Wann ein Konzil ökumenisch ist

Von Prälat Walter Brandmüller, Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften

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ROM, 13. Juli 2007 (ZENIT.org).- Am Vorabend des 2. Vatikanischen Konzils hatte eine Gruppe jüngerer Historiker – ihr allseits verehrter Nestor war Hubert Jedin – die glückliche Idee, den Konzilsvätern und der nunmehr am Thema Konzil zunehmend interessierten Öffentlichkeit in einem Band gesammelt die Beschlüsse der vorhergehenden Konzilien in ihrem Originaltext zugänglich zu machen. In der Tat, ein wichtiges Unternehmen, war doch das bevorstehende Konzil ohne seine „Vorgänger“ nicht denkbar – und nicht verstehbar.



So entstand die erste Auflage der „Conciliorum Oecumenicorum Decreta“, bei Herder 1962 erschienen – und im Bologneser „Istituto per le scienze religiose“ von Giuseppe Alberigo, Perikle P. Joannou, Claudio Leonardi und Paolo Prodi erarbeitet.

Bald folgte eine zweite 1972 und im Jahre 1973 die dritte Auflage. Schließlich erschien eine zweisprachige Ausgabe (1998), für welche Josef Wohlmuth unter Mitarbeit von Gabriel Sunnus und Johannes Uphus die deutsche Übersetzung erstellt hat. Im gleichen Jahr folgte dann eine durchgesehene 2. Auflage. Diesmal im Verlag Schöningh. In allen Fällen war auf vorliegende Texteditionen zurückgegriffen worden, eigene editorische Anstrengungen wurden nicht unternommen.

Nun aber ist soeben der 1. Band einer neuen Edition erschienen, die zwar vom gleichen „Istituto di scienze religiose“ von Bologna verantwortet wird, aber nun den Titel „Oecumenicorum Generaliumque Conciliorum Decreta“ trägt. Über den Inhalt und die Gliederung der weiteren Bände – es sind deren vier geplant – unterrichtet ein Prospekt des Verlags, diesmal Brepols, der die Bände in die Reihe Corpus Christianorum aufgenommen hat. Der Wechsel des Titels springt sofort ins Auge und gibt zu Fragen Anlaß.

Schon der Titel „Oecumenicorum Conciliorum Decreta“ hatte die Frage aufgeworfen, welche Konzilien damit gemeint, welche als ökumenisch zu bezeichnen seien. Die damaligen Herausgeber waren sich der Problematik durchaus bewußt, haben aber ihre Entscheidung, welche Konzilien aufzunehmen beziehungsweise zu übergehen seien, offenbar ohne tiefergreifende Reflexion getroffen.

So sind die im Wesentlichen seit der Konzilienliste des Kardinals Roberto Bellarmino († 1621) üblicherweise ökumenisch genannten Konzilien aufgenommen worden. Noch in der Ausgabe von 1998 finden wir die Einteilung in „die Konzilien des ersten Jahrtausends“, die „Konzilien des Mittelalters“ und die „Konzilien der Neuzeit“. Eine Änderung erfolgte erst in der Neuausgabe von 2006.

Nunmehr aber wird zwischen „ökumenischen“ und Generalkonzilien unterschieden – eine Unterscheidung, die durchaus problematisch ist. Ein Blick in die Geschichte zeigt nämlich, wie unterschiedlich der Sprachgebrauch in Spätantike und Mittelalter war. Jedenfalls werden „ökumensich“ – „general“ – „universal“ häufig synonym verwendet, wobei diesen Begriffen nur der des „concilium particulare“ gegenübersteht. Die von den Herausgebern getroffene Unterscheidung findet also weder in der Geschichte noch im Kanonischen Recht eine Stütze.

Im Sinne dieser Unterscheidung, für die keine Begründung geliefert wird, sind alle Konzilien, die nicht nur in der Geschichtsschreibung, sondern auch in Dokumenten des kirchlichen Lehramtes als ökumenisch bezeichnet beziehungsweise als solche zitiert wurden, von den Herausgebern nicht als solche angesehen worden. Insbesondere wären unter dieser Voraussetzung weder das Tridentinum noch die beiden Vatikanischen Konzilien als ökumenische zu betrachten.

Doch nun zum Einzelnen: Da macht sich das Problem schon beim Trullanum und den beiden sog. Photianischen Konzilien bemerkbar, von denen in der Ausgabe von 1998 nur jenes von 869/70 zu finden war. Bezüglich des Trullanums ist festzustellen, dass bis heute keine eindeutige Aussage über dessen ökumenischen Charakter zu machen ist. Das Hauptproblem scheinen dabei weniger die verabschiedeten Kanones – mit einigen Ausnahmen – dargestellt zu haben, als die besonders in der Subskriptionsliste zu Tage tretende Konzilsidee, die dem römischen Primat entgegengesetzt war.

