Warum ging Jesus nach der Taufe eigentlich in die Wüste?

Predigt von Pater Cantalamessa zur Fastenzeit

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 486 klicks

Heute vormittag hielt Pater Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, im Vatikan die erste traditionelle Fastenpredigt für die Kurie.

In seiner Predigt befasste sich Pater Cantalamessa mit folgendem Thema: „Die Fastenzeit beginnt jedes Jahr mit der Geschichte Jesu, der sich für vierzig Tage in die Wüste zurückzieht. In dieser ersten Meditation wollen wir versuchen zu verstehen, was Jesus in dieser Zeit getan hat, welche Themen in diese Erzählung des Evangeliums einfließen, und wie wir sie in unserem Leben anwenden können.“

Pater Cantalamessa begann mit dem Thema „Wüste“. Nach seiner Taufe ziehe sich Jesus einer Eingabe des Heiligen Geistes folgend in die Wüste zurück. Dem Beispiel Jesu seien im Laufe der Geschichte viele Männer und Frauen gefolgt. „Doch die Einladung, Jesus in die Wüste zu folgen, ergeht nicht nur an Mönche und Einsiedler. In anderer Form richtet sie sich an alle. Die Mönche und Einsiedler haben sich eine räumliche Wüste ausgesucht; wir müssen zumindest versuchen, uns eine zeitliche Wüste zu schaffen.“

Die Fastenzeit sei mit einer kleinen Wüstenzeit vergleichbar. Der hl. Augustinus habe gefordert: „Kehre ins Herz zurück: Siehe dort, was du etwa von Gott begreifen kannst, denn dort ist das Bild Gottes; im Inneren des Menschen wohnt Christus!“ Doch es stelle sich die Frage: „Doch was ist das Herz; was stellt es dar, dieses Herz, von dem in der Bibel und in der menschlichen Alltagssprache so oft die Rede ist?Außerhalb der Domäne der menschlichen Anatomie, für die das Herz nichts weiter als eines unserer Organe ist, wenn auch ein lebenswichtiges, ist das Herz der tiefste metaphysische Ort eines Menschen; es ist das Innere eines jeden Menschen; der Ort, an dem jeder sich als Person erlebt, das heißt, sich seines Daseins und seiner Beziehung zu Gott, unserem Ursprung und unserem Ziel, sowie zu den anderen Menschen und zur gesamten Schöpfung bewusst wird.“

Pater Cantalamessa schlußfolgerte: „Das Herz eines Menschen ist also ein geistiger Ort, an dem wir uns selbst in unserem tiefsten Wesen erkennen können, ohne Schleier und ohne den Nebensächlichkeiten Aufmerksamkeit widmen zu müssen. Das Urteil über einen Menschen liegt in seinem Herzen begründet; in dem, was er in sich trägt und was die Quelle seiner Güte oder Bosheit ist. Wer das Herz eines Menschen kennt, ist in das innerste Heiligtum seiner Person eingedrungen und hat erkannt, wer dieser Mensch wirklich ist und was er wert ist. Ins Herz zurückkehren bedeutet also eine Rückkehr zu unseren persönlichsten und innersten Dingen.“

Der Mensch jedoch habe Schwierigkeiten zu seiner Innerlichkeit zu finden, da er in permanentem Austausch mit der Außenwelt stehe und oft der Schein wichtiger werde als das Sein. Enge mit der Innerlichkeit verbunden sei die Authentizität. „Doch was ist Authentizität für uns Christen? Wann ist ein Mensch wirklich er selbst? Nur, wenn er Gott zum Maßstab nimmt. … Eine Rückkehr zur Innerlichkeit ist vor allem für die Menschen unabdingbar, die ihr Leben dem Dienst für Gott geweiht haben. In einer Ansprache für die Oberen eines religiösen Ordens sagte Paul VI.: 'Heute sind wir in einer Welt, die von einem Fieber befallen scheint, das sogar in die Klöster und bis in die Einsamkeit einsickert. Lärm und Trubel haben nahezu alles befallen. Die Menschen sind nicht mehr fähig, sich zu sammeln. Von tausend Dingen abgelenkt, verschwenden sie ihre Kräfte, indem sie den verschiedenen Formen der modernen Kultur nachjagen. Zeitungen, Illustrierte und Bücher überschwemmen die Geborgenheit unserer Wohnungen und unserer Herzen. Es ist heute schwerer geworden als früher, jene Stille zu finden, in der es der Seele gelingt, ganz von Gott erfüllt zu sein.“

Doch lasst uns einmal sehen, wie wir die Gewohnheit zum inneren Erleben wiederfinden und bewahren können. Mose zum Beispiel war ein sehr beschäftigter Mann. Doch lesen wir, dass er ein tragbares Zelt besaß, das er bei jeder Etappe des Exodus in einiger Entfernung vom Lager aufschlug und wohin er regelmäßig hinausging, um sich mit dem Herrn zu beraten. Dort redeten der Herr und Mose 'miteinander Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden.' ' (Ex 33,11).“

Den zweiten Punkt seiner Predigt widmete Pater Cantalamessa dem Thema „Fasten“. „Was bedeutet es für uns heute, dieses Fasten Jesu nachzuahmen?“ Während man früher unter Fasten vor allem die Enthaltsamkeit beim Essen und Trinken verstanden habe, gibt es heute auch eine andere Form, die „Mäßigung“.“Sie besteht im Verzicht auf die kleinen und großen Bequemlichkeiten, die überflüssig und manchmal auch schädlich für unsere Gesundheit sind. Diese Art zu Fasten ist ein Akt der Solidarität mit den Vielen, die arm sind. … Ein solches Fasten ist auch ein Protest gegen die Konsum-Mentalität. In einer Welt, die die Suche nach Überfluss zum Ziel ihres Schaffens gemacht hat, ist es sinnvoller, auf etwas zu verzichten, nicht immer den bequemsten Weg zu gehen und die einfachste Lösung zu wählen, nicht immer den Luxus zu suchen; in anderen Worten: gemäßigter zu leben, als sich künstliche Bußen aufzuerlegen.“

