„Was die Welt heute braucht, ist Glaube“: Kardinal Murphy-O’Connor über den christlich-muslimischen Dialog (Teil 1)

Ansprache vor dem Rat der Muslime in Wales an der Universität Cardiff

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CARDIFF, 12. Juli 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung der Ansprache, die der Primas von England und Wales, Cormac Kardinal Murphy-O'Connor, am 9. Juni an der Universität Cardiff (Wales) gehalten hat.



Der zehnte Erzbischof von Westminster zeigte christliche und muslimische Perspektiven des interreligiösen Dialogs auf.

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Herr Vizekanzler,
Herr Generalsekretär,
Erzbischof Smith,
sehr verehrte Gäste,
meine Damen und Herren!

Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen sein zu können. Es ist mir eine Freude, nach Wales zu kommen, in ein Land, dessen Geschichte, Sprache und Landschaft überwältigende Musik und eindrucksvolle Dichtung inspiriert haben, angefangen von den Gedichten des Taliesin [walisischer Barde des 6. Jahrhunderts, Anm. d. Übers.] und des Prinzen Owain Glyndwr vor langen Zeiten bis zu denen des anglikanischen Priesterpoeten R.S. Thomas, der beredt der Entfremdung der Generationen der hier Geborenen von ihrer Sprache und Kultur Ausdruck verlieh. Heute ist die Situation ganz anders, die walisische Sprache genießt eine viel stärkere Beachtung, und das walisische Regionalparlament („Welsh Assembly“) ist größtenteils für die Politik des Landes zuständig. Ich fühle mich geehrt, gebeten worden zu sein, hierher zu kommen und zu Ihnen über ein Thema zu sprechen, das mir sehr am Herzen liegt: über den Dialog zwischen Christen und Muslimen. Ich hoffe, deutlich machen zu können, dass ich mich ganz und gar der Aufgabe verschrieben habe, diesen Dialog nicht nur in Wales und ganz Großbritannien, sondern auch in ganz Europa und in der übrigen Welt zu fördern und aufrecht zu erhalten.

Tiger Bay, der Hafen von Cardiff

Die muslimische Gemeinde in Cardiff ist aus verschiedenen Gründen von Bedeutung. Als Männer vom Jemen und aus Somalia kamen, um auf den Kohlenschiffen zu arbeiten, siedelten sich viele von ihnen in der Tiger Bay an und heirateten einheimische Frauen. So waren sie von Anfang an in die Bevölkerung integriert. Die Moschee, die sie im 19. Jahrhundert errichteten, war wahrscheinlich die erste im Vereinigten Königreich, und die im Jahr 1947 an ihrer Stelle eröffnete neue Moschee wurde im bescheidenen jemenitischen Stil erbaut. Die Tatsache, dass der Bürgermeister von Cardiff damals der Eröffnungszeremonie beiwohnte, zeigt, dass die Muslime hier bereits eine wohl etablierte und geachtete religiöse Gemeinde bildeten, und – was noch bedeutsamer ist – dass zu jener Zeit die religiösen Gruppen offensichtlich glücklich nebeneinander gelebt haben. Cardiff sieht heute ganz anders aus, und die Moschee von 1947 wurde durch eine neue ersetzt. Aber ich hoffe, dass die Religionen in Cardiff sich immer der bescheidenen, zugleich aber auch stolzen Anfänge der muslimischen Gemeinde hier bewusst bleiben und dass ein jeder sich große Mühe geben wird, die Tradition des Friedens und der gegenseitigen Achtung in Cardiff, die ein kostbarer Bestandteil des Erbes der Stadt ist, zu wahren. Dies ist natürlich auch ein Vorbild für jede zivilisierte Gemeinschaft. Cardiff könnte ohne weiteres Leitstern für das übrige Großbritannien im interreligiösen und interkulturellen Dialog sein.

„Was die Welt heute braucht …“

Bei den internationalen Organisationen wie der UNESCO und den Vereinten Nationen und bei den Regierungen der einzelnen Staaten in der ganzen Welt steht die Religion sehr weit hinten auf der Agenda, während sie früher, um es frei herauszusagen, entweder als Störfaktor oder als Feind der Aufklärung galt. Was heute auf der Tagesordnung der Organisationen und Regierungen steht, ist nicht so sehr der Inhalt der Religion – das, was wir glauben –, sondern ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Im Vorfeld des Jahres 2000 baten die Polizeikommissariate in der ganzen Welt die religiösen Organisationen um Hilfe bei der Identifizierung von Sekten, die anlässlich der Jahrtausendwende gefährliche Aktionen planen könnten. Dies betraf zuallererst christliche und jüdische Organisationen. Die Atmosphäre in und um Jerusalem war damals für die Sicherheitskräfte besonders angespannt. Seit 2001 steht der Islam konstant im Brennpunkt des Interesses. Dies hat ein geistiges Klima geschaffen, in dem sich der durchschnittliche Muslim nicht wohl und auf unfaire Weise durch jene Menschen ausgegrenzt fühlt, die ihn oft überhaupt nicht zu verstehen scheinen.

