Was der Historiker Christopher Dawson an der Moderne kritisiert

Interview mit dem chilenischen Autor und Journalisten Jaime Antúnez

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SANTIAGO DE CHILE, 14. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Wenn die Religion einer Gesellschaft abhanden kommt, verliert diese früher oder später auch ihre Kultur. Dies ist einer der Gedanken Christopher Dawsons, die Jaime Antúnez in seinem Buch über den philosophischen Beitrag des englischen Historikers zur Erforschung der Geschichte herausstellt.



Jaime Antúnez Aldunate, Herausgeber der in Chile erscheinenden kritischen Zeitschrift „Humanitas“, ist der Verfasser des Buches „Filosofía de la historia en Christopher Dawson“ („Geschichtsphilosophie bei Christopher Dawson“). In seinem Werk nennt er Dawson den „besten katholischen Historiker“ des 20. Jahrhunderts. Das Buch ist auf Spanisch bei „Ediciones Encuentro“ erhältlich.

Im folgenden Interview mit ZENIT stellt Antúnez Überlegungen über die Hauptprinzipien an, die Dawsons Denken bestimmen, und über die Anwendung dieser Gedanken auf die moderne Kultur. Dawson lebte von 1899 bis 1970.

ZENIT: In Ihrem Buch legen Sie überzeugend dar, dass der Historiker Dawson auch als Philosoph analysiert und interpretiert werden kann...

Antúnez: Das trifft in der Tat zu. Niemand kann wohl die Tiefe und Originalität einer beträchtlichen Zahl seiner philosophischen Erkenntnisse leugnen, die aus seiner Betrachtung der Geschichte kommen, auch wenn ihnen manchmal eine gewisse Systematik fehlt.

Ich habe mich besonders mit seinen Schriften über die Bedeutung des menschlichen Handelns beschäftigt. Hinzufügen muss ich, dass Dawson auf dem Gebiet der Geschichtsphilosophie ein energischer Verfechter einer, wie er es nennt, „Metageschichte“ ist -- eines Zweiges der Philosophie, den er selbst sozusagen erfunden hat und in dem er ganz eigene Gedanken entwickelt. In diesem Gedankenkomplex sind Geschichte, Theologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Anthropologie, Kunst und Philosophie vereint und ergänzen einander.

In Dawsons Metageschichte ist der Begriff Kultur von besonderer Relevanz. Wie ein roter Faden zieht er sich durch sein gesamtes Werk und befruchtet sein Denken. Er gründet sich auf eine ausgewogene „Gleichung“, der für die Geschichte wesentlicher Faktoren, zu denen alles gehört, von Geographie bis zu spirituellen Elementen.

Diese Gesamtformel hebt das Ungleichgewicht auf, das aus verschiedenen philosophischen „Ismen“ entstanden ist, wie zum Beispiel dem Materialismus, der die Bedeutung der geistigen Sphäre leugnet. In Dawsons Gleichung gibt der geistige Faktor -- die letztgültige, entscheidende Garantie für die menschliche Freiheit -- immer den Ausschlag.

Für ihn wird die Synthese einer Kultur auf der Ebene der Vernünftigkeit erreicht, wobei der höchste Ausdruck der Vernünftigkeit die Verstehbarkeit („intelligibility“) der Religion ist. So macht er besonders geltend, dass das Licht, das die jüdisch-christliche Religion zum Verständnis der Geschichte beiträgt, seine natürliche eigentliche Erfüllung in der Anwesenheit des Göttlichen (in der Geschichte) findet: Gott hat sich zuerst den Menschen geoffenbart und ist später Mensch geworden durch die Inkarnation der zweiten Person der Trinität. Menschwerdung und göttliche Dreifaltigkeit bilden daher den Kern der Metageschichte Dawsons.

ZENIT: Können Sie uns erklären, wie Dawson die Rolle versteht, die das Bewusstsein, das Denken, in Religion und Kultur gespielt hat?


Antúnez: Dawson erläutert, dass, wenn der Mensch das Geheimnis anbetet, das in der Natur zum Ausdruck kommt, oder wenn er auch einfach nur die Natur anbetet, wir uns noch auf der Stufe des Heidentums befinden. Wenn jedoch die Kräfte, die die Natur regieren, die Menschen dazu führen, Gott in der Seele, in der Tiefe des noch dunklen, erst erwachenden Bewusstseins wahrzunehmen, sind bereits die Grundlagen einer religiösen Entwicklung gelegt, wie man an den im Laufe der Geschichte entstandenen Religionen sehen kann.

