War die Reise Benedikts XVI. ein Erfolg?

Der andere Maßstab für Fortschritt

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Von P. Thomas D. Williams LC



JERUSALEM, 15. Mai 2009 (ZENIT.org).- So wie es in der Kindheit Jesu war, ging das Interesse gestern, Donnerstag, von Jesu Geburtsort Bethlehem zu seiner Heimatstadt Nazareth über: Frühmorgens verließ Benedikt XVI. Jerusalem mit dem Helikopter, um in jenes Land zu fliegen, wo Jesus den Großteil seines irdischen Lebens verbracht hatte, von den frühen Kindheitstagen an bis ins Alter von rund 30 Jahren.

In seiner Predigt während der Eucharistiefeier am Vormittag erinnerte Benedikt XVI. seine Zuhörer daran, dass Nazareth auch der Ort der Verkündigung gewesen war - wo der Engel Gabriel der Jungfrau Maria verkündete, dass sie die Mutter des Messias werden sollte, und wo das Wort Fleisch wurde.

Nazareth ist auch der Ort, an dem Jesus von seinem Ziehvater Josef das Zimmermannshandwerk erlernte. Außerdem hat er dort, wie der Heilige Vater hinzufügte, „die Tugenden einer mannhaften Frömmigkeit, der Treue zum Wort, der Integrität und der harten Arbeit s" gelernt.

Nazareth ist auch Marias Heimatstadt - eine Tatsache, die der Papst zum Anlass nahm, um zum zweiten Mal während dieser Pastoralreise über die Bedeutung der Frauen in Kirche und Gesellschaft zu sprechen. Nazareth, so erklärte Benedikt XVI., „gemahnt uns an unsere Pflicht, die besondere Rolle der Frau und die ihr von Gott gegebene Würde anzuerkennen und zu respektieren, ebenso wie ihre besonderen Charismen und Talente". Ganz gleich, ob Frauen nun Mütter seien, voll im Berufsleben stünden oder ein Gott geweihtes Leben führten: immer spielten sie „eine unersetzliche Rolle dabei, jene ‚Humanökologie‘ zu schaffen, derer unsere Welt und dieses Land so dringend bedürfen".

All diese Überlegungen und die vielen anderen, die der Papst in diesen Tagen äußerte, führen uns notwendigerweise zur folgenden Schlussfolgerung: Auch wenn es in den Medien nicht wirklich zur Sprache gebracht wird, war die Reise Benedikts XVI. ins Heilige Land dennoch in erster Linie eine spirituelle und eben keine politische. Von Anfang an hat Papst Benedikt selbst von einer „Pilgerreise" gesprochen und nicht von einer einfachen „Reise" oder einem „Besuch". Und auch wenn das öffentliche Interesse groß war, hat eine Pilgerreise immer eine ganz tiefe persönliche Dimension. Der Papst ist zuerst und vor allem einer, der an Christus glaubt, ein Jünger unseres Herrn Jesus.

Stellen Sie sich kurz vor, was es wohl für Benedikt XVI. geheißen haben mag, Galiläa zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten Mal als Papst besucht zu haben. In Galiläa war der heilige Petrus Jesus zum ersten Mal begegnet; hier war er berufen worden, um alles zu verlassen und ihm nachzufolgen, ohne die geringste Ahnung zu haben, dass er später einmal der erste Papst der Kirche Christi und einer ihrer ersten Märtyrer werden sollte.

Überlegen Sie, was es dem Papst bedeutet haben könnte, in Jerusalem zu sein und die Heiligen Stätten zu besuchen - Jerusalem, wo Jesus von Petrus verleugnet und von Judas verraten worden war, wo er die Heilige Eucharistie einsetzen und am Kreuz sein Leben für uns hingeben wollte. Wie war es für den Papst in Jerusalem, wo Jesus von den Toten auferstanden war, um in den Himmel aufzufahren?

Der Heilige Vater ist ein tiefgeistiger Mensch und hat sich danach gesehnt, diese Pilgerfahrt zu unternehmen. Es ist die Reise, die er sich am meisten gewünscht hat. Und jetzt ist er hier. Fernab vom Trubel frenetischer Aktivität und weit weg von Kritik und Opposition gibt es einen ruhigen Ort, der sich mit den Tiefen des Meeres vergleichen lässt. Dorthin zieht sich der Papst unbeeindruckt zurück. Es ist jener Ort, wo er alleine ist mit seinem Gott. Denn wie Maria bewahrt er all diese Dinge, die geschehen sind, in seinem Herzen und denkt darüber nach (vgl. Lk 2,19).

In diesem Zusammenhang können wir den vollen Sinn der schönen Worte erfassen, die der heilige Augustinus den Gläubigen von Hippo sagte: „Mit euch bin ich Christ, für euch Bischof." Hier im Heiligen Land ist Benedikt XVI. beides: Für uns - und tatsächlich für alle Länder und Völker - ist er der Bischof von Rom und Vikar Jesu Christi. Er ist ein Führer, ein Friedensprophet, ein Prediger des Evangeliums und ein Lehrer der Nationen. Für uns ist er derjenige, der die Herde Christi hütet und der seine Schwestern und Brüder im Glauben stärkt. Und mit uns ist Benedikt XVI. ein einfacher Christ, ein Pilger, der die Heiligen Stätten besucht und aus der Gnade Kraft schöpft, die von diesen Stätten ausgeht. Mit uns steht er ehrfürchtig staunend vor dem Geheimnis der göttlichen Vorhersehung und der Großartigkeit seiner Werke.

Ich bin in diesen Tagen immer wieder gefragt worden, ob diese Reise Benedikts XVI. ein „Erfolg" gewesen sei. Ohne Zweifel war sie einer - allerdings nicht aus den Gründen, an die man gemeinhin denkt. Ich bin sicher, dass auch Benedikt XVI. selbst sagen würde, dass echte und dauerhafte Veränderung - jener Wandel, der wirklich zählt - nicht das Resultat von politischen Programmen oder gescheiten Argumenten ist oder dass er auch nicht darin besteht, die Zustimmung der Massen zu erobern. Sie ist ein Werk der Gnade Gottes im menschlichen Herzen.

Benedikt XVI. ist als Werkzeug dieser Gnade gekommen, als „Kanal" für den göttlichen Frieden, wie der heilige Franz von Assisi gesagt hat. Das zu tun, genau dazu ist er berufen - und als guter und treuer Knecht tut er es.

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P. Thomas D. Williams LC ist Theologe aus den USA, lebt in Rom und kommentiert für CBS News den historischen Papstbesuch im Heiligen Land. Für die englischsprachige ZENIT-Ausgabe verfasste er in diesen Tagen mehrere Artikel.