Die positive Seite der gegenwärtigen Überbetonung der Rolle der Religion als Gesellschaftsfaktor ist, dass alle unsere verschiedenen Religionen viel mehr im Blickfeld stehen. Wir werden oft herausgefordert, auf verschiedene Weisen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen. Die Intellektuellen und Politiker mussten die frühere Auffassung in Frage stellen, dass die Religion in unserer aufgeklärten Gesellschaft ganz von selbst verschwinden würde. Aus Gründen, die uns zwar nicht gefallen, müssen sie uns viel ernster nehmen, als es noch vor zehn Jahren der Fall war.

Einer, der bereits vor langer Zeit erkannte, was hier vorging, ist Papst Benedikt. Lassen Sie mich erklären, warum ich das sage.

Anfang des Jahres 2004 (am 28. Januar) erklärte sich der Mann, der allgemein immer noch als Kardinal Joseph Ratzinger bekannt und ein hervorragender Theologe seines Faches ist, bereit, mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas zu einer öffentlichen Diskussion in München zusammen zu kommen. Sie taten dies als Repräsentanten zweier Seiten einer Auseinandersetzung, die in Europa seit etwa 200 Jahren geführt wird. Der Theologe als Vertreter der Religion und der Philosoph als Vertreter der Vernunft. Diese beiden, Religion und Vernunft, gelten in der westlichen Kultur häufig als Rivalen. Die Verteidiger des westlichen säkularen Vernunftglaubens weisen sehr gern auf pathologische Elemente der Religion hin, was der Kardinal durchaus zugestand. Gleichzeitig jedoch forderte er den Philosophen auf, anzuerkennen, dass der Vernunftglaube, eine ähnliche Schwäche aufweise, besonders dann, wenn er der Religion keinen Raum lasse und versuche, sie zur reinen Privatsache zu machen. Wenn, so sah es der Kardinal, beide Kontrahenten in der Auseinandersetzung in Europa es nicht einsehen wollen, dass sie bereit sein müssen, von einander zu lernen, dann kann dies katastrophale Folgen haben.

Ich denke, es ist bedeutsam, dass Kardinal Ratzinger dann auch dazu riet, unser Augenmerk nicht nur auf Europa zu beschränken. Andere Kulturen als geringwertiger oder bedeutungslos zu betrachten, wäre ein Beispiel für „die westliche Hybris, für die wir teuer bezahlen würden und zum Teil schon bezahlen.“ Bei dieser Gelegenheit stellte er auch fest, dass jede größere Kultur von denselben Spannungen geprägt ist wie Europa. Ausdrücklich wies er hierbei auf den Islam mit seinem „enormen Bandbreite” von Anhängern hin. Dasselbe Thema sprach er in seiner Regensburger Vorlesung am 12. September 2006 an. Das, worauf er den größten Nachdruck legt, ist natürlich, wie wir wissen, der Kernpunkt: dass es keine wirkliche Gemeinsamkeit zwischen echter Religion und Gewalt geben kann.

Ich stimme Papst Benedikt XVI. zu und möchte diesen Aspekt noch weiter ausführen.

Viele von Ihnen werden sich an einen Schlager erinnern, der sich großer Beliebtheit erfreute, als ich ein gutes Stück jünger war. Burt Bacharach schrieb die Musik und Hal David diesen Text: „What the world needs now is love, sweet love. It's the only thing that there's much too little of“ („Was die Welt heute braucht ist Liebe, süße Liebe. Sie ist das Einzige, von dem es viel zu wenig gibt“). Diese Worte stimmen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Für mich ist Liebe nicht „das Einzige, wovon es viel zu wenig gibt“. Ich bin davon überzeugt, dass die Welt auch den Glauben braucht.

Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass mein Glaube in dieser Welt wichtig ist, könnte ich nicht hier stehen und zu Ihnen sprechen. Wenn die Mitglieder des Rats der Muslime nicht überzeugt wären, dass ihre Religion enorm viel Gutes in der Welt tun kann, hätten sie nicht diesen Abend organisiert. Wir alle glauben nicht nur, dass es einen Gott gibt, sondern auch, dass unsere Religion uns dazu verpflichtet, uns für das Gute in der Welt einzusetzen, auf tausenderlei verschiedene Arten. Es gibt immer noch Tendenzen in einigen Kreisen, die darauf aus sind, alles zu tun, damit die Religion keine Stimme in der Öffentlichkeit hat. Dabei wird aber nicht die Tatsache berücksichtigt, dass viele unserer Zeitgenossen nach einem Sinn und einem Ziel suchen; unsere Kultur ist auf der Suche nach ihrer geistlichen Identität, manche würden sogar sagen, nach ihrer Seele.

