Was bleibt vom Papstbesuch? Mit Bischof Küng und Prälat Georg Ratzinger auf Spurensuche

Von Dominik Hartig

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WIEN, 19. November 2007 (ZENIT.org).- „Ohne Eigeninitiative ist es nicht möglich, Christ zu sein.“ Dieser Tatsache werden sich nach Worten des Sankt Pöltner Diözesanbischofs Klaus Küng immer mehr Christen bewusst – ein verheißungsvolles Zeichen.



Der österreichische Familienbischof ging im Rahmen einer dreitägigen Tagung zur Nachbereitung des Besuchs von Papst Benedikt XVI. in Österreich (vgl. Tag 1, Tag 2, Tag 3 und Rückblick) der Frage nach, was von diesen Tagen bleibe. Außer ihm kamen unter anderem auch der Bruder des Papstes, Prälat Georg Ratzinger, und der Schauspieler Michael König zu Wort, der am Wiener Burgtheater engagiert ist. Die von der Personalprälatur Opus Dei organisierte Tagung fand vom 16. bis zum 18. November im Tagungshaus Hohewand im niederösterreichischen Dreistetten statt.

Gegenüber ZENIT wies der Apostolische Pronotar Georg Ratzinger darauf hin, dass sein Bruder als Papst sicher eine schwere Last zu tragen habe. Aber er wisse: „Ich bin nicht allein“, und fühle sich „getragen von der ganzen Kirche, von allen Mitbrüdern, von allen Gläubigen. Er weiß, dass sehr viele für ihn beten, und er weiß, dass er einen Schutzengel hat und auch den Schutz Gottes, der ihn für diese Aufgabe ausgesucht hat.“

Die größte Hilfe, die man dem Bischof von Rom erweisen kann, bestehe darin, für ihn zu beten. „Und dann vor allem auch darin, dass Sie seine Anregungen und das, was er verkündet, bejahen und in ihrem Umkreis vertreten.“

Auf die Septembertage, die er mit seinem Bruder in Wien, Mariazell und Heiligenkreuz verbracht hatte, blickte der Domkapellmeister in großer Freude zurück: „Vor allem muss ich sagen, dass ich überall mit großer Aufmerksamkeit, mit großer Hilfsbereitschaft behandelt wurde. Ich fühlte mich sehr getragen von hilfreichen Menschen, und fand das Ganze sehr, sehr festlich. Mich hat nicht einmal des schlechte Wetter stören können.“

In seiner ausführlichen Schilderung der Kindheits- und Jugendjahre im Hause Ratzinger hob der 1924 in Pleiskirchen bei Altötting geborene Kirchenmusiker immer wieder die Frömmigkeit hervor, die das Familienleben nachhaltig geprägt hatte. Die „Grundfolie“, unter deren Schutz die große Schwester Maria, er selbst – der drei Jahre jüngere Bruder – und Joseph als der Jüngste aufwuchsen, sei die Grundwahrheit gewesen, die in der ersten Katechismus-Antwort vermittelt wird: „Wozu sind wir auf Erden? Dazu, dass wir Gott ehren und in den Himmel kommen.“

Zur Entscheidung für das Priestertum sei es „spontan“ gekommen, ohne Aufsehen erregende Ereignisse oder Offenbarungen. „Der Boden war bereitet durch ein gutes Familienleben, in dem der Glaube lebendig war.“ Möglicherweise habe er selbst für seinen jüngeren Bruder eine Art Vorbildfunktion gehabt.