Derselben gedanklichen Linie folgend, wird die Entstehung der Welt der Kultur aus dem Zusammenwirken von Seele und Vernunft erklärt und in der Erreichung dieser Einheit die historische Rolle der Religion verstanden. Die Weltreligionen sind die Ecksteine der Weltkulturen. Und daher werden die Bögen fallen und das Gebäude wird einstürzen, wenn sie entfernt werden.

Die Religion hat sich, zu diesem Schluss kommt Dawson, über die Jahrhunderte hinweg immer wieder als die stärkste verbindende Kraft der Kultur erwiesen. Und sie ist der Eckstein jeder größeren Zivilisation. So dass gilt: Wenn eine Gesellschaft ihre Religion verliert, verliert sie früher oder später ihre Kultur.

ZENIT: Im Jahr 1945, genau am Ende des Zweiten Weltkrieges, schrieb Dawson, die Grenzen der Kultur und Religion seien gefallen, und zum ersten Mal in der Geschichte sei die ganze physikalische Welt dabei, eine einzige Welt zu werden. Was meinte er damit, gerade in dieser turbulenten Zeit?

Antúnez: Die kulturelle Wirklichkeit, deren Zeuge er war, hatte ihren Ursprung in Europa und war, wenn auch nicht ausschließlich, von der philosophischen Aufklärung inspiriert. Dieselbe materialistische Tendenz herrscht heute, aber nicht so sehr kraft ideologischer Strukturen. Sie herrscht im Westen in wissenschaftlichen Technologien, die die gemeinsame Struktur des menschlichen Daseins und die Basis bilden, auf der die neue, globale, naturwissenschaftliche Zivilisation im Begriff ist geschaffen zu werden.

Die Herausforderung für die Religion, die Dawson erkannte, die besonders für die großen universalen Religionen gilt, ist diese Welt der Naturwissenschaft, diese eine [das heißt] vereinigte Welt, organisiert und kontrolliert durch Wissen und naturwissenschaftliche Techniken. Die Religionen überleben zwar und haben nach wie vor einen Einfluss auf das menschliche Leben. Sie haben jedoch ihre organische Verbindung mit der Gesellschaft verloren; eine Verbindung, die in der traditionellen Synthese von Religion und Kultur zum Ausdruck kam, im Westen ebenso wie im Osten.

Noch nicht im Jahr 1945, sondern vor unseren Augen heute, vollzieht sich die extensivste, umfassendste und intensivste Säkularisation, die die Welt je gesehen hat. Aus dieser, von ihm bereits 1945 in ihren ersten Keimen erkannten Entwicklung schließt Dawson, daß eine Kultur dieser Art in keiner Weise eine Kultur im traditionellen Sinn ist; das heißt, sie ist keine Ordnung, die alle Aspekte des menschlichen Lebens in eine lebendige geistige Gemeinschaft zusammenführt.

ZENIT: Wie hat Dawson das Thema der Philosophie des Fortschritts behandelt, die sich aus dem Programm der Aufklärung ergab?

Antúnez: Im Jahr 1929 befasste sich Dawson in dem Buch „Progress and Religion“ („Fortschritt und Religion“) mit dem ideologischen Aspekt des Fortschrittsbegriffs, den man sich in der modernen Kultur, beginnend vor allem mit der Aufklärung und ihren Auswirkungen, zu Eigen gemacht hatte.