Was nun die beiden Photianischen Konzilien von 869/70 und 879/80 anbelangt, so war bisher nur deren erstes aufgenommen worden. dass hierüber eine bis heute nicht abschließend geklärte Kontroverse geführt wurde (Vittorio Peri und Claudio Leonardi) hätte zur Vorsicht beziehungsweise zu einer gründlichen Erörterung führen sollen. Das gilt auch für das Konzil von 879/80, das die Beschlüsse des ersteren aufgehoben und Photias rehabilitiert hat. Dieses Konzil weist durchaus Kriterien der Ökumenizität auf. Es wurde von allen patriarchalen Sitzen rezipiert – aber von keinem derselben wurde es je als ökumenisch bezeichnet. Was aber begründet seine Aufnahme unter die Zahl der Generalkonzilien?

Dann werden alle vier Laterankonzilien aufgeführt, es folgen Lyon I und II, sowie Vienne. Bezüglich der ersten drei Lateranensia stellen sich allerdings einige Fragen hinsichtlich ihrer Ökumenizität. Sie werden traditionell zu den ökumenischen Konzilien gezählt und haben für die ganze Kirche verbindliche Rechtsnormen gesetzt. Lehramtliche Entscheidungen beziehungsweise Aussagen sind von ihnen jedoch nicht ergangen.

Andererseits waren diese Konzilien durchaus zahlreich beschickt. Am 2. Lateranense nahm auch der lateinische Patriarch von Antiochien, am dritten neben Bischöfen aus dem lateinischen auch ein Abgesandter aus dem griechischen Osten teil. So ist es nicht eindeutig zu bestimmen, welcher kanonische Charakter ihnen zukommt. Und wiederum stellt sich die Frage: was ist ein Generalkonzil?

Überraschenderweise ist nun auch Pisa 1409 aufgenommen. Über dessen Legitimität kann man – und hat es auch getan – trefflich streiten, mag man es General- oder ökumenisches Konzil nennen. dass das Constantiense folgt, ist selbstverständlich. Dies gilt auch von Pavia-Siena, das zu Unrecht ebenso wie das Pisanum in allen bisherigen Ausgaben gefehlt hatte.

Bezeichnend und sehr problematisch alsdann ist, dass vom Basiliense auch alle jene Sessionen aufgenommen wurden, die nach der Verlagerung des Konzils durch Eugen IV. von den in Basel verbliebenen Konzilsteilnehmern abgehalten wurden.

Trient und die beiden Vatikanischen Konzilien folgen selbstverständlich. Nicht selbstverständlich ist hingegen der Titel des 3. Bandes: „The General Councils of the Roman Catholic Church“. Wieso dieser Zusatz „of the Roman Catholic Church“?

Nach all dem ist nun die Frage nicht zu umgehen, nach welchen Kriterien diese Auswahl erfolgt, was denn ein Konzil zu einem ökumenischen mache und ob denn und weshalb ein Generalkonzil etwas von diesem Verschiedenes sei.

Die Beantwortung beider Fragen ist deshalb nicht sehr einfach, weil dabei zwei Argumentationsebenen zu berücksichtigen sind – nämlich die historische und die kanonische - , wenn man nicht auch noch von einer lehramtlichen sprechen will.

Historisch anzumerken ist, dass der Begriff der Ökumenizität von Konzilien sich im Laufe der Geschichte herausgebildet und dann auch gewandelt hat. In diesem Prozeß gab es jedoch auch Konstanten, die sich durchgehalten haben. Im einzelnen bedeutete „ökumenisch“ anfänglich Konzilien, deren Teilnehmer aus der Ökumene, das heißt dem Imperium Romanum, kamen, alsdann aber, vor allem nach dem Zerfall des Imperiums, bezog man „ökumenisch“ auf die Gesamtkirche. Bislang waren beide Bereiche ja nahezu identisch gewesen, sieht man von den außerhalb des Imperiums im Osten existierenden Kirchen ab. „Ökumene“ wurde – und wird – in der Folge als die „Ecclesia universalis“ verstanden.

Ökumenische Konzilien sind infolgedessen Versammlungen des „Collegium episcopale“ zum Zwecke der kollegialen Ausübung des kirchlichen Lehr- und Hirtenamtes, deren Dekrete für die ganze Kirche verbindlich und, wenn es sich um Lehrdekrete handelt, unfehlbar und darum unwiderruflich sind. Es gibt also dieses Element, das ungeachtet allen historischen Wandels das Wesen eines Ökumenischen Konzils ausmacht.

