Warum der Papst den Titel „Patriarch des Abendlandes“ aufgegeben hat

Von Armin Schwibach

| 2627 klicks

ROM, 11. Juli 2007 (ZENIT.org).- Zu Beginn des Jahres 2006 tat Benedikt XVI. etwas, das von innerkirchlicher und universalkirchlicher, ja universalgeschichtlicher Tragweite ist. Nach 1466 Jahren wurde der bisher dem Bischof von Rom zugewiesene Titel Occidentis Patriarca, „Patriarch des Abendlandes“ oder „des Westens“, aus dem Verzeichnis der offiziellen Titel des Papstes gestrichen. Zwei Worte weniger, eine Handlung, die das Herz der Kirche trifft, die eine neue Reflexion über das Wesen der Kirche durch eine Bestimmung des römischen Bischofs und seines Primats einleitet.



Was bedeutet diese Streichung? Eine sichtbare Folge bestand in der Notwendigkeit, dass die Touristenführer Roms neu gedruckt werden mussten: die vier ehemaligen „Patriarchalbasiliken“ (St. Peter, St. Johannes im Lateran, St. Paul vor den Mauern und St. Maria Maggiore), die Hauptkirchen Roms von höchstem Rang und besonderen Privilegien, wurden zu „Päpstlichen Basiliken“. Aber das ist eine zu vernachlässigende Nebensache, die nur Verlagen neue Arbeit gebracht hat. Mit der Streichung der zwei Worte bestätigte Benedikt XVI., dass das Petrusamt des Papstes von allen anderen Ämtern und Befugnissen wie denen eines Patriarchen zu unterscheiden ist.

Der römische Pontifex als Nachfolger Petri ist, so Johannes Paul II. am 25. Januar 1983, der „Vorsitzende der universalen Gemeinschaft der Liebe“. Als solcher schützt er die legitimen Unterschiede in der einen universalen Kirche und wacht darüber, „dass all das, was partikular ist, der Einheit nicht nur nicht schadet, sondern ihr vielmehr dient.“ Dieser Vorsitz ist ein Vorsitz göttlichen Rechts und nicht durch den Menschen, Umstände oder besondere Örtlichkeiten bestimmt oder mit anderen Orten, Territorien oder partikularen kirchlichen Realitäten vergleichbar. Der petrinische Dienst ist Liebesdienst, das heißt der Dienst des liebenden Hirten, der den ökumenischen Dialog ermöglicht. Der Primat des Bischofs von Rom ist für die Kirche unverzichtbar. So stellte das II. Vatikanische Konzil fest: „Alle sind sie in gleicher Weise der Hirtenführung des Bischofs von Rom anvertraut, der nach göttlichem Recht dem Hl. Petrus im Primat über die ganze Kirche nachfolgt (qui Beato Petro in primatu super universam Ecclesiam divinitus succedit)“ (Dekret „Orientalium Ecclesiarum“, 3). Die einzige Kirche Christi ist nicht im Entstehen begriffen oder durch einen Dialog erst zu erreichen. Wie die dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ festhält: Die Kirche „subsistiert“ in der katholischen Kirche, das heißt sie ist in ihr wirklich.
Petrus ist der erste, der in Cäsarea Philippi Jesus als Christus, den Sohn Gottes bekennt. Diesem Bekenntnis lässt Jesus eine Verheißung folgen: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16,18-19). Petrus wird eine persönliche Verantwortung übertragen, die auf alle Päpste übergeht: Er führt den „Vorsitz der Liebe“ (Ignatius von Antiochien) und überträgt diese Verantwortung auf seine Nachfolger. Der Papst übt diesen Primat täglich in der Verkündigung der Botschaft Jesu aus; seine Verantwortung nimmt seine ganze Existenz ein, die persönlich zu Christus „Ja“ gesagt hat wie Petrus, der Rom zum Sitz des Papstes durch die Einzigartigkeit seines Dienstes und seines Martyriums gemacht hat. Rom ist „der konkrete Name der Katholizität und der Wirklichkeit der Mission, Rom bezeichnet die Treue zu den Ursprüngen, zur Kirche aller Zeiten, zu einer Kirche, die alle Sprachen spricht und allen Kulturen entgegengeht“ (Benedikt XVI., Regina Cæli 27.05.2007)

Christen haben „das Neue und das Alte Testament, und den Hirten der Kirche, der euch leitet; dies genüge zu eurem Heil“, so Dante in der „Göttlichen Komödie“ (Avete il novo e ’l vecchio Testamento, e ’l pastor de la Chiesa che vi guida; questo vi basti a vostro salvamento, „La Divina Comedia“, Paradiso, V 76-78). Der Liebesprimat des Papstes impft die Kirche gegen die Gefahren der Zeiten. Die Kirche ist keine soziologisch definierbare Interessengruppe. Die Kirche ist Ausdruck des Eingewobenseins des Endlichen in das, was Gott selbst von sich hat verlauten lassen. Die Kirche ist corpus mysticum Christi, der allgemeine Leib Christi, in dem das abgeschlossene Heilswerk Gottes sich zeitlich und geschichtlich konkretisiert. Der Papst als Stellvertreter Christi, d.h. als oberster Hirt des corpus mysticum, an dessen Wahrheit alle Christen teilhaben und dessen Wahrheit alle Christen für den corpus mysticum bestellt, ist eine endliche Institution, die in besonderer Weise diese Mystik in der Geschichte der Welt zum Ausdruck bringt. Der Petrusamt des Bischofs von Rom ist „Symbolon“, Zusammenfall von endlicher Existenz der Kirche und mystischem Sinn der Existenz der Kirche. Der einen Kirche Christi ist ein Mandat gegeben, so Benedikt XVI. am 7. Mai 2005, „das nicht allein aus menschlichen Fähigkeiten entstehen kann. Dazu braucht es die Stimme der lebendigen Kirche, jener Kirche, die bis ans Ende der Zeiten dem Petrus und dem Apostelkollegium anvertraut wurde.“ Der Dienst des Papstes garantiert den Gehorsam gegenüber Christus und seinem Wort. Der Papst darf nicht „seine eigenen Ideen verkünden, sondern muss – entgegen allen Versuchen von Anpassung und Verwässerung sowie jeder Form von Opportunismus – sich und die Kirche immer zum Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes verpflichten.“

