Warum Ehe gelingen kann: Benedikt XVI. begegnet der Jugend von Rom (2)

"Das vom Schöpfer geplante Leben zu zweit" wird dank eines "neuen Herzens" möglich

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ROM, 11. April 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Antwort, die Papst Benedikt XVI. am 6. April während seines Treffens mit den Jugendlichen der Diözese Rom auf die Frage der 19-jährigen Studentin Anna gab. Vor Tausenden römischen Jugendlichen hatte sie den Heiligen Vater danach gefragt, wie Liebe, Ehe und Familie in der heutigen Zeit gelingen können.



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Es handelt sich um eine große Fragestellung, und in wenigen Minuten eine Antwort zu geben, ist sicher nicht möglich. Aber ich werde versuche, etwas dazu zu sagen.

Anna hat schon eine Antwort gegeben, als sie sagte, dass Liebe heute oft falsch interpretiert wird, insofern sie als eine egoistische Erfahrung dargestellt wird, während sie in Wirklichkeit Selbsthingabe ist und auf diese Weise zu einem Sich-Finden wird. Sie hat auch gesagt, dass unser Leben durch eine konsumorientierte, vom Relativismus geprägt Kultur verfälscht wird, da diese uns alles zuzugestehen scheint, uns in Wirklichkeit aber entleert. Hören wir also nun, was das Wort Gottes diesbezüglich sagt.

Anna wollte mit Recht wissen, was das Wort Gottes sagt. Für mich ist es eine große Freude, feststellen zu dürfen, dass wir schon auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift, sofort nach dem Bericht über die Schöpfung des Menschen, die Definition von Liebe und Ehe finden. Der heilige Autor sagt uns: "Der Mann wird Mutter und Vater verlassen, er wird seiner Frau folgen, und beide werden ein einziges Fleisch, eine einzige Existenz sein." Wir stehen am Anfang, und schon wird uns eine Prophezeiung darüber gegeben, was Ehe ist; und diese Definition bleibt auch im Neuen Testament gleich. Ehe heißt, dem anderen in Liebe folgen und so eine einzige Existenz werden, ein Fleisch und deshalb unzertrennlich; eine neue Existenz, die aus dieser einenden Gemeinschaft der Liebe entsteht und dadurch auch Zukunft schafft.

Die Theologen des Mittelalters interpretierten diese Aussage, die sich zu Beginn der Heiligen Schrift findet, damit, dass die Ehe unter den sieben Sakramenten das erste ist, das Gott einrichten wollte, insofern es schon im Moment der Schöpfung, im Paradies, am Anfang der Geschichte und noch vor jeder menschlichen Geschichte eingerichtet worden ist. Es handelt sich um ein Sakrament des Schöpfers des Universums, das also in die menschliche Natur eingeschrieben ist. Der Mensch ist somit auf diesen Weg hin ausgerichtet, auf dem der Mann die Eltern verlässt, um mit seiner Frau eins zu werden, ein Fleisch, auf dass die beiden eine einzige Existenz werden.

Das Sakrament der Ehe ist also keine Erfindung der Kirche. Es ist zusammen mit dem Menschen als solchem wirklich "mitgeschaffen", als Frucht jener Dynamik der Liebe, in der der Mann und die Frau einander und dadurch auch den Schöpfer finden, der sie zur Liebe berufen hat.

Es ist wahr, dass der Mensch abgefallen und aus dem Paradies vertrieben wurde; oder mit anderen, moderneren Worten gesagt: Es ist wahr, dass alle Kulturen durch die Sünden und Fehler des Menschen im Lauf der Geschichte verunreinigt worden sind und noch werden, wodurch der ursprüngliche Plan Gottes, der in unsere Natur eingeschrieben ist, verdunkelt wird. Tatsächlich finden wir in den menschlichen Kulturen diese Verdunkelung des ursprünglichen Planes Gottes. Wenn wir aber die Kulturen und die ganze Kulturgeschichte des Menschen betrachten, stellen wird zugleich fest, dass der Mensch diesen Plan, der in der Tiefe seines Seins verwurzelt ist, nie gänzlich vergessen konnte. In einem gewissen Sinn hat er immer gewusst, dass die anderen Formen der Beziehung zwischen Mann und Frau nicht wirklich dem ursprünglichen Plan für seine Natur entsprechen. Und so entdecken wir in den Kulturen – vor allem in den großen Kulturen – immer wieder, wie sie sich auf diese Wirklichkeit, die Monogamie, ausrichten: das Einssein von Mann und Frau im Fleisch. Auf diese Weise kann durch die Treue eine neue Generation entstehen und eine kulturelle Tradition fortbestehen – indem sie sich erneuert und in der Kontinuität einen authentischen Fortschritt verwirklicht.

