"Was bedeutet es, die Erde zu bebauen und zu behüten?"

Katechese von Papst Franziskus während der Generalaudienz am 5. Juni

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 689 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf. In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Rede stellte der Papst anlässlich des heutigen „Weltumwelttages“ das Thema „Bebauung und Bewahrung der Schöpfung“ in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen richtete Papst Franziskus besondere Grüße an die anwesenden Gruppen von Gläubigen.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem Apostolischen Segen.

Wir veröffentlichen die Worte von Papst Franziskus in einer eigenen Übersetzung.

***

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Unter anderem zum Anlass des heutigen von den Vereinten Nationen ausgerufenen Weltumwelttages, der einen starken Aufruf gegen die Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln darstellt, möchte ich die heutige Katechese dem mehrmals von mir behandelten Thema der Umwelt widmen.

Die Begriffe Umwelt und Schöpfung lassen mich an das „Buch Genesis“ am Anfang der Bibel denken. Diesem Buch zufolge setzte Gott den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und behüte (vgl. Gen 2,15). Dabei drängen sich mir folgende Fragen auf: Was bedeutet es, die Erde zu bebauen und zu behüten? Bebauen und behüten wir die Erde tatsächlich, oder beuten wir sie aus und vernachlässigen sie? Das Verb „bebauen“ erinnert mich an die Sorge des Landwirtes um seine Erde, damit diese Früchte trage, die es zu verteilen gilt: Wie viel Aufmerksamkeit, Leidenschaft und Hingabe ist darin enthalten! Das Bebauen und Behüten der Schöpfung ist ein Auftrag, den Gott nicht nur am Beginn der Geschichte gestellt hat, sondern der für uns alle gilt. Er ist Teil seines Plans und impliziert, die Welt verantwortungsvoll gedeihen zu lassen, sie in einen Garten, in einen für alle bewohnbaren Ort zu verwandeln. Benedikt XVI. hat mehrmals betont, dass diese uns von Gott, dem Schöpfer, anvertraute Aufgabe ein Erfassen des Rhythmus und der Logik der Schöpfung erfordert. Wir hingegen werden oft vom Hochmut der Herrschaft, des Besitzes, der Manipulation, der Ausbeutung geleitet. Wir „bewahren“ und achten sie nicht, wir sehen sie nicht als unentgeltliches Geschenk, um das wir uns kümmern müssen. Wir sind dabei, die Haltung des Staunens, der Betrachtung, des Hörens auf die Schöpfung zu verlieren. Daher gelingt es uns nicht mehr, das zu erfassen, was Benedikt XVI. als „Rhythmus der Liebesgeschichte Gottes zum Menschen“ bezeichnet. Warum geschieht dies? Es geschieht, weil unser Denken und Leben horizontal verläuft und wir uns von Gott entfernt haben. Wir lesen seine Zeichen nicht mehr.

Das “Bebauen und Behüten” beschränkt sich jedoch nicht auf die Beziehung zwischen uns und der Umwelt, zwischen dem Menschen und der Schöpfung, sondern betrifft auch die menschlichen Beziehungen. Die Päpste sprachen von der „Humanökologie“, die eng mit dem „Umweltschutz“ verbunden ist. Wir durchleben einen Moment der Krise. Dies erkennen wir an der Umwelt, aber vor allem am Menschen. Der Mensch ist in Gefahr: Der Mensch der Gegenwart ist zweifellos in Gefahr. Deshalb die Dringlichkeit einer Humanökologie! Die Gefahr ist schwerwiegend, weil die Ursache des Problems nicht oberflächlich ist, sondern tief liegt. Es handelt sich nicht allein um eine Frage der Wirtschaft, sondern der Ethik und der Anthropologie. Die Kirche hat dies mehrmals betont. Und viele sagen: Ja, das ist schon recht, das ist wahr … aber das System bleibt dasselbe wie bisher, denn was heute herrscht, sind die Mechanismen einer Wirtschaft und eines Finanzwesens, denen die Ethik fehlt. Was heute herrscht, ist nicht der Mensch, sondern das Geld; das Geld herrscht! Gott, unser Vater, hat den Auftrag gegeben, die Erde zu bewahren, aber nicht dem Geld, sondern uns: den Männern und Frauen! Wir haben diesen Auftrag! Stattdessen werden Männer und Frauen den Götzenbildern des Profits und des Konsums geopfert. Das ist die „Kultur des Wegwerfens“. Wenn ein Computer kaputt geht, ist das eine Tragödie, doch die Armut, die Bedürfnisse, die Dramen so vieler Menschen werden letztlich zur Normalität. Wenn in einer Winternacht beispielsweise hier in der Nähe in Via Ottaviano ein Mensch stirbt, so ist das keine Nachricht. Wenn in vielen Teilen der Welt Kinder nichts zu essen haben, ist das keine Nachricht. Es scheint normal zu sein! Das darf nicht sein! Dennoch werden diese Dinge zur Normalität: dass einige Obdachlose auf der Straße erfrieren, ist keine Nachricht. Wenn hingegen die Börsen in einigen Städten um 10 Punkte fallen, ist das eine Tragödie. Ein Mensch, der stirbt, ist keine Nachricht, aber ein Börsenfall von 10 Punkten ist eine Tragödie! So werden Menschen weggeworfen, als seien sie Abfall.