Der Primat drückt keine Ehrenposition aus. In ihren Erwägungen zum „Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche“ vom 31. Oktober 1998 hielt die Glaubenskongregation fest: „Der römische Bischof steht – wie alle Gläubigen – unter dem Worte Gottes und unter dem katholischen Glauben. Er ist Garant für den Gehorsam der Kirche und in diesem Sinn servus servorum (‚Diener der Diener‘). Er entscheidet nicht nach eigener Willkür, sondern ist Stimme für den Willen des Herrn, der zum Menschen in der von der Überlieferung gelebten und interpretierten Schrift spricht… Der Nachfolger Petri ist der Fels, der gegen Willkür und Konformismus eine unerbittliche Treue zum Worte Gottes gewährleistet.“

Im Primat des Papstes verdichtet und sammelt sich der Begriff der Kirche. Die sichtbare Einheit der Christen besteht im una catholica der Kirche, die die Universalität der Liebe ist: „Denn nicht wir sind es, die die Einheit der Kirche machen oder organisieren. Die Kirche macht sich nicht selbst, sie lebt nicht aus sich selbst, sondern sie lebt aus dem schöpferischen Wort, das aus dem Mund Gottes kommt“ (Benedikt XVI., 25. Januar 2007). Gerade daraus folgt, wie das II. Vatikanische Konzil festhält, dass in korrekter und verständlicher Weise die „ganze Lehre klar vorgelegt wird“ (vgl. Dekret über den Ökumenismus „Unitatis redintegratio“, 11). Dabei schließt der ökumenische Dialog „die evangeliumsgemäße brüderliche Ermahnung ein und führt zu einer gegenseitigen geistlichen Bereicherung, wenn authentische Erfahrungen des Glaubens und des christlichen Lebens miteinander geteilt werden“ (Benedikt XVI., 25. Januar 2007).

Die Eliminierung des Patriarchentitels für den Papst bedeutet somit keinen „Verzicht“ auf einen „Besitz“. Er fasst vielmehr den tiefen Sinn der Kirche, des Primats und des Hirtendienstes des römischen Pontifex zusammen und eröffnet neue produktive Wege eines realistischen, „konkreten“ ökumenischen Dialogs. Dieser Realismus gründet in dem Aufruf, sich seiner Grundlagen zu versichern und bewusst zu sein.

Benedikt XVI. setzt den Primat als Grundlage des ökumenischen Dialogs und verabschiedet so die Idee eines Räte-Ökumenismus, die die Zuständigkeit und die Aufgabe des Petrusdienstes auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner bringen möchte. Es geht dem Papst und der Kirche nicht um Macht, sondern darum, dass die in der Kirche gegenwärtige Liebe dazu drängt, weitergegeben zu werden. Petrus, der von Christus bestimmte Fels, garantiert den Liebesdienst als Dienst an der Wahrheit. So hat die Eliminierung des Patriarchentitels eine logische und geschichtliche Konsequenz: Wenn der Primat des Bischofs von Rom göttlichen Rechts ist, dann gehört die Entfaltung der Ausübung des Primats im zweiten Jahrtausend zur Entfaltung des Primats im ersten Jahrtausend. Der ökumenische Dialog kann von der Klarheit des Fundaments nur profitieren. Das Fundament ist der Dienst an der einen Wahrheit.

Am 19. April 2005 starb Josef Ratzinger. Am selben Tag betrat Papst Benedikt XVI. die Weltgeschichte. Josef Ratzinger musste sterben, damit Benedikt XVI. der universalen Kirche das Zeugnis seiner persönlichen Antwort auf den Ruf des Herrn geben konnte, seine Lämmer zu weiden. Er wurde zum täglichen Märtyrer der Wahrheit. Der Papst steht nicht nur für Petrus, er ist Petrus. Der mystische Leib Christi würde ohne seinen Liebesdienst im Nichts verrauchen. Die vom Herrn geforderte Aufopferung Ratzingers schenkte der universalen Kirche die neuen Grundfesten, auf denen die sichtbare Ökumene aufbaut. Das Petrusamt des Bischofs von Rom ist allen anderen so vorgeordnet, wie das Sein der universalen Kirche der „Oikouméne“ dem Sein der Teilkirchen vorgeordnet ist. Der Papst ist kein Patriarch, er konzentriert in sich das Wesen der Kirche.

VATICAN-magazin Heft 6/7 2007]