Der Raum für den Dialog zwischen unseren Religionen und unserer Kultur muss öffentlich sein. Anders ausgedrückt, religiöse Gemeinschaften müssen in der Lage sein, in einem gewissen Maß autonom zu handeln. Wenn Politiker – oder auch Akademiker – auf nationaler oder lokaler Ebene denken, sie wüssten, was für die Religion das Beste sei, werden sie nicht in unserem besten Interesse handeln, und könnten sehr wohl versucht sein, die Art und Weise, wie wir unseren Beitrag zur Gesellschaft leisten, zu manipulieren. Ich glaube schon, dass sie uns im Allgemeinen mit großem Respekt begegnen, aber wir leben in einer Zeit, die es für viele, die mit der Lenkung und Kontrolle unserer Gesellschaft befasst sind, schwer macht. Und keiner sollte blind gegenüber der Gefahr sein, die da lauert, wenn man Entscheidungen über religiöse Organisationen auf soziologische oder Sicherheitskriterien gründet. Zeiten, in denen man merkt, dass man in einer Krise steckt, sind nicht besonders gut dafür geeignet, Gesetze zu erlassen oder sie zu ändern.

Natürlich sollten wir nicht voraussetzen, dass die Menschen uns überall achten werden. Wir müssen uns ihre Achtung verdienen. Und, wenn wir sie haben, müssen wir uns darum bemühen, sie beizubehalten.

Die christlichen Evangelien berichten uns, dass Jesus, als die Menschen ihn bei seinem letzten Einzug in Jerusalem mit Lobgesängen begrüßten, seinen Weg auf einem Esel zurücklegte. Ich sehe dies als ein beredtes Zeichen für die Demut, mit der wir am besten unsere Aufgabe im Leben unseres Landes erfüllen können.

Wir sind uns ähnlich, aber doch verschieden – von einander die Wahrheit sagen

Zum ersten Mal hörte ich über den Islam, als ich in Rom studierte, um Priester zu werden. Es mag sie verwundern, dass von jedem katholischen Priester erwartet wird, dass er nicht nur Theologie, sondern auch Philosophie studiert, um die Begriffe zu verstehen, mit denen die Kirche sich in verschiedenen Situationen verständlich macht. Als Leuchte unter den katholischen Denkern galt traditionell der heilige Thomas von Aquin, und wir lernten in unserem Studium von sehr früh an, dass er den Werken einiger Gelehrter aus der arabisch sprechenden Welt tief verpflichtet war. Unter ihnen gab es viele Muslime, wie zum Beispiel Ibn Sina und Ibn Rushd, auch wenn wir sie mit der lateinischen Version ihres Namens bezeichneten: Avicenna und Averroes. Ich erwähne dies, weil es zeigt, dass in einigen Perioden der Geschichte christliche und muslimische Gelehrte keine Bedenken hatten, das anzuerkennen, was sie einander verdankten, was uns, die wir in einer Epoche leben, in der man davon ausgeht, dass wir einander mit Misstrauen beäugten, trösten kann. Das stimmt einfach nicht.

Wie ich schon sagte, bin ich überzeugt, dass die religiösen Gemeinschaften einen Auftrag in der britischen Gesellschaft haben, dass diese Aufgabe aber nur gut erfüllt werden kann, wenn die verschiedenen Religionen fähig sind, offen und ehrlich von einander zu sprechen. Ein besonderer Grundsatz kommt hier ins Spiel, der lautet: Ich sollte mich nie in eine Situation bringen lassen, in der ich anderen Leuten erzähle, was Muslime glauben.

