Wann zelebrieren?/1: Die liturgische Zeit (KKK 1163-1165)

Geist der Liturgie Rubrik für Theologie der Liturgie, herausgegeben von Don Mauro Gagliardi

| 1280 klicks

Von Nicola Bux*

ROM, 2. Mai 2012 (ZENIT.org). - Jedes Jahr feiert die Kirche das von Jesus Christus vollbrachte Heilswerk. Sie tut dies in erster Linie mit der Feier des Sonntags, den sie nach dem auferstandenen Herrn den Herrentag nennt. Im Jahreskreis dieser liturgischen Feiern bildet das Hochfest von Ostern den Höhepunkt. Hierbei werden im Laufe des Jahres alle Geheimnisse des Lebens Christi entfaltet und gegenwärtig gesetzt. – In welchem Sinne aber geschieht das? Wenn Christus stets Zeitgenosse aller Menschen ist, so sind seine Werke, insofern als sie vom Sohn Gottes vollbracht sind, nicht Tatsachen, die der Vergangenheit angehören, sondern Werke, die stets und zu allen Zeiten gegenwärtig sind, und zwar mit der Gesamtheit ihrer Verdienste, die deswegen all jenen, die ihr Gedächtnis feiern, das Heil bringen (vgl. „Katechismus der Katholischen Kirche“ [KKK], 1163). Wie schon seine Worte, haben auch die Werke Jesu Christi Ewigkeitswert: Sie vermitteln das Leben und legen es aus; deswegen sind sie unvergänglich, angefangen beim höchsten Akt, seinem Kreuzesopfer; und wie es im „Katechismus“ heißt, wird dieses Opfer neu dargestellt oder erneuert, insofern als es nie in die Vergangenheit abgleitet, sondern stets gegenwärtig ist. So feiern wir sein Gedächtnis und leisten seiner Einladung: »Tut dies zu meinem Gedächtnis« Gehorsam.

Um die liturgischen Zeiten zu verstehen, ist es wahrscheinlich von zentraler Wichtigkeit zu begreifen, welche Bedeutung dem Begriff „Gedächtnis“ zukommt: Er bedeutet nicht eine bloße Erinnerung an die Vergangenheit, sondern bezieht sich auf die gottgegebene Fähigkeit des Menschen, die Einheit von Vergangenheit und Zukunft mit dem Heute zu verstehen. Tatsächlich vergisst der Mensch, der sein Gedächtnis verliert, nicht nur die Vergangenheit, sondern er weiß auch nicht, wer er im jetzigen Augenblick ist. Und noch viel weniger kann er sich in diesem Fall als ein auf Zukunft hin ausgerichtetes Projekt verstehen.

Zum Lauf der Zeit gehören darüber hinaus die christlichen Feste – das Wort „festum“ steht dafür, dass man sich an etwas erinnert, zu dem man sich versammelt, worauf man zueilt, was man feiert, in anderen Worten, woran man in großer Anzahl teilnimmt – nichts destotrotz feiert man das Gedächtnis Christi, der heute und in Ewigkeit lebt, auch an Wochentagen, an denen man nicht notwendigerweise mit einer hohen Teilnehmerzahl rechnen kann. Angefangen beim Osterfest, sind die Festtage zum großen Teil eine Fortführung und Vollendung der jüdischen Feste.

Es reicht nicht aus, dieser Feste einfach zu gedenken. Besser ausgedrückt man gedenkt ihrer, indem man Dank sagt – deswegen begeht man die Feste im Wesentlichen mit einer Eucharistiefeier –, Feste müssen aber auch an die neuen Generationen überliefert werden, und außerdem muss man das eigene Verhalten nach ihnen richten. Der hl. Augustinus sagt in den„Bekenntnissen“, dass die moralische Integrität des Menschen davon abhängt, wie sehr er sich an Gott erinnert: Man könnte sagen, je öfter man den Herrn feiert, desto sittlicher wird man. Die liturgische Zeit offenbart sich so als die Zeit der Kirche, die zwischen dem historischen Osterereignis und der Ankunft des Herrn am Ende der Zeiten ausgespannt ist. Indem es die Zeiten durchmisst, schafft das Geheimnis Christi alles neu. Deswegen empfangen wir jedes Mal wenn wir feiern Gnaden, die uns erneuern und verwandeln (vgl. KKK, 1164).

