Wann bricht der Priester die Hostie?

Die liturgische Gestalt der Eucharistie

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 617 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet Leserfragen.

Frage: Warum bricht der Priester die Hostie nicht, bevor er die Konsekrationsworte spricht, d.h. im Verlauf des Einsetzungsberichts bei den Worten „Er nahm das Brot, brach es und reichte es seinen Jüngern…“? Was ich sagen will, ist, warum wartet er noch bis zum Agnus Dei, um das Brot zu brechen? Meiner Meinung nach stellen sich auch einige Priester diese Frage; deswegen – also um sinnvoll zu handeln – brechen auch einige im Verlauf des Einsetzungsberichts tatsächlich das Brot. Helfen Sie mir bitte aus! -- X.A., Quezon City, Philippinen

P. Edward McNamara: Ehe ich den Grund dafür angebe, weswegen die Hostie im erwähnten Zeitpunkt nicht gebrochen werden sollte, möchte ich daran erinnern, dass die Instruktion „Redemptionis Sacramentum“ unter Nummer 55 spezifisch auf diese Praxis eingeht: „An einigen Orten hat sich der Missbrauch verbreitet, dass der Priester bei der Feier der heiligen Messe die Hostie während der Wandlung bricht. Dieser Missbrauch widerspricht der Tradition der Kirche. Er ist zu verwerfen und dringend zu korrigieren.“

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass die Tradition des lateinischen Ritus die Hostie nicht im oben erwähnten Augenblick bricht. Ich werde mich bemühen, einige davon zu erläutern.

Im Einsetzungsbericht werden vier Handlungen Christi beschrieben: das Nehmen des Brotes, die Danksagung und der Lobpreis, das Brechen des Brotes, das Austeilen des Brotes an die Jünger. Diese vier Augenblicke stellen das dar, was der gelehrte anglikanische Liturgie-Experte Gregory Dix als die liturgische „Gestalt“ der Eucharistie bezeichnete.

Tatsächlich hat die Kirche lateinischen Ritus die eucharistische Liturgie und die heilige Kommunion rituell nach diesen vier Augenblicken strukturiert. Das Nehmen (Bereitstellen) des Brotes wird vor allem durch den Ritus der Gabenbereitung ausgedrückt. Danksagung und Lobpreis bilden das Wesen des Hochgebets. Es folgt das Brechen des Brotes und dessen Austeilung an die Jünger bei der Kommunion.

Der Einsetzungsbericht befindet sich in das Hochgebet eingebettet und fällt daher in den Zusammenhang der Danksagung an Gott Vater, denn schließlich verwirklicht sich der höchste Akt der Danksagung und des Lobpreises im Ostergeheimnis Christi – im Ostergeheimnis des fleischgewordenen Wortes. Im Einsetzungsbericht trägt die Kirche die Tat des Ewigen Sohnes und dessen Gebot, diese Gedächtnisfeier weiter zu begehen, vor den Vater hin. Indem dieses wirksame Gedächtnis von Christi Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt in Erinnerung ruft, erstreckt es sich nicht nur auf die Wandlung der heiligen Gestalten, sondern vergegenwärtigt es das ganze Heilsgeheimnis. Kein anderer Akt der Danksagung und des Lobpreises an den Vater ist mit dem zu vergleichen, was bei der Eucharistiefeier geschieht.

Da aber das Ziel des Hochgebetes darin besteht, dem Vater Danksagung und Lobpreis darzubieten, sind an die Gläubigen gerichtete dramatische Gebärden wie z.B. das Brechen der Hostie oder eine den Worten „Nehmet und esset alle davon…“ entsprechende Geste fehl am Platz. De facto lenken sie von der wesentlichen Bedeutung ab, die der Ritus in diesem Augenblick hat.

Nach der obigen Argumentationsweise könnte man ins Feld führen, dass andere Handlungen ebenso fehl am Platz seien, z. B. die Tatsache, dass im lateinischen Ritus der Priester die Hostie und den Kelch nach der Wandlung in seine Hände nimmt, um sie den Gläubigen zu zeigen. Wie dies aus der Praxis einiger Ostkirchen hervorgeht, sind vom theologischen Standpunkt aus betrachtet die Gebärden des In-die-Hand-Nehmens und des Zeigens für die Gültigkeit der Konsekration nicht unbedingt notwendig. Andererseits ist es eine geschichtlich gesicherte Erkenntnis, dass der Ritus des Zeigens der Hostie und des Kelches als Reaktion auf den Wunsch eingeführt wurde, die heiligen Gestalten andächtig zu betrachten.

Trotz dieses Ursprungs kann der Ritus des Zeigens der Hostie und des Kelches auf eine fast 1.000-jährige Zeit zurückblicken, in der er der universalen Liturgie der Kirche angehört und als solcher genehmigt ist. Außerdem hat er über Jahrhunderte hinaus den Glauben an die Realpräsenz gefördert und diente ihm als Richtlinie. Man muss dies also als eine legitime, organische Weiterentwicklung der Liturgie ansehen. Meiner Meinung nach kann man das von der Gebärde der Brechung der Hostie vor der Konsekration nicht in gleicher Weise behaupten und das nicht nur deshalb nicht, weil es ausdrücklich abgelehnt worden ist.

Dadurch, dass der Römische Ritus die Brechung nach dem Hochgebet vornimmt und sie mit dem Gesang des „Lamm Gottes“ verbindet, wird unterstrichen, dass wir Christus, unseren Erlöser, miteinander teilen und nicht etwa gewöhnliches Brot. Wir nehmen an einem Opfermahl teil. Unsere Bitte um Erbarmen und Frieden verstärkt diesen Glauben noch. Wenn man die Hostie vor der Konsekration bricht – und somit noch ehe Danksagung und Lobpreis beendet sind – handelt man entgegen dieser Sichtweise.

Ein letztes, jedoch schwächeres Argument, könnte man vom Standpunkt der rituellen Logik heranziehen. Wenn man sich darauf einließe, dass die Worte „Er brach das Brot“ notwendigerweise eine rituelle Ausführung dieser Gebärde verlangten, dann könnte man genauso dafür plädieren, dass Gleiches für die Worte „reichte es seinen Jüngern“ gelte und so müsste man jedem eine Hostie reichen, ehe man die Konsekrationsworte spricht. Gänzlich lasse ich dahingestellt sein, wie man sich das Reichen des Kelches vorstellen und in der Praxis durchführen sollte.

Dieses Argument ist natürlich absurd und dient nur, um zu zeigen, dass nicht alle rituellen Worte nach einer begleitenden Gebärde verlangen, besonders dann, wenn die Liturgie selbst die jeweilige tiefere Bedeutung der Gesten in größerer Fülle erklärt.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC, aus dem englischen Originalartikel Breaking of the Host