Der Herr, der mit der Zunge der Propheten Israels gesprochen hat und dabei das Zugeständnis der Scheidung durch Moses andeutete, sagte: Moses hat sie euch "aufgrund der Härte eures Herzens" zugestanden. Das Herz des Menschen ist nach der Sünde "hart" geworden. Aber das entsprach nicht dem Plan des Schöpfers, und die Propheten haben mit wachsender Klarheit auf diesem ursprünglichen Plan hingewiesen.

Um den Menschen zu erneuern, hat der Herr in Anspielung an die Propheten, die Israel immer wieder eindeutig zur Monogamie hingeführt haben, mit Ezechiel anerkannt, dass wir ein neues Herz brauchen, um diese Berufung zu leben: Statt ein Herz aus Stein, so Ezechiel, brauchen wir ein Herz aus Fleisch, ein wahrhaft menschliches Herz. Und in der Taufe "pflanzt" der Herr dieses neue Herz durch den Glauben in uns "ein".

Hierbei handelt es sich zwar nicht um eine physische Transplantation, aber vielleicht können wir uns gerade dieses Vergleichs bedienen: Nach der Herztransplantation ist es notwendig, dass der Organismus behandelt wird, dass er die notwendigen Heilmittel verabreicht bekommt, um mit dem neuen Herz leben zu können, so dass es "sein Herz" ist und nicht "das Herz eines anderen". Umso mehr bedarf es für diese "geistliche Transplantation", in der uns der Herr ein neues Herz einpflanzt, eines Herzens, das für den Schöpfer und für die Berufung durch Gott offen ist. Um mit diesem neuen Herz leben zu können, ist eine angemessene Behandlung nötig; man muss auf die angemessenen Heilmittel zurückgreifen, damit es wirklich "unser Herz" wird.

Wenn wir in der Gemeinschaft mit Christus und seiner Kirche leben, wird das neue Herz wirklich "unser Herz" und die Ehe wird möglich. Die ausschließliche Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, das vom Schöpfer geplante Leben zu zweit, wird möglich, auch wenn dies das Klima unserer Welt so erschwert, dass dies fast unmöglich scheint.

Der Herr schenkt uns ein neues Herz, und wir müssen mit diesem neuen Herz leben. Dabei müssen wir die entsprechenden Therapien in Anspruch nehmen, damit es wirklich "unser Herz" ist. Auf diese Weise leben wir, wie es der Schöpfer uns zugedacht hat, und so entsteht ein wirklich glückliches Leben. Wir können das trotz der vielen anderen Lebensmodelle auch in dieser Welt sehen: Es gibt viele christliche Familien, die das Leben und die vom Schöpfer bezeugte Liebe treu und freudig leben – und so wächst eine neue Menschheit.

Und schließlich würde ich hinzufügen: Wir alle wissen, dass Disziplin und Verzicht notwendig sind, um ein sportliches oder berufliches Ziel zu erreichen. Dann aber wird all das vom Erfolg, vom Erreichen des gewünschten Ziels gekrönt. So erfordert auch das Leben selbst, also das Menschwerden nach dem Plan Jesu, Verzichte. Diese Verzichte sind aber nicht etwas Negatives, im Gegenteil: Sie helfen uns, als Menschen mit einem neuen Herzen leben und ein wahrhaft menschliches und glückliches Leben führen zu können. Da es eine konsumorientierte Kultur gibt, die uns daran hindern will, so zu leben, wie es dem Plan des Schöpfers entspricht, müssen wir den Mut haben, Inseln, Oasen, und dann große Landstriche katholischer Kultur zu schaffen, in denen der Plan des Schöpfers gelebt wird.

[ZENIT-Übersetzung; © Copyright 2006 des italienischen Originals – Libreria Editrice Vaticana]