Zum theologisch-liturgischen Wortschatz gehört ein Adverb der Zeit, das die liturgische Zeit gut wiedergibt: „heute“, lateinisch „hodie“ und griechisch „kairós“. Besonders bei den großen Festen heißt es in der Liturgie, dass Christus „heute“ geboren wurde, „heute“ auferstanden, „heute“ in den Himmel aufgefahren ist. Das ist nicht etwa nur ein glänzender Einfall. Jesus sagte selbst: "Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden ... ", "Heute wirst du mit mir im Paradiese sein". Mit Jesus, dem Sohn Gottes, ist die Zeit des Menschen ins „Heute“, in die Gegenwart gerückt. Dies ist das Werk des Heiligen Geistes, der Zeit und Raum durchdringt. Im Heiligen Land fügt die Liturgie darüber hinaus auch ein Adverb des Ortes hinzu: „hier“, „hic“. Der Geist des auferstandenen Jesus lässt den Menschen in Gottes„Stunde“ eintreten, die in Christus angebrochen ist und die das All und die Geschichte durchmisst. Indem der „Katechismus“ ein Zitat des Pseudo-Hyppolit aufführt, erinnert er daran, dass für uns, die wir an Christus glauben, „ein langer, ewiger, lichter Tag angebrochen ist, der nie ein Ende hat: das mystische Pascha“ (KKK, 1165).

Wir haben mit der Feststellung begonnen, dass Jesus unser Zeitgenosse ist: Denn er ist der Sohn Gottes, der Lebendige, der in die Geschichte eingetreten ist. Ohne ihn wären das liturgische Jahr und seine Feste sinnlos und in unserem Leben unwirksam. „Was heißt es, wenn wir behaupten, dass Jesus von Nazareth, der vor zweitausend Jahren in Galiläa und Judäa gelebt hat, ‚Zeitgenosse‘ aller Männer und Frauen ist, die heute und zu jeder Zeit leben? Romano Guardini erklärt es uns mit Worten, die heute so aktuell sind, wie sie es zu der Zeit waren, zu der sie niedergeschrieben worden sind: „Sein Erdenleben ist in die Ewigkeit eingetreten, und auf diese Weise ist sie mit jeder Stunde der Erdenzeit, die durch sein Opfer erlöst worden ist, verbunden ... Im Gläubigen geht ein wunderbares Geheimnis in Erfüllung: Christus, der ‚oben‘, ‚zur Rechten des Vaters sitzt‘ (Kol 3,1), befindet sich auch mit der Fülle seines Heils ‚in‘ diesem Menschen; denn in jedem Christen entfaltet sich auf Neue das Leben Christi, sein Wachstum, sein Reifen, sein Leiden, Sterben und Auferstehen, die das wahre Leben des Christen ausmachen“ („Il testamento di Gesù“, Milano 1993, S. 141)" (Benedikt XVI., „Botschaft an den Kongress ‚Jesus, unser Zeitgenosse‘“, 09.02.2012).

Der Tag Christi, der Tag, der Christus selbst ist, bildet die liturgische Zeit. Wer immer ihm nachfolgt, sich ihm darbringt, sich mit Leib und Seele mit seinem lebendigen Opfer verbindet, tut das Werk Gottes, das heißt, er leistet Gottesdienst.

Die liturgische Zeit ruft die kosmische Dimension der Schöpfung und des Heilswerks des Herrn in Erinnerung, der in sich alle Dinge neu geschaffen hat, alle Zeiten und Räume. Deswegen wird das christliche Gebet, das Gebet jener, die den wahren Gott anbeten, oft gen Osten, auf den kosmischen Punkt der Erscheinung der Gegenwart hin verrichtet. Zeit und Raum in der Liturgie finden diesen Punkt insbesondere im Kreuz, dem man sich zuwendet, um den Herrn zu betrachten. Wie können wir erreichen, dass unter uns die liturgische Zeit wieder wahrgenommen wird? Indem wir auf Christus schauen, der fortdauernd alle Dinge neu macht. Er ist das Anfang und das Ende, das Alpha und das Omega der Geheimen Offenbarung. Gerade daran erinnert uns beim Osterfest das symbolische Anzünden der Kerze.

*H.H. Nicola Bux ist Professor für Liturgie der Ostkirchen in Bari und theologischer Berater der Kongregation für die Glaubenslehre, der Kongregation für die Heiligsprechungen, der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentendisziplin sowie des Amts für die Liturgischen Feiern des Heiligen Vaters.

[Übersetzung des italienischen Orginals von P. Thomas Fox LC]