Diese „Kultur des Wegwerfens“ tendiert dazu, zu einer alle ansteckenden allgemeinen Mentalität zu werden. Das menschliche Leben und die Personen werden nicht mehr als zu achtender und zu schützender oberster Wert betrachtet. Dazu kommt es vor allem dann, wenn Armut oder eine Behinderung vorliegen, wenn noch kein Nutzen besteht – wie im Falle des ungeborenen Kindes – oder kein Nutzen mehr besteht – wie im Falle älterer Menschen. Diese Kultur des Wegwerfens hat uns unsensibel für die Verschwendung und die Vernichtung von Lebensmitteln gemacht. Dies ist umso verwerflicher, als in jedem Teil der Welt viele Menschen und Familien bedauerlicherweise an Hunger und Unterernährung leiden. Unsere Großeltern waren früher sehr bedacht darauf, keine Reste von übriggebliebenem Essen wegzuwerfen. Der Konsumismus hat uns an den Überfluss und an die tägliche Verschwendung von Essen gewöhnt. Manchmal sind wir nicht mehr dazu fähig, Lebensmitteln den rechten Wert zuzuschreiben. Dieser übersteigt wirtschaftliche Parameter bei weitem. Erinnern wir uns jedoch stets daran, dass das weggeworfene Essen gleichsam vom Tisch der Armen, der Hungernden, genommen wird! Ich lade alle dazu ein, über das Problem des Verlustes und der Verschwendung des Essens nachzudenken, um nach Mitteln und Wegen zu suchen, die durch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Problem zu Werkzeugen der Solidarität und des Teilens mit den Bedürftigsten werden.

Am Fronleichnamsfest vor wenigen Tagen haben wir die Erzählung vom Wunder der Brotvermehrung von der Speisung der Menge mit fünf Broten und zwei Fischen durch Jesus gelesen. Am Ende des Textes stand folgender entscheidender Satz: „Und alle aßen und wurden satt. Als man die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll“ (Lk 9,17). Jesus bittet dir Jünger darum, nichts verloren gehen zu lassen: nichts zu den Abfällen zu geben! Bedeutsam ist die Tatsache, dass zwölf Körbe übrig bleiben: warum gerade zwölf? Welche Bedeutung hat dies? Zwölf ist die Zahl der Stämme Israels und steht symbolische für das gesamte Volk. Dies sagt uns, dass durch gleiches und solidarisches Teilen des Essens niemandem das Nötigste verwehrt wird. Jede Gemeinschaft kann den Bedürftigen und Ärmsten entgegenkommen. Humanökologie und Umweltschutz gehen zusammen.

Ich wünsche mir, dass wir alle das Bemühen um die Achtung und die Bewahrung der Schöpfung, die Aufmerksamkeit jedem Menschen gegenüber und den Widerstand gegen die Kultur der Verschwendung und des Wegwerfens, um eine Kultur der Solidarität und der Begegnung zu fördern. Danke.