Darüber besteht durchaus Einvernehmen. Ein gewisser Dissens ist hingegen festzustellen, wenn es um die Kriterien geht, die erfüllt sein müssen, damit ein Ökumenisches Konzil zu Stande kommt.

Hier ist an erster Stelle nicht sosehr die Instanz zu nennen, durch die die Einberufung erfolgt – das waren für lange Zeit die oströmischen Kaiser – als vielmehr der Umfang der Einladung: es müssen die Bischöfe der ganzen Kirche eingeladen sein. Ob sie dann und in welcher Zahl anwesend waren, ist eine sekundäre Frage. Von Gewicht, wenn auch nicht letztentscheidend, ist auch die Rezeption der Dekrete vor allem durch die nicht anwesenden beziehungsweise nicht repräsentierten Teilkirchen. Wesentlich ist allerdings – und unentbehrlich – die Rezeption und Bestätigung durch den Papst. Ohne das Haupt des Bischöflichen Kollegiums beziehungsweise dessen Placet ist eine kollegiale Aktion des „Collegium episcopale“ nicht denkbar. Seine Zustimmung ersetzt die der nichtanwesenden Teilkirchen.

Auch von seiten der Anhänger einer Pentarchieverfassung wurde stets die Rezeption durch den Papst als wesentlich erachtet.

So schreibt V. Peri: „... für alle Bischöfe dieser Zeit [es ist die Rede vom Pontifikat Damasus I.] setzte ein vollständiges und generales (plenum et generale) Konzil unabhängig von den durch die wechselhaften Umstände der Kirchenpolitik bedingten Standpunkte voraus, dass es, um ein solches zu sein, auch der qualifizierten Mitwirkung des Bischofs von Rom oder seiner Bevollmächtigten bedurfte. Von Nizäa bis zum letzten ökumenischen Konzil, das in dieser Stadt nach dem kaiserlichen Modell abgehalten wurde, wie es in den von Konstantin dem Großen gewünschten Versammlungen Gestalt angenommen hatte, wäre diese Art von Konzilien einfach undenkbar gewesen ohne die Mitwirkung des Bischofs von Rom“ (I 27f.). Das heißt nichts anderes, als dass die Zustimmung des Bischofs von Rom nicht nur unentbehrlich für das Zustandekommen eines Allgemeinen Konzils ist, sondern auch die Mitwirkung beziehungsweise Zustimmung der anderen ersetzt, denn eine solche „Unentbehrlichkeit“ wurde von keinem anderen behauptet als vom Bischof von Rom.

Was aber geschieht, wenn ein Konzil ohne Papst zusammentritt? Diese Situation war – einmalig in der Kirchengeschichte – entstanden, als infolge der Wahl Clemens VII. - am 20. September 1378 zu Fondi geschehen – das Große Abendländische Schisma ausgebrochen und wegen der zunehmend undurchsichtigen Rechtslage de facto Sedisvakanz eingetreten war.

Nun sollte diese unhaltbare Situation durch ein Konzil – ohne Papst – bereinigt werden. In diesem Fall war mit der Einberufung durch die beiden und schließlich sogar drei „contendentes de papatu“ nicht zu rechnen. Viel weniger war deren Konzilsteilnahme zu erwarten. Der Versuch der Kardinäle, die in der Überzahl ihre „Päpste“ verlassen und sich zusammengeschlossen hatten, ein Konzil einzuberufen, führte zu der Versammlung von Pisa. Und dieses Konzil figuriert nun in unserer Edition. War dieses Konzil aber ein „ökumenisches“ beziehungsweise legitimes?

