Was Benedikt XVI. in der Tschechischen Republik erwartet

KIN-Interview zum Papstbesuch in Prag, Brno (Brünn) und Stara Boleslav (Altbunzlau)

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PRAG/KÖNIGSTEIN, 12. September 2009 (ZENIT.org/KIN).- Vom 26. bis 28. September wird Papst Benedikt XVI. die Tschechische Republik besuchen. Von der Ortskirche wird der Heilige Vater sehnsüchtig erwartet, denn seit der Öffnung des „Eisernen Vorhangs" vor 20 Jahren schwindet der Glaube in unserem Nachbarland stetig. Über seine Erwartungen an den Besuch Papst Benedikts XVI. haben wir mit dem Tschechien-Experten des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not", Peter Rettig, gesprochen.

Herr Rettig, was glauben Sie hat Papst Benedikt XVI. zu seinem Tschechien-Besuch bewogen?

Ein wichtiger Anlass für den Besuch ist sicherlich das Jubiläum „20 Jahre samtene Revolution". Die katholische Kirche schaut mit etwas zwiespältigen Gefühlen auf dieses Ereignis: zum einen sind die Gläubigen zwar vom Joch des Kommunismus befreit worden, aber es hat sich recht bald gezeigt, dass die Menschen nicht so zahlreich wie erhofft in die Kirchen geströmt sind, sondern lieber in die Supermärkte und auf Partys. Der Heilige Vater leidet unter dem vorherrschenden Relativismus in den europäischen Gesellschaften und er kämpft darum, dass Europa seine jüdisch-christliche Seele nicht verliert. Tschechien gehört zu den am meisten säkularisierten Ländern in Europa. Statistiken sagen, dass noch höchstens ein Viertel der Bevölkerung gläubig ist. Ich hoffe, dass der Heilige Vater die Gläubigen sammelt und ihnen die Größe und Schönheit des Glaubens in Erinnerung ruft. Dieses Anliegen hat er schon im Mai bei seiner Begegnung mit dem tschechischen Präsidenten Václav Klaus vorgebracht.

Was wird in Ihren Augen der Höhepunkt der Papstreise sein?


Ein Höhepunkt wird das Treffen mit der Jugend in Stará Boleslav am Montag, dem 28. September, darstellen. Das ist deshalb ein so wunderbares Zeichen, weil diese Stadt mit der barocken Wenzelsbasilika das Nationalheiligtum der Tschechischen Republik beherbergt. Wenn der Papst sich hier am Tag des heiligen Wenzel mit der tschechischen Jugend trifft, wird das ein Zeichen für die Zukunft sein.

Beschreiben Sie kurz die Lage der Kirche in der Tschechischen Republik.


Die katholische Kirche in Tschechien leidet vor allem an einer Gleichgültigkeit der Bevölkerung dem Glauben gegenüber. Eine andere Herausforderung ist die Abwanderung der Jugend. Es gibt Gemeinden auf dem Land, wo sich in wunderschön renovierten Kirchen gerade mal ein paar alte Frauen zum Gottesdienst zusammenfinden. Die Seelsorge verlagert sich auch immer mehr von der Pfarrgemeinde weg und hin zu Wallfahrtsorten und Exerzitienzentren, aber auch hin zur Jugend- und Gefangenenseelsorge. Außerdem kämpft die Kirche immer noch um Wiedergutmachung für die Enteignungen aus Zeiten des Kommunismus. Der Grundlagenvertrag zwischen der Tschechischen Republik und dem Heiligen Stuhl ist unter anderem deswegen noch nicht ratifiziert.

Was erwarten Sie sich persönlich vom Besuch des Heiligen Vaters in Tschechien?


Papst Benedikt XVI. hat seine Visite ausdrücklich als Pastoralbesuch bezeichnet und das sagt schon alles darüber aus, was er mitbringen wird: Der Hirte kommt zu seinen Schafen. Er ist der Hirte, der die manchmal recht einsamen Gläubigen sammeln und ihnen neuen Mut geben kann. Er wird den Katholiken in Tschechien zeigen, dass sie nicht allein sind und dass die Weltkirche bei ihnen ist.

Als der Eiserne Vorhang Europa noch trennte, war es die Hauptaufgabe von „Kirche in Not" den Glauben in Osteuropa zu stärken. Wie ist das heute?


Auch heute noch bildet Osteuropa einen wichtigen Schwerpunkt unserer Arbeit, Tschechien ist hier keine Ausnahme. Der Prager Erzbischof Miloslav Kardinal Vlk betont immer wieder, wie sehr die tschechischen Katholiken ihren westeuropäischen Glaubensgeschwistern für die Unterstützung während der sowjetischen Unterdrückung dankbar sind. Damals konnten wir bei der Ausbildung von Priestern und Katecheten helfen und stellten auch religiöse Schriften bereit. Heute unterstützen wir die tschechische Kirche vor allem bei der Instandhaltung der Kirchengebäude und zahlen jedem Seminaristen eine Beihilfe zu seinem Studium. Leider gibt es in Tschechien relativ wenige Berufungen.

Das Ergebnis ist ähnlich wie bei uns in Deutschland, dass Pfarreien zusammengelegt werden müssen, weil es einfach nicht genug Priester gibt. Das bedeutet für uns, dass wir die Priester in Tschechien auch mit Fahrzeugen unterstützen müssen, damit sie ihre Seelsorge auch in größeren Gebieten leisten können. Nicht zuletzt können wir, dank der großzügigen Unterstützung unserer Spender, viele Mess-Stipendien nach Tschechien weiterleiten - denn die Priester dort erhalten zwar ein Gehalt vom Staat, das aber leider oft nicht ausreicht.

[Das Gespräch führte „Kirche in Not"-Mitarbeiter André Stiefenhofer]