Wann zelebrieren?/4: Das Stundengebet (KKK 1174-1178)

Rubrik für Theologie der Liturgie, herausgegeben von Don Mauro Gagliardi

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Von Mauro Gagliardi*

ROM, 13. Juni 2012 (ZENIT.org). - Der Abschnitt des Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), der unter dem Titel „Wann wird die Liturgie gefeiert“ steht, widmet dem „göttlichen Offizium“, das man heute das „Stundengebet“ nennt, einen gewissen Raum. Dieses Gebet ist ein fester Bestandteil des Gottesdienstes der Kirche, nicht einfach ein Anhängsel der Sakramente. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes „heilige Liturgie“. Wie auch in der Sakramentenliturgie (vor allem bei der Eucharistiefeier, deren Weiterführung das Offizium gewissermaßen ist) überkreuzen sich in der Stundenliturgie zwei Dynamiken: eine „von oben“ und eine „von unten“ ausgehende Bewegung.

Die „von oben“ ausgehende Dynamik bezieht sich auf die Tatsache, dass das Stundengebet vom Wort, als dieses zu unserer Erlösung Mensch wurde, auf die Erde gebracht worden ist. Deswegen wird das Stundengebet als „der Gesang“ bezeichnet, „der im Himmel in Ewigkeit erklingt“ und der vom menschgewordenen Wort „an diesem irdischen Ort des Exils“ eingeführt worden ist (vgl. Pius XII., Mediator Dei: EE 6/565; ebenso: II. Vatikanisches Konzil, Sacrosanctum Concilium [SC], Nr. 83). Wir können das Gotteslob singen, weil Gott selbst uns dazu befähigt und uns lehrt, wie wir es singen sollen. Gemäß dieser ersten Bedeutung hallt im Stundengebet der pilgernden und streitenden Kirche der Gesang wider, den die himmlischen Geister und Seligen der verherrlichten Kirche darbringen. Aus diesem Grund hat der Ort, an dem sich die Mönche, Brüder und Kanoniker zum Gebet des Offiziums versammeln, die Bezeichnung „Chor“ angenommen: Die Chöre und Ränge der Engel und Heiligen, die unaufhörlich Gottes Herrlichkeit preisen, sollen damit sinnenfällig dargestellt werden (vgl. Jes 6,1-4; Off 5,6-14). Deswegen hat der Chor auch eine Kreisform, nicht etwa, damit man sich während der Feier des Stundengebets einander besser anschauen kann, sondern um darzustellen, dass bei der Feier des Gottesdienstes „ein Sich-Herunterbeugen des Himmels auf die Erde“ ereignet (Benedikt XVI., Sacramentum Caritatis, Nr. 35).

Zweitens spiegelt das Stundengebet eine Dynamik wider, die „von unten“ nach „oben“  strebt: Dies ist die Bewegung, mit der die Kirche auf Erden den ganzen Tag über ihren Herrn lobt, anbetet, ihm dankt und ihn um Gnaden bittet. Wir empfangen in jedem Augenblick Wohltaten vom Herrn. Deswegen ist es nur recht und billig, dass wir ihm zu jeder Stunde des Tages dafür danken. Somit ist auch nach Meinung des hl. Thomas von Aquin das Gebet ein Akt, der zur Tugend der Frömmigkeit gehört, die als solche mit der Tugend der Gerechtigkeit verbunden ist (vgl. S. Th. II-II, 80, 1; 83, 3). Mit der zur hl. Messe gehörenden Präfation können wir daher sagen, dass es „wahrhaft würdig und recht“, angemessen und heilbringend ist, den Herrn den ganzen Tag über jeden Augenblick zu rühmen.

Christus hat uns als Erster das Beispiel eines Gebets gegeben, das ununterbrochenen – Tag und Nacht – andauerte, (vgl. Mt 14,23; Mk 1,35; Hebr 5,7). Außerdem hat der Herr uns geraten, allezeit zu beten, ohne darin jemals nachzulassen (vgl. Lk 18,1). Dem Wort und Beispiel ihres Gründers treu (vgl. 1Thes 5,17; Eph 6,18) hat die Kirche schon von apostolischer Zeit an das eigene tägliche Gebet entsprechend eines festgelegten, den ganzen Tag abdeckenden Rhythmus‘ entwickelt und dabei die liturgische Praxis, die im Tempel von Jerusalem vorherrschte, übernommen und erneuert. Tatsächlich sind die beiden wichtigsten Stunden des Kanons (Laudes und Vesper) auch in Bezug auf die beiden täglichen Opfer entstanden, die im Tempel dargebracht wurden: das Morgenopfer und das Abendopfer. Ebenso entsprechen die Gebetshoren der Terz, Sext und Non den jeweiligen Gebetsmomenten jüdischer Praxis. Am Pfingsttag waren die Apostel alle um die dritte Stunde zum Gebet versammelt (vgl. Apg 2,15). Als der heilige Petrus sich zur sechsten Stunde auf der Terrasse im Gebet befand, hatte er die Vision des Tuchs, das vom Himmel herabgesenkt wurde (vgl. Apg 10,9). Bei anderer Gelegenheit gingen Petrus und Johannes gemeinsam zur neunten Stunde zum Tempel hinauf, um zu beten (vgl. Apg 3,1). Und vergessen wir nicht, dass Paulus und Silas, als sie sich im Gefängnis befanden, um Mitternacht zu Gott beteten und Loblieder sangen (vgl. At 16,25).

