Was die Beziehungen des Menschen gelingen lässt, ist Gott und das Bewusstsein für die eigene "Geschöpflichkeit"

Begegnung Benedikts XVI. mit dem römischen Klerus

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ROM, 9. März 2006 (Zenit.org).- In seiner Ansprache an den Klerus der Diözese Rom analysierte Papst Benedikt XVI. zu Beginn der Fastenzeit die Zerbrechlichkeit der menschlichen Beziehungen und erklärte, dass es die göttliche Gegenwart und das damit verbundene Wissen um die eigene Geschöpflichkeit sind, die die Menschen miteinander verbinden und sie aus der Einsamkeit und der Schnelllebigkeit unserer Tage herausführen.



Inseln des Denkens

"Es ist interessant, dass diese Jugend, die in den Diskotheken danach sucht, sich sehr nahe zu sein, in Wirklichkeit an einer großen Einsamkeit und natürlich auch an mangelndem Verstehen leidet", sagte der Heilige Vater am 2. März. "Dies scheint mir in einem gewissen Sinn Ausdruck für die Tatsache zu sein, dass die Väter zum großen Teil bei der Formung der Familie abwesend sind. Aber auch die Mütter müssen außer Haus arbeiten. Ihre Gemeinschaft ist sehr zerbrechlich. Jeder lebt seine Welt: Es sind Inseln des Denkens, des Gefühls, die nicht zusammen kommen. Das große Problem gerade dieser Zeit – in der jeder, indem er das Leben für sich haben will, es verliert, weil er sich isoliert und den anderen von sich absondert – ist, die tiefe Gemeinschaft wieder zu finden, die schließlich nur aus einem allen Seelen gemeinsamen Grund kommen kann: aus der göttlichen Gegenwart, die uns alle eint. Mir scheint, dass ist die Bedingung, um die Einsamkeit und auch das Unverständnis zu überwinden. Denn auch Letzteres ist das Ergebnis der Tatsache, dass das Denken heute ein fragmentarisches Denken ist."

Benedikt XVI. stellte fest, dass jeder "seine Weise des Denkens, des Lebens" suche. "Eine Kommunikation in einer tiefen Sicht des Lebens ist nicht gegeben. Die Jugend fühlt sich neuen, mit der vorhergehenden Generation nicht geteilten Horizonten ausgesetzt, weil die Kontinuität der Sicht der Welt fehlt, die in einer immer schnelleren Folge von neuen Erfindungen erfahren wird. In zehn Jahren sind Veränderungen eingetreten, die in der Vergangenheit in nicht einmal hundert Jahren vorgekommen sind. So trennen sich die Welten wirklich. Ich denke an meine Jugend und an die Naivität, wenn ich es so nennen darf, in der wir gelebt haben." Heutzutage verändere sich die Welt immer schneller, "so dass sie mit diesen Veränderungen in Fragmente zerfällt".

Schöpfung und Geschichte

Inmitten all dieser Veränderungen und Erneuerungen werde "das bleibende Element" immer wichtiger, fuhr der Papst fort. "Ich erinnere mich, als die Konstitution 'Gaudium et Spes' diskutiert wurde. Einerseits war da die Anerkennung der Neuheit, das Ja der Kirche zur neuen Epoche mit ihren Erneuerungen, das Nein zur Romantik der Vergangenheit, ein richtiges und notwendiges Nein. Dann aber haben die Väter auch gesagt – der Beweis dafür ist im Text zu finden –, dass trotzdem, trotz der notwendigen Bereitschaft, vorwärts zu gehen, der Bereitschaft, auch viele Dinge fallen zu lassen, die uns lieb waren, es etwas gibt, das sich nicht ändert. Und das ist das Menschliche selbst, die Geschöpflichkeit.

Der Mensch", so Benedikt XVI., "ist nicht zur Gänze geschichtlich. Die Verabsolutierung des Historizismus in dem Sinn, dass der Mensch immer nur Ergebnis einer gewissen Periode sei, ist nicht wahr. Da ist die Geschöpflichkeit, und gerade sie gibt uns die Möglichkeit, in der Veränderung zu leben und uns gegenüber identisch zu bleiben." Aber das gerate oft in Vergessenheit. "Warum diese Einsamkeit in einer Gesellschaft, die auf der anderen Seite eine Massengesellschaft zu sein scheint?", fragte der Bischof von Rom. "Warum dieses Unverständnis in einer Gesellschaft, in der alle danach suchen, sich zu verstehen, wo Kommunikation alles ist und wo die Transparenz von allem jedem gegenüber oberstes Gesetz ist? Die Antwort besteht in der Tatsache, dass wir die Veränderung in unserer eigenen Welt sehen und nicht ausreichend jenes Element leben, das uns alle verbindet, das geschöpfliche Element, das in einer bestimmten Geschichte zugänglich und wirklich wird: der Geschichte Christi, die nicht gegen die Geschöpflichkeit steht, sondern das, was vom Schöpfer gewollt war, wiederherstellt."

Diesbezüglich zeigte Benedikt XVI. auf, dass der christliche Glaube fest in Gott verwurzelt ist: "Indem das Christentum die Geschichte und die Religion als von Abraham an geschichtlich gegebene und somit als einen geschichtlichen Glauben unterstreicht, insofern es seine Türen der Modernität mit seinem Sinn des Fortschritts, des ewigen Vorwärtsschreitens geöffnet hat, ist es im selben Moment ein Glaube, der im Schöpfer gründet, der sich offenbart und in einer Geschichte gegenwärtig wird, der er ihre Kontinuität und somit die Möglichkeit zur Kommunikation zwischen den Menschen verleiht. Ich denke also, dass ein in Tiefe und mit aller Öffnung hin zum Heute gelebter Glaube, der sich aber auch gänzlich Gott öffnet, die beiden Dinge vereint: die Achtung der Andersheit und der Neuheit, und die Kontinuität unseres Seins, die Möglichkeit der Kommunikation zwischen den Personen und den Zeiten."