Warum bist Du Priester geworden?

Priestererlebnis von John Jay Hughes, USA

Wien, (ZENIT.org100Wunder) | 566 klicks

„Warum bist du eigentlich Priester geworden?“ So lautete irgendwann mal die Frage eines Freundes, der selbst nicht gläubig war. „Ich bin Priester geworden, um die heilige Messe feiern zu können“, war meine knappe, aber zutiefst ehrliche Antwort.

Vor 55 Jahren habe ich voll Freude meine Primiz gefeiert. Seitdem feiere ich die heilige Messe jedes Mal so, als wäre es die erste und hoffe dabei, dass meine Freude immer größer wird. Das heilige Messopfer feiern zu dürfen und die Kinder Gottes mit dem Brot des Lebens zu speisen, ist ein Privileg, das man durch keine menschlichen Verdienste erwerben kann. Um mich in rechter Weise vorzubereiten, meditiere ich immer eine halbe Stunde lang über die Bibelstelle vom brennenden Dornbusch und Gottes Wort an Mose: „Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden“ (Exodus 3,5). Niemand von uns ist würdig, vor Gottes Angesicht zu treten. Deshalb rufen wir zu Beginn der heiligen Messe dreimal die Barmherzigkeit Gottes an.

Während der Messfeier verfolge ich immer intensiv die Lesungen aus der Heiligen Schrift und wenn kein Diakon da ist, trage ich sie selbst vor. Dann versuche ich, mit Überzeugung und Eifer die Liebe Gottes, die uns nie im Stich lässt, zu verkünden. Im Laufe der Jahre hat meine Wertschätzung für das Wort Gottes immer mehr zugenommen. In der Dogmatischen Konstitution über die Göttliche Offenbarung befindet sich ein Satz, der sich gerade damit befasst, und uns die Wichtigkeit vor Augen führt, die die Heilige Schrift für die Kirche besitzt. Dort steht: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst“ (Kapitel 6, Nr. 21).

Für mich ist das Hochgebet das Herzstück der Messe. Wenn ich die Einsetzungsworte Jesu über die eucharistischen Gestalten spreche: „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“, bin ich oft sehr bewegt. Diese Worte haben sogar Martin Luther betroffen gemacht. Ich spreche sie langsam, mit Andacht und Ehrfurcht aus und verneige mich vor der Patene und dem Kelch, so wie es uns die Jahrtausende alte Tradition gelehrt hat.

Hilft das wirklich jemandem, wenn ich es so sage? Ich weiß nicht. Aber ich weiß, dass es mich persönlich tief bereichert: Ich erwarte diese tägliche Begegnung mit Gott immer voll Enthusiasmus. Für mich sind diese wertvollen Augenblicke mit ihm – wenn ich seine Worte wiederhole – der Höhepunkt des Tages. Ich wiederhole sie, während ich diese Zeilen schreibe, und ich kann es kaum erwarten, sie morgen während der heiligen Messe erneut auszusprechen.

Ich bin Priester geworden, nicht so sehr um mit den Menschen zusammen zu sein, als vielmehr um in besonderer Weise ganz nah bei Gott zu sein. Die Verbundenheit mit ihm habe ich vor allem am Altar erfahren. Den Menschen beizustehen, kann befriedigen, aber auch Enttäuschungen mit sich bringen: Nicht alle wollen das, was der Priester ihnen geben kann. Gott hingegen mag uns immer. Die Anbetung, die ich ihm am Altar darbiete, ist unvollkommen, aber er lehnt sie nie ab. Und von meiner Seite aus lässt diese Anbetung nie nach.

Zum letzten Weihnachtsfest habe ich eine besondere Glückwunschkarte bekommen, die mich tief bewegt hat. Eine Frau hat sie mir geschickt, eine Mutter von drei Jungen. Ich hatte zunächst gedacht, sie sei nicht sehr gläubig. Aber da ich sie jeden Sonntag in der Messe sah und sie, bevor sie nach Hause ging, vor der Kirchentür immer ein Lächeln und liebenswürdige Worte für mich übrig hatte, habe ich meine Meinung geändert. Auf der Karte stand geschrieben: „Feiere jede Messe so, als wäre es deine erste Messe, aber auch so, als wäre es deine letzte.“

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