"Was bedeutet es, 'Volk Gottes' zu sein?"

Katechese von Papst Franziskus während der Generalaudienz am 12. Juni

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 549 klicks

Die Generalaudienz von heute Morgen begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf. In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Rede setzte der Papst seine neue, dem Geheimnis der Kirche gewidmete Katechesen-Reihe fort. Im Zentrum seiner Betrachtungen stand dabei das Thema der Kirche als Volk Gottes.

Nach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich der Papst mit besonderen Grüßen an die anwesenden Gruppen von Gläubigen. Anschließend richtete er anlässlich des „Welttages gegen Kinderarbeit“ einen Appell an die internationale Gemeinschaft.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem Apostolischen Segen.

Wir veröffentlichen die Worte von Papst Franziskus in einer eigenen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich kurz bei einem anderen vom 2. Vatikanischen Konzil definierten Begriff der Kirche verweilen, jenem des „Volkes Gottes“ (vgl. Dogmatische Konstitution „Lumen Gentium“, 9; „Katechismus der Katholischen Kirche“, 782). Ich möchte dazu einige Fragen aufwerfen, die jeden persönlich zur Reflexion anregen sollen.

Was bedeutet es, „Volk Gottes“ zu sein? Zunächst heißt es, dass Gott keinem Volk auf besondere Weise gehört; denn er ist es, der uns ruft, uns versammelt und uns einlädt, Teil seines Volkes zu sein. Diese Einladung richtet sich an alle Menschen ohne Unterschied, denn das Erbarmen Gottes „will, dass alle Menschen gerettet werden“ (1 Tim 2,4). Jesus erteilt uns und seinen Aposteln nicht den Auftrag, eine „Elite“ zu bilden, sondern sagt Folgendes: Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern (vgl. Mt 28,19). Der hl. Paulus stellt fest, dass es im Volk Gottes, in der Kirche, „nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie“ gibt, „denn ihr alle seid eins in Christus Jesus“ (Gal 3,38). Ebenso möchte ich an jene, die sich fern von Gott und von der Kirche fühlen, an jene, die ängstlich oder gleichgültig sind, und an jene, die denken, dass sie sich nicht mehr ändern können, folgende Worte richten: Der Herr ruft auch dich dazu auf, Teil seines Volkes zu sein, und er tut dies mit großer Achtung und Liebe! Er lädt uns dazu ein, diesem Volk, dem Volk Gottes, anzugehören.

Wie wird man zu einem Mitglied dieses Volkes? Dies geschieht nicht durch die körperliche Geburt, sondern durch eine neue Geburt. Im Evangelium sagt Jesus zu Nikodemus, dass es notwendig sei, von oben geboren zu werden, durch das Wasser und durch den Geist, um in das Reich Gottes einzutreten (vgl. Joh 3, 3-5). Durch die Taufe werden wir in dieses Volk eingegliedert, durch den Glauben an Christus, das Geschenk Gottes, der genährt und während unseres gesamten Lebens wachsen muss. Stellen wir uns folgende Frage: Wie kann ich den bei meiner Taufe empfangenen Glauben wachsen lassen? Wie kann ich den empfangenen Glauben des Volkes Gottes wachsen lassen?

Betrachten wir nun eine weitere Frage. Was ist das Gesetz des Volkes Gottes? Es ist das Gesetz der Liebe zu Gott und zum Nächsten laut dem neuen Gebot Gottes (vgl. Joh 13,34). Bei dieser Liebe handelt es sich jedoch nicht um sterile Sentimentalität oder um etwas Vages. Vielmehr besteht sie im Erkennen Gottes als den einzigen Herrn des Lebens und zugleich in der Annahme des Nächsten als wahren Bruder, wobei Spaltungen, Rivalitäten, Unverständnis und Egoismus überwunden werden; diese beiden Dinge sind miteinander verbunden. Wie lang ist der uns noch bevorstehende Weg zum konkreten Leben dieses neuen Gesetzes, des Gesetzes des in uns wirkenden Heiligen Geistes, der Barmherzigkeit und der Liebe! Wenn wir aus den Zeitungen oder im Fernsehen von den zahlreichen Kriegen zwischen den Christen erfahren, so fragen wir uns, wie das geschehen kann. Wie kann es innerhalb des Volkes Gottes zu solchen Kriegen kommen! Wie viele Kriege werden innerhalb der Wohnviertel, des Arbeitsplatzes, aus Neid und Eifersucht geführt? Auch innerhalb der Familie gibt es so viele Kriege! Wir müssen den Herrn darum bitten, uns dieses Gesetz der Liebe gut verständlich zu machen. Wie schön ist es, einander als wahre Geschwister zu lieben. Wie schön ist das! Lasst uns heute eines tun. Wir alle verspüren möglicherweise Zuneigung und Abneigung; vielleicht ärgern sich viele von uns über jemanden; so lasst uns Folgendes zum Herrn sagen: Herr, ich ärgere mich über diesen Menschen; bitte für ihn oder sie. Das Gebet für jene, über die wir uns ein wenig ärgern, stellt einen beachtlichen Schritt im Rahmen dieses Gesetzes der Liebe dar. Wollen wir ihn tun? Tun wir den Schritt heute!