Eine weitere Form des Fastens bestehe darin den Bilderfluss, der täglich auf uns einströme, einzudämmen. „Wenn wir den Bilderfluss nicht eindämmen und filtern, wird unsere Phantasie und unsere Seele in kurzer Zeit zu einer Müllhalde verkommen. Die schlechten Bilder, die wir aufnehmen, sterben in uns nicht sofort ab; sie gären. Sie verwandeln sich in Nachahmungswünsche und beeinflussen auf furchtbare Weise unsere Entscheidungsfreiheit.“

Auch der Verzicht auf Schimpfworte stelle eine Form des Fastens dar. „Böse Worte sind nicht nur die Schimpfwörter, sondern auch alle schneidenden, negativen Äußerungen, die systematisch versuchen, die Schwächen unserer Mitmenschen bloßzustellen, sowie alles, was Streit und Verdacht erweckt.“

Im dritten Punkt seiner Predigt setzte sich Pater Cantalamessa mit den Versuchungen Satans auseinander. „Zunächst eine Frage: Gibt es den Teufel wirklich? … Der wichtigste Beweis für die Existenz des Teufels in den Evangelien liegt nicht in den zahlreichen Geschichten von Besessenen, die befreit werden, denn hier könnte eine falsche, dem Wissen der Zeit angepasste Interpretation irgendwelcher Krankheiten vorliegen. Die Versuchung Jesu in der Wüste; das ist der Beweis! Einen weiteren Beweis liefern die zahlreichen Heiligen, die im Laufe ihres Lebens mit dem Fürsten der Finsternis gekämpft haben.“

Pater Cantalamessa erklärte zum Zweifel vieler Menschen an der Existenz des Teufels: „Wenn so viele Menschen den Glauben an den Teufel für absurd halten, dann deshalb, weil sie ihre Vorstellungswelt aus Büchern schöpfen, ihr Leben in Bibliotheken oder am Schreibtisch zubringen, während den Teufel Bücher nicht interessieren; ihn interessieren Menschen, und ganz besonders die Heiligen. … Solche Menschen behandeln dieses Thema oft mit großer Selbstsicherheit und Überlegenheit, indem sie alles als 'mittelalterlichen AberglaubenÄ abtun. … Es ist völlig normal und konsequent, dass jene Menschen nicht an den Teufel glauben, die auch nicht an Gott glauben.“

Für den christlichen Glauben gelte: „Jesus ist der einzige Herr; Satan ist nur ein verdorbenes Geschöpf. Wenn ihm Macht über die Menschen gegeben wird, dann nur deshalb, damit die Menschen die Möglichkeit bekommen, frei ihre Wahl zu treffen, auf welcher Seite sie stehen wollen … .“

Die Evangelien berichteten von drei Versuchungen, die Jesus von seiner Mission abbringen sollten. „Auch heute zielen alle Bemühungen des Teufels darauf ab, den Menschen vom Ziel abzubringen, das der Grund seines irdischen Daseins ist: Gott kennenzulernen, ihn zu lieben und ihm in diesem Leben zu dienen, um ihn dann im ewigen Leben schauen zu können.“ Das Gefährlich sei, dass der Teufel Götzen schaffe, denen der Mensch zum Opfer falle.

Zum Schluß warf Pater Cantalamessa die Frage auf: „Warum ging Jesus nach seiner Taufe eigentlich in die Wüste? Um sich von Satan versuchen zu lassen? Nein; das kam ihm gar nicht in den Sinn. Niemand begibt sich mit Absicht in Versuchung, und Jesus selbst hat uns gelehrt, dafür zu beten, dass wir nicht in Versuchung geführt werden. Die Versuchung Jesu war eine Initiative des Teufels, die vom Vater erlaubt wurde, zur Ehre seines Sohnes und als Lehre für uns alle. Ging er in die Wüste, um zu fasten? Auch, aber das war nicht der Hauptgrund. Er ging, um zu beten! Immer, wenn Jesus sich in einsame Orte zurückzog, tat er es, um mit dem Vater zu sprechen. Er ging, um seinen Willen als Mensch mit dem göttlichen Willen gleichzuschalten, um sich Klarheit über die Mission zu verschaffen, die die Stimme des Vaters ihm bei der Taufe hatte erahnen lassen: die Mission des gehorsamen Dieners, der berufen ist, die Welt durch sein Leiden und seine Demütigung zu erlösen. Kurz, er ging zum Beten in die Wüste, um mit seinem Vater allein zu sein. Das ist auch der Hauptsinn unserer Fastenzeit. … Man geht nicht nur deshalb in die Wüste, um sich selbst wiederzufinden und mit seinem innersten Ich in Beziehung zu treten, wie es in manchen nichtchristlichen Meditationsformen der Fall ist. Mit sich selbst allein zu sein kann bedeuten, sich in sehr schlechter Gesellschaft wiederzufinden. Der Gläubige geht in die Wüste, steigt in sein eigenes Herz hinab, um seinen Kontakt zu Gott wieder aufzunehmen, weil er weiß, dass im Inneren des Menschen die Wahrheit wohnt. … Wenn wir Kirchenmänner und Kirchenfrauen doch erkennen könnten, wie nah das Glück und der Friede, den wir in dieser Welt suchen, in Wirklichkeit sind! Jesus wartet in der Wüste auf uns: Lassen wir ihn in dieser Zeit nicht allein!“