Gewiß, es gab einige Stimmen, die für Pisa angesichts der Schisma-Situation die Ökumenizität beanspruchten. Folge davon wäre die Gültigkeit der Wahl Alexanders V. durch dieses Konzil samt der Erklärung der Ungültigkeit der Wahl Gregors XII. und Benedikts XIII. Dem steht aber ein gewichtiges Moment im Wege. Wenn schon angesichts der undurchsichtigen kanonistischen Situation von einer De-facto-Sedisvakanz auszugehen war und es sich deshalb um ein papstloses Konzil handeln würde, war die entscheidende Frage – ob expressis verbis je gestellt ist nicht bekannt – wer oder was den für ein ökumenisches und darum die oberste Lehr- und Hirtengewalt innehabendes Konzil konstitutiven Papst ersetzen konnte. Dieses im Extremfall einer papstlosen Kirche konstitutive Element konnte allein die nicht nur ideale Repräsentation der Gesamtkirche (die ja durch den Papst gegeben gewesen wäre), sondern nur die De-facto-Repräsentation der „ecclesia universalis“ sein. Das aber hätte erfordert, dass die miteinander konkurrierenden Obedienzen in unbezweifelbarer Weise in Pisa versammelt beziehungsweise repräsentiert gewesen wären. Dies war zweifellos nicht der Fall, da mit Ausnahme der von Benedikt XIII. abgefallenen Kardinäle niemand aus dessen Obedienz gekommen war. Die Iberische Halbinsel, Teile Frankreichs und Italiens und ganz Schottland blieben dem Konzil fern. Es hat denn auch die Spaltung nicht bereinigt, sondern vermehrt und verschärft. Darum ist es unverständlich, dass diese Versammlung von einigen als ökumenisch beziehungsweise von den Herausgebern unserer Sammlung als Generalkonzil bezeichnet werden konnte.

Allein der als „Advocatus ecclesiae“ über den Parteien stehende „Rex Romanorum“ und spätere Kaiser Sigismund konnte 5 Jahre nach dem Scheitern von Pisa das Konzil von Konstanz zustande bringen. Erst als im Spätsommer 1417 auch die Obedienz Benedikts XIII. – von einigen Resten abgesehen – sich dem Konzil anschloß, war dessen „De-facto-Ökumenizität“ und damit die Legitimation für die Bereinigung des Schismas durch die allgemein anerkannt Wahl Martins V. gegeben.

Interessant alsdann, wie unsere Herausgeber mit dem Folgekonzil von Pavia-Siena (1423-24) verfahren sind. Obwohl es doch auf dem Konzil von Konstanz durch Martin V. dem Dekret „Frequens“ entsprechend als ökumenisches Konzil nach Pavia einberufen und von päpstlichen Konzilspräsidenten geleitet worden war, obwohl von diesem Konzil vier Dekrete verabschiedet wurden und obwohl Martin V. es durch eine Bulle bestätigt hat, hat dieses Konzil erstaunlicherweise erst in die vorliegende Auflage der „Oecumenicorum Generaliumque Conciliorum Decreta“ Eingang gefunden.

In ähnlicher Weise – jedoch aus anderem Grund – erstaunt die Aufnahme jener Sitzungen beziehungsweise Dekrete, die das Baseler „Rumpfkonzil“, nach der Verlegung des Konzils durch Eugen IV. nach Ferrara im Schisma verharrend, verabschiedet hat. Meinen die Herausgeber in der Tat, dass ein Konzil ohne, ja gegen den legitimen Papst möglich sei? In Ferrara jedenfalls tagte unter dem Vorsitz des Papstes das wahre Konzil - ein Konzil, das mehr als alle bisherigen den Namen „ökumenisch“ verdient. An ihm haben doch neben den lateinischen Bischöfen und dem Papst Patriarch, Kaiser und zahlreiche Hierarchen des byzantinischen Reiches, aber auch Delegationen der armenischen, koptischen, syrischen, chaldäischen und maronitischen Kirchen teilgenommen und entsprechende Unionsdekrete unterzeichnet. Dennoch wird das Konzil nicht als ökumenisch bezeichnet.

Ein besonderes Problem stellt alsdann die Bezeichnung der Konzilien von Trient sowie Vatikan I und II als Generalkonzilien der römisch-katholischen Kirche dar.

Weshalb diese Bezeichnung, mit welcher diese Konzilien offenbar von den „Generalkonzilien“ des Mittelalters unterschieden werden sollen? Nun aber bezeichnen sowohl das Konzilsdekret über den Abschluß des Konzils als auch die Bestätigungsbulle Pius IV. die tridentiner Versammlung als „sacra oecumenica synodus“ beziehungsweise als „oecumenicum concilium“. Weshalb also Generalkonzil der römisch-katholischen Kirche? Das Gleiche ist vom Ersten Vatikanum festzustellen, das allein schon wegen der Tatsache, dass nicht nur die orthodoxen Kirchen, sondern auch die Protestanten dazu eingeladen waren, und wegen der Teilnahme von über 600 katholischen Bischöfen als ökumenisch gelten müsste.

Dann aber geht es um das Zweite Vatikanum, wahrhaft ein Konzil der Superlative – und das soll trotz seiner mehr als 2000 Konzilsväter aus aller Welt kein Konzil gewesen sein, das für die Weltkirche verbindlich sprechen könnte?