Gleichzeitig und übereinstimmend mit anderen Autoren, die geistesgeschichtliche Analysen dieser Periode schrieben -- wie Nicolas Berdiaev und Jean Guitton --, erkannte Dawson, dass im 18. Jahrhundert, verursacht durch den Einfluss der Philosophen der Aufklärung, eine Art Ersetzung des religiösen Empfindens stattfindet. Der Glaube an einen gütigen und fürsorglichen Schöpfer und die Bewahrung der Hauptgebote der christlichen Ethik, schrieb Dawson, wurden „ihrer übernatürlichen Dimension entkleidet und einem utilitaristischen rationalen Schema zeitgenössischer Philosophie angepasst.“

Auf diese Weise wurde das Sittengesetz seiner asketischen und spirituellen Elemente beraubt und auf eine Stufe mit pragmatischer Philanthropie gestellt. Außerdem wurde die providentielle Ordnung in ein mechanistisches Naturgesetz verwandelt. Das Vehikel dieser Umwandlung war besonders die Fortschrittsideologie. Die Folge war, dass der Glaube an moralische Perfektion und uneingeschränkten Fortschritt der menschlichen Rasse die christliche Vorstellung vom ewigen Leben als endgültigem Ziel menschlichen Bemühens ersetzte.

ZENIT: Sind diese Vorstellungen an uns heutige Menschen weitergegeben worden?


Antúnez: Mehrere Ereignisse während des 19. Jahrhunderts und besonders die katastrophalen Verhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben die Festigkeit des Fortschrittsglaubens tief erschüttert. Die Zeitlosigkeit und die Reichweite des Problems bleiben jedoch bestehen.

Obwohl es stimmt, dass dieser Glaube an den Fortschritt, so wie er von den Philosophen der Aufklärung in ihren Denkkategorien formuliert war, heute nicht akzeptiert würde, so bleibt er dennoch im Hintergrund bestehen und steckt in hohem Ausmaß hinter den Problemen unserer Zeit.

Kardinal Joseph Ratzinger bemerkte in den 1980er Jahren, dass unsere Zeit „auf halbem Weg zwischen chiliastischer Irrationalität und hoffnungsloser positivistischer Rationalität zu finden ist“. Das stimmt ziemlich genau mit Dawsons früher Voraussage überein, die er im Jahr 1927 machte, dass eine neue Kultur im Begriff sei, geboren zu werden. Er schrieb, es werde eine Zeit sein, die keine Hierarchie der Werte anerkennen werde und in der das sich dem Chaos der Gefühle Überlassen es erlauben werde, dass „ die erstaunlichste Perfektion wissenschaftlicher Technologie kurzlebigen, rein ephemeren Zielen gewidmet wird“.

ZENIT: Hatte Dawson, ausgehend von all diesen Erkenntnissen, eine tief sitzende kritische Sicht der Moderne als Kultur, oder sah er auch etwas Versöhnliches in ihr?

Antúnez: Im Licht der Analyse Dawsons ist es der Mensch und seine Stellung im Universum, die sich, als Folge der eben beschriebenen Phänomene, änderten. Auch wenn er in „Progress and Religion“ schreibt, dass die neue Synthese des modernen Menschen hinsichtlich der physikalischen Welt der des 13. Jahrhunderts überlegen ist, so ist sie für ihn als Ganze doch unterlegen. Die Menschen haben nicht nur ihren zentralen Platz im Universum als Bindeglied zwischen der überlegenen Wirklichkeit des Geistes und der niederen Wirklichkeit der Materie verloren, sondern „sie wurden auch der Gefahr ausgesetzt, aus der verstehbaren, mit dem Intellekt erfassbaren Ordnung überhaupt vertrieben zu werden“. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass das Universum als eine geschlossene mechanische Ordnung gedacht wird, regiert von mathematischen Gesetzen, in denen kein Platz für die spirituellen und moralischen Werte ist, die vorher als unbezweifelbare wahre Wirklichkeit galten.

Für Dawson handelt es sich jedoch bei seiner Kritik an der modernen Kultur -- dank der menschlichen Freiheit -- nicht um die Beschreibung eines irreversiblen, vorherbestimmten Prozesses. Wie bei allem, was menschlich ist, hängt seine Fortdauer oder seine Abwendung vom menschlichen Willen ab. Es geht auch nicht notwendigerweise um einen Rückschritt beim wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt. Im Gegenteil! Da sie als positive Früchte der Zivilisation zu betrachten sind, in der sie ans Licht -- das christliche Licht -- kamen, gehören sie zu den vielen anderen Elementen, die wieder in ein Bestreben und Forschen integriert werden müssen, das zum Ziel hat, wieder eine geistige Einheit der Kultur herbeizuführen.

[Das Interviewte führte Jesús Colina; deutsche Übersetzung von Christine und Gerhard Gutberlet]