Warum Liturgie? Was bedeutet Liturgie? Kommentare zum KKK Nr. 1066-1070

Rubrik liturgische Theologie, herausgegeben von Don Mauro Gagliardi

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Von Juan José Silvestre*

ROM, 11. Januar 2012 (ZENIT.org). - Im Katechismus der Katholischen Kirche folgt auf das Glaubensbekenntnis, das im ersten Teil dargelegt wird, die Erklärung des sakramentalen Lebens, in dem Christus gegenwärtig ist, wirkt und fortwährend seine Kirche aufbaut. Würde in der Liturgie nicht die Gestalt Christi herausstechen, der deren Anfang und wirklich anwesend ist, um ihr Gültigkeit zu verleihen, hätten wir in der Tat keine christliche Liturgie mehr, die ganz und gar vom Herrn abhängt und durch seine Gegenwart gestützt wird.

So besteht zwischen Glaube und Liturgie eine innere Beziehung, beide sind eng miteinander verknüpft. Ohne die Liturgie und ohne die Sakramente hätte das Glaubensbekenntnis im Grunde keine Wirkkraft, denn es würde ihm die Gnade fehlen, die das Zeugnis der Christen unterstützt. „Andererseits kann die liturgische Handlung niemals allgemein betrachtet werden, unabhängig vom Glaubensgeheimnis. Die Quelle unseres Glaubens und der eucharistischen Liturgie ist ja ein und dasselbe Ereignis: die Selbsthingabe Christi im Pascha-Mysterium" (Benedikt XVI., Sacramentum caritatis, 34).

Wenn wir den zweiten Teil des Katechismus öffnen, lesen wir, dass das Wort „Liturgie" ursprünglich „Dienst des Volkes und für das Volk“ bedeutet. In der christlichen Überlieferung bedeutet es, dass das Volk Gottes teilnimmt am „Werk Gottes" (KKK, 1069).

Worin besteht das Werk Gottes, an dem wir teilnehmen? Der Katechismus gibt darauf eine eindeutige Antwort und ermöglicht uns, die enge Verknüpfung zwischen Glaube und Liturgie zu erkennen: „Im Symbolum bekennt die Kirche das Mysterium der Heiligsten Dreifaltigkeit und deren ‚gnädigen Ratschluß’ (Eph 1,9) für die ganze Schöpfung: Der Vater erfüllt das ‚Geheimnis seines Willens’, indem er zum Heil der Welt und zur Ehre seines Namens seinen geliebten Sohn und seinen Heiligen Geist schenkt.“(KKK, 1066).

„Dieses Werk der menschlichen Erlösung und der vollkommenen Verherrlichung Gottes, dessen Vorspiel die göttlichen Großtaten am Volk des Alten Bundes waren, hat Christus, der Herr, erfüllt, besonders durch das Pascha-Mysterium seines Leidens, seiner Auferstehung von den Toten und seiner glorreichen Himmelfahrt (KKK, 1067). Dies ist das Mysterium Christi, das die Kirche „in ihrer Liturgie verkündet und feiert, damit die Gläubigen daraus leben und es in der Welt bezeugen“ (KKK, 1068).

In der Liturgie „vollzieht sich das Werk unserer Erlösung" (Zweites Vatikanisches Konzil, Sacrosanctum Concilium, 2). Wie Christus vom Vater gesandt ist, so hat er selbst die Apostel gesandt, um die Erlösung zu verkünden und um „das von ihnen verkündete Heilswerk zu vollziehen durch Opfer und Sakrament, um die das ganze liturgische Leben kreist“ (ebd., 6).

In diesem Sinne erkennen wir, dass der Katechismus das Werk Christi im Pascha-Mysterium bündelt, das dessen wesentlicher Kern ist. Und die Verknüpfung mit der Liturgie wird offensichtlich, denn „durch die Liturgie setzt Christus, unser Erlöser und Hoherpriester, in seiner Kirche, mit ihr und durch sie das Werk unserer Erlösung fort" (KKK, 1069). So ist dieses „Werk Jesu Christi" die vollkommene Verherrlichung Gottes und die Heiligung der Menschen, und somit die wahre Botschaft der Liturgie.