Welche Sendung hat dieses Volk? Es soll die Hoffnung und das Heil Gottes in die Welt tragen, ein Zeichen der Liebe Gottes sein, das an alle den Aufruf zur Freundschaft mit ihm richtet, der Sauerteig, der den gesamten Teig aufgehen lässt, das Salz, das Geschmack verleiht und vor dem Verderben bewahrt, ein leuchtendes Licht. Wie bereits erwähnt, genügt es, eine Zeitung aufzuschlagen, um zu Zeugen der lebendigen Präsenz des Bösen und des Teufels in unserer Umgebung zu werden. In diesem Zusammenhang möchte ich aber auch Folgendes laut sagen: Gott ist stärker! Glaubt ihr daran, dass Gott stärker ist? Lasst es uns gemeinsam sagen, sagen wir folgenden Satz gemeinsam: Gott ist stärker! Wisst ihr, aus welchem Grund er stärker ist? Er ist der Herr, der einzige Herr. Dem möchte ich hinzufügen, dass sich die manchmal finstere und vom Bösen gezeichnete Wirkliczhkeit verändern kann, wenn wir als erste das Licht des Evangeliums vor allem mit unserem Leben überbringen. Wenn in einem Stadion wie beispielsweise dem Olympiastadion hier in Rom oder dem San-Lorenzo-Stadion in Buenos Aires in einer finsteren Nacht ein Mensch ein Licht entzündet, so ist es kaum erkennbar. Wenn hingegen alle Lichter von insgesamt 70.000 Zuschauern brennen, wird das Stadion von hellem Licht erleuchtet. Machen wir unser Leben zu einem Licht Christi; tragen wir gemeinsam das Licht des Evangeliums in die gesamte Wirklichkeit.

Welche Bestimmung hat dieses Volk? Seine Bestimmung ist das Reich Gottes, das von Gott selbst auf Erden begonnen wurde, das sich weiter entfalten muss, bis es am Ende der Zeiten von ihm auch vollendet werde, wenn Christus erscheinen wird (vgl. „Lumen gentium“, 9). Die Bestimmung ist somit die vollkommene Einheit mit dem Herrn, die Vertrautheit mit dem Herrn, das Eintreten in sein göttliches Leben, in dem wir die unendliche Freude seiner Liebe, eine vollkommene Freude, erleben werden.

Liebe Brüder und Schwestern, Kirche zu sein, das Volk Gottes nach dem großen Plan der Liebe des Vaters zu sein, bedeutet, in unserer Menschheit als Sauerteig Gottes zu wirken, das Heil Gottes in diese unsere Welt zu tragen und zu verkündigen. Diese ist oft verirrt und benötigt ermutigende und Hoffnung schenkende Antworten, die neue Kraft auf dem Weg geben. Möge die Kirche ein Ort des Erbarmens und der Hoffnung Gottes sein, an dem sich jeder Mensch aufgenommen und geliebt fühlt und Vergebung und Ermutigung zum Leben gemäß des guten Lebens des Evangeliums erfährt. Um dem Nächsten das Gefühl zu vermitteln, aufgenommen und geliebt zu werden und ihn Vergebung und Ermutigung erfahren zu lassen, muss die Kirche ihre Türen offen halten und jeden eintreten lassen. Wir müssen aus diesen Türen austreten, um das Evangelium zu verkündigen.

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Appell an die Internationale Gemeinschaft

Heute wird in der ganzen Welt den Welttag gegen Kinderarbeit begangen, mit besonderem Bezug auf die Ausbeutung von Kindern als Hausangestellte: ein bedauerliches Phänomen, das ständig wächst, vor allem in armen Ländern. Millionen von Kindern, vor allem Mädchen, sind die Opfer dieser versteckten Form der Ausbeutung. Es handelt sich hierbei um eine versteckte Form der Ausbeutung, die oft mit Missbrauch, Misshandlung und Diskriminierung einhergeht. Das ist eine wahre Sklaverei!

Ich hoffe aufrichtig, dass die internationale Gemeinschaft noch mehr wirksamere Maßnahmen aufnehmen wird, um diese wahre Plage zu bekämpfen. Alle Kinder müssen in der Lage sein zu spielen, zu lernen, zu beten und wachsen zu können, in der eigenen Familie, in einer harmonischen Umgebung von Liebe und Unbeschwertheit. Das ist ihr gutes Recht und unsere Pflicht. So viele Menschen, anstatt sie zu spielen zu lassen, machen sie zum Sklaven: Das ist eine Plage. Eine unbeschwerte Kindheit erlaubt es Kindern, mit Zuversicht auf das Leben und die Zukunft zu blicken. Wehe dem, der den fröhlichen Elan der Hoffnung in ihnen erstickt!