Bischof DDr. Klaus Küng betonte in seinem Vortrag, dass weltweit zwei Sammelbewegungen festzustellen sind, die eindeutig bezeugten: „Da ist etwas im Gange.“ Auf der einen Seite gebe es viele Gläubige, die sich von der liebenswürdigen Person und den klaren Worten Benedikts XVI. anziehen ließen, und auf der anderen Seite zahlreiche Fernstehende, „die sich doch auch ihre Gedanken machen“. Darauf gelte es, verstärkt zu achten: „Es sind viele, die noch echte Fragen haben. Es sind viele, die irgendwie hinhören.“

Bei der Wahl Benedikts XVI. im April 2005 standen die Kardinäle nach Worten des Bischofs noch ganz unter dem Eindruck des Sterbens und des Begräbnisses Johannes Pauls II., aber auch unter dem „Programm“, das sein ganzes Leben wie ein roter Faden durchzogen habe: „die Grundwerte mit aller Kraft verkünden, im Widerspruch zu vielen“. Und sie hätten erkannt, dass es notwendig sei, diesen Kurs fortzusetzen, „dass die Wahrheit gesagt wird“. Somit entschieden sie sich unter dem Einfluss des Heiligen Geistes mit Kardinal Joseph Ratzinger eigentlich für Johannes Paul II.

Der jetzige Papst ermutige die Christen in Österreich und weltweit in erster Linie „durch sein Vorbild“, fuhr Bischof Küng fort. Es sei auffallend, wie fröhlich und ruhig er sei, und diese Freude „von der Tiefe her“ stecke an.

„In all seinen Ansprachen, Botschaften und Predigten steht immer der Bezug zu Gott und zum Mensch gewordenen Gott an erster Stelle... Aus ihm ergibt sich alles andere.“ Bischof Küng sah darin die „Grundlage für einen Optimismus, der tatsächlich halten kann“. Die Jesus-Biographie Benedikts XVI. stelle eindrucksvoll den Weg dieses „Optimismus des Glaubens“ dar und erbringe vor allem den Nachweis, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der uns erlöst hat.

„Was bleibt vom Papstbesuch? Eine Ermutigung und natürlich ein riesengroßer Auftrag“, bekräftige der Bischof von Sankt Pölten abschließend. Den Inhalt dieses Auftrags, dem jeder Gläubige verpflichtet sei, habe Benedikt XVI. bei der Entsendung der Pfarrgemeinderäte ganz klar beschrieben (vgl.: Seid Sauerteig des neuen Lebens!).

„Ohne Gott wird es Nacht im Leben des Menschen. Ohne Christus wird es flach und oberflächlich... Jeder, der kann, muss Hand anlegen, beginnend bei sich selbst.“ Auf die Eigeninitiative jedes Christen komme es heute an.

Der Regionalvikar des Opus Dei für Österreich, Msgr. Martin Schlag, hatte zuvor die beiden theologischen Grundlinien Benedikts XVI. dargelegt, nämlich die „Transparenz auf Gott hin“ und Gott als „Zentrum des eigenen Lebens“. Daraus leiten sich nach seinen Ausführungen drei Themenschwerpunkt ab: die Theo- und Christozentrik (der Gott, den Christus uns zeigt), die  individuelle Berufung des Menschen zur Heiligkeit und schließlich seine Berufung als Gemeinschaftswesen, die in der tätigen Nächstenliebe Gestalt annimmt. Diese Themen beherrschten das theologische Werk des Papstes und zielten darauf ab, die Gottvergessenheit zu überwinden, die vor allem auf einen verengten Vernunftbegriff zurückzuführen ist („Ich kann einen Baum nicht in einem kleinen Blumentopf wachsen lassen“).

Die Vernunft werde durch den Glauben gereinigt, „um nicht Aberglaube zu werden“, fuhr Msgr. Schlag fort, der in diesem Zusammenhang die ersten Christen als wahre „Aufklärer“ bezeichnete.

Der Priester legte abschließend allen Teilnehmern die Lektüre der Jesus-Biographie Benedikts XVI. ans Herz. Dieses Buch sei nicht nur ein „Mut- und Muntermacher“, sondern erläutere zudem eine Grundbotschaft, auf die der Heilige Vater immer wieder zurückkomme: „Die Sache mit dem Menschen geht nicht auf ohne Gott.“