Ich sollte vielmehr einfach Kontakt mit einem muslimischen Freund aufnehmen und ihn bitten, dies zu tun. Ebenso ist es nicht gut, wenn Muslime anderen Leuten – oder auch einander – erzählen, was Christen glauben. Es ist immer besser, jemanden von uns zu fragen. Das ist wichtig, wenn wir es vermeiden wollen, der Welt Karikaturen von einander anzubieten. Wir müssen es vermeiden, uns von Vorurteilen dazu verleiten zu lassen, zu meinen, wir verstünden mehr, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Vielleicht ist das etwas, was in unseren Schulen als eine Selbstverständlichkeit gelehrt werden sollte. Aber hier kommt einer der Hauptunterschiede zwischen uns ins Spiel. Im Falle der Kirche ist es klar, an wen man sich wenden soll. Der Islam ist auf eine ganz andere Art organisiert, und es ist – selbst für den wohl gesonnensten Außenseiter – nicht leicht zu wissen, wer die geeignetste Person ist, die man fragen soll, wenn eine Erläuterung muslimischer Glaubensinhalte und Traditionen benötigt wird. Dies bedeutet offensichtlich, dass wir einander persönlich kennen müssen, um das Vertrauen aufzubauen, das notwendig ist, um solch schwierige Aufgaben gut erfüllen zu können.

Worin wir wesentlich übereinstimmen, ist den Menschen nicht immer klar. Es ist aber etwas, was Papst Johannes Paul II. hervorhob, als er im Jahr 1985 vor einer sehr großen Schar junger Marokkaner in einem Stadion in Casablanca sagte: „Wir Christen und Muslime haben viele Dinge gemeinsam, als Gläubige und als Menschen. Wir leben in derselben Welt, die gekennzeichnet ist von vielen Zeichen der Hoffnung, aber auch von vielerlei Zeichen von Angst und Schmerz. … Wir glauben an denselben Gott, den einzigen Gott, den lebendigen Gott, den Gott, der die Welt geschaffen hat und der seine Geschöpfe zur Vollendung führt.“ Der Papst sprach in bewegenden Worten zu diesen jungen Muslimen über seinen Glauben: „Ich möchte mit Euch vor allem von Gott selbst sprechen; von ihm, weil er es ist, an den wir glauben, ihr Muslime und wir Katholiken …“, und er beruhigte sie über den Grund seines Besuches: „Ich komme heute zu Euch als Glaubender. Ich möchte ganz einfach heute hier ein Zeugnis davon geben, was ich glaube, davon, was ich mir für das Wohl der Menschen, meiner Brüder, wünsche, und davon, was ich aus Erfahrung als für alle nützlich betrachte.“

Mir gefällt in der Tat, dass die Ansprache an die jungen Muslime in Casablanca vor allem das betonte, was Christen und Muslimen verbindet, nämlich, dass sie an den einen Gott glauben und Gott als ihren Schöpfer erkennen. Man muss allerdings auch bereit sein, die Unterschiede anzuerkennen, wie zum Beispiel die unter Christen und Muslime unterschiedlichen Auffassungen des Glaubens an den einen Gott. Seit Jahrhunderten werden die Muslime von den Christen vor den Kopf gestoßen. Die Christen behaupten ja einerseits, dass sie, wie die Muslime auch, an einen Gott glauben, aber dann fangen sie plötzlich an, von Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist zu sprechen. Jeder, der sich in einem theologischen Dialog zwischen Muslimen und Christen befindet, muss sich damit abfinden, dass die Dreifaltigkeit ein Stolpersteinsein kann.

Was in jedem Dialog unter uns von grundlegender Bedeutung ist, ist unsere Achtung vor der Wahrheit, besonders in dem Sinne, dass wir treu zu unserer Identität stehen. Ein Dialog kann nur dann fruchtbar sein, wenn jeder Beteiligte sich kompetent darin weiß, was er oder sie glaubt, und was ihn oder sie als Muslim oder Christ kennzeichnet.

Dies erfordert selbstverständlich die Fähigkeit zuzuhören, ohne den Standpunkt des anderen zu korrigieren, die Bereitschaft, die Andersartigkeit zu akzeptieren, zusammen mit dem Wunsch, vom andern zu lernen, ohne den Eindruck haben zu müssen, dass der eigene Glaube herabgesetzt oder kritisiert wird. Wenn ich auf meine Schulzeit zurückschaue, erinnere ich mich, dass eine feste Tradition der Debatten vorherrschte. Die Hauptregel lautete: Absoluter Respekt vor dem Gesprächspartner, während gleichzeitig dessen Gedanken auf den Prüfstand gestellt werden können. Dies war wahrscheinlich ein gutes Training für einen echten Dialog, bei dem die Achtung von allergrößter Bedeutung ist und eine offene und ehrliche Diskussion über das, was jeder sagt, geführt werden kann. Einen besonders wichtigen Text für Christen zu diesem Punkt finden wir im ersten Brief des heiligen Petrus (3,15), der folgenden Rat gibt: „Seid allzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft über eure Hoffnung fordert, aber bewahrt dabei Sanftmut und Ehrfurcht.“

[ZENIT-Übersetzung des englischen vom Erzbistum Westminster veröffentlichten Originals]