Es überrascht also nicht, dass schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts Papst Klemens Folgendes in Erinnerung rufen kann: „Wir müssen alles der Reihe nach tun, was der Herr uns zu festgesetzten Zeiten zu verrichten auftrug. Er hat uns vorgeschrieben, Opfergaben darzubringen und Liturgien zu feiern und dies nicht zufällig oder ohne Ordnung, sondern zu bestimmten Gelegenheiten und Zeiten“ (An die Korinther, XL, 1-2). Die Didache (vgl. VIII, 2) rät, das Vaterunser dreimal am Tag zu beten, was die Kirche heutzutage tut, wenn sie das Gebet des Herrn zur Laudes, zur Vesper und während der hl. Messe betet. Tertullian legt diese altehrwürdige Tradition auf folgende Weise aus: „Wir beten am Tag wenigstens dreimal, weil wir Schuldner der Drei sind: des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (De oratione, XXV, 5). Im Westen war es das große Verdienst des hl. Benedikt von Nursia, den vorher in der Kirche von Rom gängigen Usus vervollkommnet und das göttliche Offizium geordnet zu haben.

Auf der Grundlage dessen, was wir gesagt haben, lassen sich wenigstens zwei grundlegende Erwägungen ableiten. Erstens ist das Stundengebet aufgrund seines wesentlich christozentrischen Charakters auch tief kirchlich. Das bedeutet, dass das Stundengebet als öffentlicher Gottesdienst der Kirche der Willkür des Einzelnen entzogen ist und von der kirchlichen Hierarchie maßgeblich festgelegt wird. Außerdem wird im Stundengebet eine kirchliche Leseweise der Heiligen Schrift dargeboten, denn die Psalmen und biblischen Lesungen werden durch Texte der Kirchenväter, der Lehrer und der Konzile sowie durch liturgische Gebete, die die Kirche selbst verfasst hat, ausgelegt (vgl. KKK, 1177). Als öffentlicher Gottesdienst hat das Stundengebet nicht nur eine innere (unsichtbare), sondern auch eine sichtbare Komponente. Sie besteht in der Einheit zwischen Gebet und Gesten. Genauso wie es wahr ist, dass „die Stimme mit dem Herzen in Einklang stehen muss“ (vgl. KKK, 1176), ist es auch wahr, dass der Gottesdienst nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Leib gefeiert wird (vgl. S. Th., II-II, 81, 7). Deswegen sieht die Liturgie Gesänge, bestimmte Antworten, Gesten, Verbeugungen, Prostrationen, Kniebeugen, Beweihräucherungen, Gewänder usw. vor. Dasselbe gilt auch für das göttliche Offizium. Außerdem führt der kirchliche Charakter des Stundengebets dazu, dass es seinem Wesen nach dazu bestimmt ist, „zum Gebet des ganzen Volkes Gottes [zu] werden“ (KKK, 1175). Auch wenn das Stundengebet vor allem den geweihten Amtsträgern und den Ordensleuten zugewiesen und ihnen von der Kirche in besonderer Weise anvertraut wurde, bezieht es in diesem Sinne immer die ganze Kirche mit ein: Die Laiengläubigen (soweit sie daran teilnehmen können), die Seelen im Fegfeuer, die Seligen und die Engel, entsprechend ihrer verschiedenen Chöre. Beim Lobpreis Gottes vereinigt sich die Kirche auf Erden mit der Kirche im Himmel und bereitet sich darauf vor, bei ihr anzugelangen. Auf diese Weise ist das Stundengebet „wahrhaft die Stimme der Braut, die zum Bräutigam spricht, ja es ist das Gebet, das Christus vereint mit seinem Leibe an seinen Vater richtet“ (SC, Nr. 84, Zitat aus KKK, 1174).

*Prof. DDr. Mauro Gagliardi ist Ordinarius am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“, Lehrbeauftragter an der Europäischen Universität Rom und Theologischer Berater des Amtes für die Liturgischen Feiern des Heiligen Vaters sowie der Kongregation für den Gottesdienst und die Disziplin der Sakramente.

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]