"Warum sind unsere Predigten oft so lebensfern, so langweilig, so unattraktiv?"

Kardinal Schönborn über Papst Franszikus, "Evangelii Gaudium", Reformen und Weihnachten

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 391 klicks

Kardinal Christoph Schönborn beantwortete in einem Interview mit den kirchlichen Medien www.erzdiözese-wien.at, Radio Stephansdom und der Kirchenzeitung „Der Sonntag“ Fragen zu Papst Franziskus, „Evangelii Gaudium“, der Reform des Vatikans und dem bevorstehenden Weihnachtsfest.

Zu „Evangelii Gaudium“ erklärte der Kardinal im Interview: „Das Dokument ist als Ganzes gesehen ein ganz erstaunliches Dokument – in seiner Einfachheit, Direktheit, Entschiedenheit.“ Besonders hätten ihn an dem Lehrschreiben die Betonung auf die Freude, die Freude am Evangelium und die Äußerungen des Papstes über die Predigt beeindruckt: „Warum sind unsere Predigten oft so lebensfern, so langweilig, so unattraktiv? Dieses Kapitel sollten alle, die mit Verkündigung zu tun haben, lesen, meditieren und bedenken.“ Auf die Kritik an den Wirtschaftssystemen, die Papst Franziskus geäußert hatte, erwiderte Kardinal Schönborn, dass sie vor Hintergrund der Herkunft von Papst Franziskus verstanden werden müsse. „Seine energischen, ja harschen Worte über manche Wirtschaftsformen mögen uns, die wir die österreichische soziale Marktwirtschaft gewöhnt sind, übertrieben vorkommen. Aber wenn man aus Lateinamerika kommt und Afrika und Asien im Blick hat, dann sind diese Worte aus einem anderen Zusammenhang gesagt und zu verstehen. Wir dürfen uns davon schon auch in Frage stellen lassen.“

Auf die Diözesanrefom angesprochen, antwortete Kardinal Schönborn: „Hier ist ‚Evangelii Gaudium‘ eine große Bestärkung. Sie betont den Grundauftrag der Verkündigung der Frohbotschaft und der Jüngerschaft — wir sind eingeladen, unser Christsein zu erneuern, in der Nachfolge Christi. Wir gehen unseren Weg beherzt, aber ohne Hast — und gehen dabei sehr bewusst von den Erfahrungen und den Möglichkeiten vor Ort aus.“ Ein weiterer wichtiger Punkt sei der interkonfessionelle Dialog, der alle in Wien ansässigen Gemeinden einbeziehe.

Die letzte der Fragen bezog sich auf das bevorstehende Weihnachtsfest. Kardinal Schönborn wurde gebeten, Worte für diejenigen zu finden, die einen lieben Menschen verloren haben und sein Fehlen an den Festtagen besonders merken: „Weihnachten ist eine Zeit, in der das Fehlen von Menschen, die in letzter Zeit gestorben sind, besonders schmerzlich spürbar ist. Das weiß ich auch aus eigener Erfahrung. Aber Weihnachten hat ja auch eine tröstliche Dimension – das Wissen, dass ein Mensch wirklich heimgegangen ist. Unser irdisches Weihnachtsfeiern ist nur eine Station auf einem Weg, der ein Pilgerweg ist. Es tröstet, wenn man glauben darf, dass wir gemeinsam auf das eine Ziel hin unterwegs sind – dass wir nach Hause gehen.“