Warum gibt es so viele gewalttätige Übergriffe gegen die Christen?

Interview mit dem Direktor von "Kirche in Not" in den Niederlanden

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HERZOGENBUSCH, 12. Oktober 2005 (ZENIT.org).- Orban de Lengyelflva, Direktor der holländischen Niederlassung der internationalen katholischen Hilfsorganisation "Kirche in Not", ist Kirchenhistoriker und Autor der beiden von "Kirche in Not" herausgegebenen Bücher "Violence Against Christians: Backgrounds, Analysis and Facts" ("Gewalttätige Übergriffe gegen Christen: Hintergründe, Analysen und Tatsachen") und "Violence Against Christians in the Year 2004" ("Gewalttätige Übergriffe gegen Christen im Jahr 2004").



Im folgenden Interview mit ZENIT erklärt der gebürtige Ungar unter anderem, dass Protestanten häufiger verfolgt würden als Katholiken, weil erstere mutiger das Evangelium verkündeten.

ZENIT: Nehmen die Gewalttätigkeiten gegen die Christen weltweit zu?

De Lengyelflva: Ja, es gibt heute mehr Gewalt, und das hat mit den Entwicklungen in der Welt und mit dem Wachstum des moslemischen Fundamentalismus zu tun.

In den vergangenen Jahren hat man immer öfter über fundamentalistische Gruppierungen gesprochen, von denen die Christen angegriffen werden. Jetzt gibt es da allerdings eine geographische Veränderung der Situation. Während vor einigen Jahren die Situation der Christen vor allem in Indonesien sehr schlecht gewesen ist, lebten die Christen im Irak in großem Frieden. Heute ist es in Indonesien ein wenig ruhiger, aber im Irak gibt es zahlreiche Probleme.

Für das Ansteigen der Gewalttaten spielen natürlich auch die internationalen Beziehungen eine bedeutende Rolle: die Beziehungen zwischen den USA und den Staaten des mittleren Ostens, die Lage der Palästinenser, die Beziehung zwischen den Muslimen und den Nichtmuslimen. Da ist oft kein Platz für vernünftiges Denken. Wir im Westen versuchen, zwischen dem Islamismus, der fundamentalistischen und politischen Form des Islam, und dem Islam an sich zu unterscheiden. Für den orthodoxen Islam ist dagegen die westliche Welt gleichsam der Teufel.

Meiner Meinung nach hat die Gewalt allerdings nichts mit einer Kontroverse zwischen dem Islam und dem Christentum zu tun, zwischen dem Islam und der westlichen Welt. Islamisten missbrauchen den Islam für politische Zwecke und um mehr Macht zu haben. Ich glaube, das alles ist das Ergebnis einer Identitätskrise innerhalb des Islam. In den letzten Jahren ist der Fundamentalismus auch unter Hindus und Buddhisten größer geworden. Auch in diesem Fall ist die Politik wichtiger als die Religion.

ZENIT: Unterscheiden die Gruppierungen, die sich gegen die Christen stellen, zwischen Katholiken und Christen anderer Konfessionen?

De Lengyelflva: Nein, Fundamentalisten unterscheiden nicht zwischen Katholiken und Nichtkatholiken, sondern gehen generell gegen die Christen vor. Es gibt aber einen großen Unterschied, wenn man auf die Opfer dieser Übergriffe blickt: Es gibt weit mehr protestantische als katholische Opfer. Das hat alles mit der Weise zu tun, wie Christen ihr Christentum leben.

Wie Sie wohl wissen, haben Katholiken zwar einen tiefen Glauben, aber sie verkünden das Evangelium nicht so engagiert in der Öffentlichkeit wie protestantische Christen. Eine der Konsequenzen ist, dass protestantische Christen bekannter sind und deshalb auch häufiger angegriffen werden.

ZENIT: Warum werden Christen heute noch verfolgt?

De Lengyelflva: Das ist eine schwierige Frage, auf die es viele mögliche Antworten gibt. Ich habe viele Länder selbst gesehen, in denen heute Christen verfolgt werden, und ich bin immer mehr davon überzeugt, dass Christus Recht hatte, als er sagte: Sie werden euch genauso verfolgen wie mich. Aber was er danach sagt, ist noch richtiger und von viel größerer Bedeutung: "Habt in solchen Situationen keine Angst, Ich bin bei euch." Ich bin zwar kein Theologe, aber es ist doch eine sehr interessante theologische Frage. Historisch gesehen gibt es allerdings keinen Zweifel an den Verfolgungen, 2.000 Jahre Christentum haben es bewiesen.

Immer geht es um größere Macht: Warum verfolgen die kommunistischen Regime die Kirchen? Weil sie gefährlich waren für die kommunistische Idee, für die Herrschaft der kommunistischen Vorstellungen und Vorschriften. Für die Feinde des Christentums sind die Christen ein gewaltiger Gegner, eine Mauer von mehr als eine Milliarde Menschen.

Ich habe Angst davor, dass die Verfolgungen auch mit der Säkularisierung eines großen Teils der Christenheit zu tun haben könnte. Gebräuche und Werte ändernd sich und verschwinden sogar. Eine säkularisierte Welt ist eine Gefahr für die orthodoxe Welt der Muslime, Buddhisten und Hindi.

In meinem Buch habe ich geschrieben, dass jedes Jahr 140.000 Christen ermordet werden. Selbstverständlich gibt es keine Namenslisten, sondern es handelt sich um eine statistische Tatsache. Christen werden auch bestraft, gequält, eingesperrt und beraubt und vieles mehr.

ZENIT: Warum interessieren Sie sich persönlich so für diese Thematik?

De Lengyelflva: Das hängt mit mehreren Dingen zusammen. Für einige Jahre, es waren ungefähr acht, wurden meine Eltern und ich wegen unserer Religion und unserer Abstammung verfolgt.

Ich bin ein Kirchenhistoriker, der sich auf die Kirchenverfolgung in den kommunistischen Ländern spezialisiert hat. Ich habe viel über die Verfolgung der unterschiedlichen Gruppen in der ganzen Welt gelesen, fand aber nie etwas nie aber über die Verfolgung der Christen. Und dich wollte einfach mehr über die Stellung der Christen in der Welt herausfinden.

Die katholische Kirche äußerte sich zu den Märtyrern, nicht aber zu jenen Christen, die nicht aus freiem Willen heraus, aber dennoch gerade deshalb sterben mussten, weil sie Christen waren. Es gibt einen Unterschied zwischen den Märtyrern und den 140.000 Christen, die jedes Jahr sterben.