leben?

Christi pastoraler Dienst, wie er in Lukas 4,16-30 beschrieben wird, dient als Vorbild für den pastoralen Dienst seiner Kirche. Genau wie Jesus vom Vater in der Kraft des Heiligen Geistes gesandt worden ist, \"zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn\", so ist die Kirche gesandt worden, es Jesus gleichzutun, um zur Verwirklichung der messianischen Gerechtigkeit in konkreten Situationen beizutragen.

Das Thema der ÖRK-Vollversammlung fordert alle Christen dazu heraus, das Wort Gottes in neuer Weise zu hören, um zu erkennen, was dieses Wort in ihrem Leben heute bedeutet. Wir sind aufgefordert, unsere Augen zu öffnen, damit wir uns dafür einsetzen können, dass die Armen die gute Nachricht in ihrem Leben erfahren, dass die Gefangenen befreit werden und dass alle, die mit Blindheit geschlagen sind, sei sie körperlicher oder anderer Natur, wieder lernen zu sehen. Wir sind aufgefordert, Zeugnis von Gottes Werken der Verwandlung, die er heute in unserer Mitte durch den Heiligen Geist vollbringt, abzulegen – so, wie Jesus den Jüngern des Johannes befohlen hat: \"Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt\" (Mt 11,4-5).

Daher ist das Thema der Vollversammlung nicht nur ein Gebet, sondern weist auch auf die Erfüllung des Reiches Gottes in Christus hin, deren Werkzeug die Kirche ist – die Kirche, die der Heilige Geist durch die Jahrhunderte gestärkt und geleitet hat.

[Vom ÖRK veröffentlichtes Original]