Dies ist ein wichtiger Punkt, denn, obwohl der theologisch-liturgische Ausdruck und Inhalt des Pascha-Mysteriums das theologische Studium und die liturgische Feier inspirieren müssten, ist dem nicht immer so. In der Tat „hängen die meisten Probleme hinsichtlich der konkreten Anwendung einer Liturgiereform mit der Tatsache zusammen, dass man bisher nicht ausreichend bedacht hat, dass das Osterfest der Ausgangspunkt des Konzils ist [...]. Und Ostern bedeutet Untrennbarkeit von Kreuz und Auferstehung [...]. Das Kreuz steht im Mittelpunkt der christlichen Liturgie, in all ihrem Gewicht: Ein banaler Optimismus, der das Leid und die Ungerechtigkeit in der Welt leugnet und das Christsein auf eine gute Erziehung reduziert, hat nichts mit der Liturgie des Kreuzes zu tun. Die Erlösung hat Gott mit dem Leiden und dem Tod seines Sohnes bezahlt. Daher kann sein „exercitium", das gemäß des Textes des Konzils die Liturgie darstellt, nicht stattfinden ohne die Reinigung und Reifung, die sich aus der Kreuzesnachfolge ergeben" (J.Ratzinger/Benedikt XVI., Teologia della Liturgia, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 2010, S. 775-776) [dt. Ausgabe: J. Ratzinger/Benedikt XVI., Theologie der Liturgie, Herder Verlag, Freiburg 2010].

Diese Ausdrucksweise prallt mit jener Mentalität zusammen, die unfähig ist, die Möglichkeit zu akzeptieren, dass in dieser Welt ein wahres göttliches Eingreifen zugunsten der Menschen existiert. „Die Annahme eines erlösenden Eingreifens Gottes, das eine Veränderung dieser Situation der Entfremdung und der Sünde bewirken soll, wird von den Vertretern der deistischen Sicht als integralistisch betrachtet; dasselbe Urteil wird über ein sakramentales Zeichen abgegeben, das das erlösende Opfer gegenwärtig macht. Akzeptabler wäre in ihren Augen die Feier eines Zeichens, das von einer Art Gemeinschaftsgefühl zeugt. Der Kult kann aber nicht unserer Phantasie entspringen; es wäre ein Ruf ins Dunkle hinein oder bloße Selbstbestätigung. Die wahre Liturgie setzt voraus, dass Gott antwortet und uns zeigt, wie wir ihn anbeten können. ‚Die Kirche kann das Mysterium des in der Eucharistie gegenwärtigen Christus eben deshalb feiern und anbeten, weil zuerst Christus selbst sich ihr im Kreuzesopfer geschenkt hat’ (Sacramentum caritatis, 14). Die Kirche lebt von dieser Gegenwart und ihr Seinsgrund besteht darin, diese Gegenwart auf der ganzen Welt zu verbreiten“ (Benedikt XVI., Ansprache vom 15.04.2010).

Das ist das Wunder der Liturgie, die, wie uns der Katechismus lehrt, nicht nur die Feier des Gottesdienstes ist, sondern auch die Verkündigung des Evangeliums und die tätige Nächstenliebe (vgl. KKK, 1070). Gott selbst ist es, der wirkt und wir fühlen uns zu seinem Wirken hingezogen, und werden so in ihm verwandelt.

*Juan José Silvestre ist Dozent für Liturgie an der Päpstlichen Universität „Santa Croce” in Rom und Berater der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung sowie des Amtes für die liturgischen Feiern des Papstes.

[Übersetzung aus dem Spanischen von Sabrina Toto]