Wann kommt sie, die Einheit der Christen?

Impuls zum 2. Sonntag im Jahreskreis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 1396 klicks

Wieder einmal begeht die Christenheit die „Woche für die Einheit der Christen“, und auch in diesem Jahr müssen wir feststellen, dass die Einheit kein bisschen näher gerückt ist. Woran liegt das?

Da die Wiedervereinigung im Glauben offensichtlich von Menschen nicht gemacht werden kann, müssen wir Gott darum bitten. Deswegen ist es auch so richtig, dass diese Woche bzw. Oktav als „Gebetsoktav“ bezeichnet wird. Das vertrauensvolle Gebet, so sagt der hl. Josefmaria Escrivá, erreicht alles. Also beten wir wohl mit zu wenig Vertrauen.

In der Tat gibt uns die Liturgie dieses zweiten Sonntags im Jahreskreis einen Hinweis. Paulus sagt im 1. Korintherbrief: „Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen“ (1 Kor 12,6). Gott kann aber nur dann „alles in allen bewirken“, wenn die Menschen  ihn wirken lassen, denn unsere Freiheit wird von ihm extrem respektiert. Die Konsequenz ist daher: jeder frage sich, ob er Gott in seinem Herzen den Freiraum gibt, um alles zu wirken. In einigen Gleichnissen, die uns manchmal übertrieben vorkommen, ermahnt uns der Herr, dass wir mit Glauben bitten sollen, aber nicht mit einem Glauben, der insgeheim denkt: Beten kann ja nicht schaden. Nein, Jesus sagt: „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, so würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanze dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen“ (Lk 17,6). So absurd dieses Beispiel zu sein scheint, es zeigt uns, dass wir unseren Glauben ganz entschieden aufrüsten müssen. Meistens handeln wir nach der Maxime: Natürlich ist das Gebet wichtig, aber wir machen das schon, und der liebe Gott gibt dann seinen Segen dazu.

Und seien wir doch so bescheiden zuzugeben (denn das allein ist realistisch), dass wir es nicht selber schaffen können, ja dass die Christen im Laufe der Kirchengeschichte viele Fehler gemacht haben, die wir heute immer noch mit uns herumschleppen. Natürlich sind die heutigen Christen allesamt nicht an der Spaltung schuld. Und damals, im 16. Jahrhundert, war auch die Schuld nicht nur auf der einen Seite. Die historische Wahrheit muss schon auf allen Seiten gesehen werden. Aber eine Sache ist die historische Wirklichkeit, und eine andere ist die „political correctness“, die dem untergeordnet sein muss. Um des lieben (ökumenischen) Friedens willen wird katholischerseits oft der Fehler gemacht, die Person Martin Luthers idealisiert zu sehen. Unter uns gesagt: es besteht kein Grund dazu. Man kann verstehen und respektieren, dass unsere evangelischen Mitchristen eine starke Tradition entwickelt haben, die theologischen und vor allem auch menschlichen Defizite dieses Mannes zu kaschieren. In unserer erbarmungslos kritischen Zeit ist es jedoch fast jedem bekannt, dass Luther zu den Themen Papsttum, Juden, Behinderte, Bauernaufstände, Türken etc. Ansichten vertrat, die gelinde gesagt, erschreckend sind. Ganz bewusst werden sie hier nicht zitiert. „Über die, entsetzlich verzerrenden Übertreibungen des abgefallenen Mönches und seinen unbeherrscht gehässigen Stil, der zu unflätigstem Grobianismus ausartet, kann sich jeder ein Urteil bilden, der einen Blick in seine Werke wirft“ (vgl. Theobald Beer: Der fröhliche Wechsel und Streit). Martin Luther als einen gemeinsamen Kirchenlehrer zu bezeichnen, wäre, schlicht gesagt, abwegig und würde viele – nicht nur die Türken – vor den Kopf stoßen.

In wenigen Jahren wird es ein großes Jubiläum geben, Luthers Thesenanschlag in Wittenberg, der die Reformation ausgelöst hat. Es wäre sicher im Sinne der ökumenischen Verständigung, wenn man vermeiden würde, zu sehr auf die Person Martin Luthers abzustellen. Abgesehen von seinen extrem üblen Äußerungen, die man gerne (weitgehend zu Unrecht) mit dem Sprachstil seiner Zeit entschuldigt, und auch abgesehen davon, dass ihm bestimmt guter Wille unterstellt werden kann, hat er nun mal die Einheit der Kirche zerbrochen. Und zwar nicht so sehr die organisatorische Einheit (die ist immer wieder und von vielen gestört worden), sondern die Einheit im Glauben. Eine protestantische Pfarrerin sagte einmal: „Wir haben in der evangelischen Kirche sehr vieles verloren“. Dass wir nur noch ein Sakrament, die Taufe, mit ihnen gemeinsam haben, kann man allerdings nicht unter „kleineren Verlusten“ abbuchen. Viele fromme evangelische Christen sehnen sich nach der katholischen Eucharistie. Der Verlust der sakramentalen Nähe des Herrn ist für sie sehr schmerzlich.

Ökumene heißt auch Beziehung zu den orthodoxen Kirchen. Was wir mit ihnen gemeinsam haben (nämlich fast alles), zeigt uns, wie gravierend der Abstand von den Protestanten ist.

Und dennoch. Uns alle eint der durch die Taufe besiegelte Glaube an Jesus Christus. Die Kirchentrennung ist nicht unsere Schuld und auch nicht die der anderen. Mit gläubigen evangelischen Christen verbindet uns, trotz der problematischen Figur des Reformators, sehr viel. Ja, oft beschämen sie uns durch ihre Christustreue und ihre anständige Lebensführung. Beten wir, und beten wir, wo es geht, gemeinsam! Jeder Mensch ist unmittelbar zu Gott. Das Gebet von allen, wenn es ungebrochen vertrauensvoll ist, kommt sicher oben an.

Im Evangelium des heutigen Sonntags ist die Rede von der Hochzeit zu Kana. Wie leicht wird uns da der Gedanke fallen, dass Maria durch ihre Fürsprache (der hl. Bernhard nennt sie die „Fürbittende Allmacht“) die Einheit aller Christen mit bewirken kann. Wenn wir Maria als Mutter der Kirche bezeichnen, so glauben wir daran, dass ihr die Einheit besonders am Herzen liegt. Nicht in erster Linie aus kirchenpolitischen Gründen, sondern weil alle ihre Kinder sind, und eine Mutter nun mal leidet, wenn sie ihre Kinder nicht einig sieht.