Allein diese Einordnung zeigt, ein wie widersprüchliches Verhältnis die Herausgeber zu diesem Konzil haben. Die mehrbändige Geschichte dieses Konzils, die vom Bologneser Institut herausgegeben wurde, ist ein Zeugnis für die Einschätzung dieses Konzils durch die Herausgeber. Auf der einen Seite redimensionieren sie es, auf der anderen stilisieren sie es zu einem Neubeginn des kirchlichen Lebens, der einen Bruch mit der Vergangenheit bedeutet. Damit ist zugleich der hermeneutische Horizont abgesteckt, vor dem sie das Konzil interpretieren, wobei sogar zwischen dem Wortlaut der Texte und dem so genannten Geist des Konzils unterschieden wird. Demgegenüber hat die seriöse Wissenschaft, hat insbesondere Benedikt XVI. mehrfach mit Nachdruck (besonders in seiner Ansprache an die Römische Kurie vom 22. Dezember 2005) hervorgehoben, dass das Zweite Vatikanum wie jedes andere Konzil im Strom der Überlieferung der Kirche steht und in deren Gesamtzusammenhang zu interpretieren ist.

Hier stellt sich nun die grundsätzliche Frage, nach welchen Kriterien die Edition angelegt worden ist. In der Tat scheinen darüber kontroverse Diskussionen innerhalb des Mitarbeiterkreises stattgefunden zu haben. Der Verlagsprospekt spricht ausdrücklich davon, dass ursprünglich außer den dann tatsächlich ausgewählten Konzilien eine Reihe anderer Versammlungen ins Auge gefaßt worden waren.

Allem Anschein nach hat aber dann – von bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen – die übliche im Wesentlichen auf Bellarmin zurückgehende Liste ohne weitere Diskussion den Ausschlag gegeben. In dieser Liste findet sich allerdings keineswegs der Unterschied zwischen „ökumenischem“ und „Generalkonzil“. Auch sind darin weder das Konzil von 879/80 noch das Pisanum von 1409 noch jenes von Pavia-Siena oder das Basiliense nach 1436 enthalten.

Es scheint also so zu sein, dass unsere Herausgeber dessen ungeachtet lediglich jene Konzilien als ökumenisch bezeichnen wollten, die dem byzantinischen Pentarchie-Modell entsprachen. In der Kirchengeschichte versteht man unter Pentarchie die vom byzantinischen Kaiser Justinian I. kodifizierten, fünf Patriarchate des frühen Christentums: Erstens Rom, gegründet durch die Apostel Petrus und Paulus, aus dem das römisch-katholische Papsttum hervorging, zweitens Konstantinopel, gegründet durch den Apostel Andreas, das führende Bistum der Orthodoxen Kirche. Drittens Alexandrien, gegründet durch den Evangelisten Markus, Ursprung der Koptischen und Äthiopisch-Orthodoxen Kirchen, viertens Antiochia, gegründet durch die Apostel Petrus und Paulus, woraus sich die Syrische und die Armenische Kirche entwickelten, und fünftens Jerusalem, gegründet durch alle Apostel in der allen Christen gleichermaßen heiligen Stadt.

An der Sachgemäßheit dieses Kriteriums sind freilich erhebliche Zweifel angebracht. Von der grundsätzlichen Problematik beziehungsweise Unhaltbarkeit dieses ekklesiologischen Konzepts einmal abgesehen – es hat weder in der Hl. Schrift noch in der apostolischen Tradition eine Stütze – würde dessen Anwendung bedeuten, dass die gesamten nichtchalkedonensischen Kirchen aus der christlichen Ökumene ausgeschlossen würden.

Wenn man dazu bereit ist, weil man der Überzeugung ist, dass deren Dissens die Einheit der Kirche nicht tangiert, und deshalb ökumenische Konzilien auch ohne sie möglich sind, dann darf man auf der anderen Seite auch nicht behaupten, ökumenische Konzilien seien nach der Trennung der byzantinischen Kirche nicht mehr möglich.

Demgegenüber ist mit Nachdruck festzuhalten, dass auch nach der Verfestigung des östlichen Schismas die „Una sancta catholica et apostolica Ecclesia“ besteht und ökumenische, das heißt die gesamte Kirche verpflichtende Lehraussagen und kanonische Normen erlassen kann. Diese Möglichkeit kann nicht dadurch zunichte gemacht werden, dass sich Teilkirchen vom „Corpus ecclesiae“, vom Inhaber des für die Einheit der Kirche konstitutiven Petrus-Amtes trennen.

[Vom Autor zur Verfügung gestelltes Original. Der Aufsatz erschien in: VATICAN magazin, Heft 6/7, 2007]