„Was die Welt heute braucht, ist Glaube“: Kardinal Murphy-O’Connor über den christlich-muslimischen Dialog (Teil 2)

Ansprache vor dem Rat der Muslime in Wales an der Universität Cardiff

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CARDIFF, 13. Juli 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den zweiten Teil der Ansprache, die Kardinal Cormac Murphy-O'Connor am 9. Juni an der Universität Cardiff (Wales) gehalten hat.



Der zehnte Erzbischof von Westminster beleuchtete die Zukunft des christlich-muslimischen Dialogs. Teil 1 der Rede erschien am Donnerstag.

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Die Welt von morgen?

Was wir heute tun, wird die Welt gestalten, in der die Kinder von morgen leben werden. Was können wir gemeinsam tun, um zu gewährleisten, dass die Welt von morgen es ihnen erlauben wird, als Menschen zu wachsen und sich als Glaubende voll zu entfalten? Dazu habe ich drei einfache Vorschläge.

1. Mein erster Vorschlag stammt eigentlich nicht von mir, sondern ist ein Rat, den ich mir zu Herzen genommen habe. Und ich glaube zu wissen, wie wir ihn gemeinsam befolgen können. Sie wissen vielleicht, dass es von Zeit zu Zeit Versammlungen für Repräsentanten der Bischöfe aus der ganzen Welt gibt. Diese Versammlungen heißen Synoden. Papst Johannes Paul II. berief außerdem spezielle Synoden für jeden Kontinent ein. Es gab zwei europäische Synoden, und nach der zweiten Synode gab er ein Dokument heraus mit dem Titel Ecclesia in Europa („Kirche in Europa“). Es enthält eine Einschätzung der gegenwärtigen Situation und einige Ziele und Pläne für die Kirche.

„Es gibt eine Forderung, auf die der Kontinent positiv antworten muss, damit sein Gesicht tatsächlich neu ist: ‚Europa kann sich nicht auf sich selbst zurückziehen … Es muss sich im Gegenteil der Tatsache voll bewusst sein, dass andere Länder oder andere Kontinente von ihm mutige Initiativen erwarten, um den ärmsten Völkern die Mittel für ihre Entwicklung und soziale Organisation anzubieten und eine gerechtere und brüderlichere Welt aufzubauen.‘ Die angemessene Ausführung dieses Auftrags verlangt ‚ein Überdenken der internationalen Zusammenarbeit im Sinne einer neuen Kultur der Solidarität‘… Überdies muss Europa bei der Förderung und Verwirklichung einer Globalisierung in der Solidarität eine aktive Rolle spielen. Mit dieser muss, als ihre Voraussetzung, eine Art Globalisierung der Solidarität und der mit ihr zusammenhängenden Werte der Unparteilichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit einhergehen“ (Ecclesia in Europa, 111-112).

Ich denke, die Idee einer Globalisierung der Solidarität ist etwas Wunderbares, und es freut mich, sagen zu können, dass CAFOD, die „Katholische Organisation für Entwicklung in Übersee“ („Catholic Agency for Overseas Development“) ein Projekt in Gang gesetzt hat, das sich „Lebe einfach“ nennt („Live Simply“) und dazu bestimmt ist, den Menschen dabei zu helfen, in Solidarität mit den Armen zu leben. Es hat mich schon oft beeindruckt, dass der Islam von seinen Anhängern ein ähnliches Engagement zum Einsatz für die Solidarität mit den Armen verlangt. Dies zeigt sich in dem Konzept eines Banksystems, das in Übereinstimmung mit den grundlegenden Prinzipien des Islam arbeitet. Ich meine damit nicht, dass ich ein islamisches Bankkonto eröffnen sollte, aber ich halte es für an der Zeit, dass christliche und muslimische Volkswirtschaftler ihre Köpfe zusammenstecken, um zu sehen, was wir auf dem Gebiet des echten Engagements für die Solidarität mit den Armen voneinander lernen können.

Wenn ich die Zeitungen lese oder die Nachrichten im Fernsehen schaue, schaudert es mich manchmal beim Anblick des elenden Schicksals so vieler Menschen in der Welt, die in derart schrecklichen Verhältnissen leben. Aber es schmerzt mich und ich fühle mich schuldig, wenn ich nichts dagegen tun kann. Ich tue zwar, was ich kann; und ich stelle mir vor, dass das alle tun, aber ich habe das Gefühl, dass wir, wenn wir zusammen stehen, so viel mehr tun könnten.

2. Ein zweiter Vorschlag, was wir gemeinsam unternehmen könnten, um den Zustand der Welt von morgen für unsere Kinder zu verbessern, ist, uns für echte Religionsfreiheit einzusetzen. Ich habe bereits erwähnt, dass viele britische Muslime sich in unseren Medien und in der öffentlichen Meinung falsch dargestellt oder zumindest missverstanden fühlen.

Sie sind nicht die einzigen, aber leider wird gegenwärtig viel mehr über den Islam als über das Christentum oder andere Religionen gesprochen. Es gibt allerdings auch Zeiten, in denen wir uns zwar nicht direkt mundtot gemacht oder zum Schweigen verdammt fühlen, aber ganz sicher auch nicht frei sind, unsere innersten Überzeugungen zu äußern, manchmal einfach aus Gründen der so genannten „political correctness“. Ich glaube, es könnte Mittel und Wege geben, wie wir mit denen, die Macht über die öffentliche Meinung haben, zusammenarbeiten könnten, um viele dieser Probleme zu lösen, und ich bin sicher, dass wir dies gemeinsam tun sollten. Bei dem letzten großen Konzil der katholischen Kirche, dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das in den sechziger Jahren abgehalten wurde, waren viele Beobachter sehr erstaunt, dass die Erklärung des Konzils über die Religionsfreiheit keine Forderung nach Religionsfreiheit für Katholiken war, sondern für jedermann. Die Freiheit der Religion wird als ein natürliches Recht gesehen, das ein jeder Mensch besitzt und das von jeder Regierung respektiert werden muss.

Die Leute scheinen oft erstaunt zu sein, wenn sie hören, dass dies katholische Lehre ist. Und sie graben in der Geschichte nach, um zu beweisen, dass die katholische Kirche nicht immer das beste Beispiel für die Achtung vor den Rechten der Menschen im religiösen Bereich gegeben hat. Es wäre töricht und derb zu behaupten, es habe in der Vergangenheit keine schrecklichen Vergehen in dieser Hinsicht gegeben. Aber hier schauen wir auf die Zukunft und die Welt, in der die Kinder von morgen aufwachsen werden. Es wäre genauso falsch, die Tatsache zu ignorieren, dass es Gegenden gibt, wo es Christen nicht erlaubt ist, ihre Religion offen, oder überhaupt, auszuüben. Am 21. Juni 1995 sandte Johannes Paul II. einen Gruß an die Anwesenden bei der Eröffnung der wunderschönen Moschee, die jetzt über die Stadt Rom hinwegblickt. Er schrieb:

„Heute wird eine eindrucksvolle Moschee eingeweiht. Dieses Ereignis ist ein viel sagendes Zeichen für die Freiheit der Religion, die hier jedem Gläubigen anerkannt wird. Und es ist kennzeichnend, dass in Rom, dem Zentrum des Christentums und dem Stuhl des Nachfolgers Petri, Muslime ihren eigenen Ort für den Gottesdienst haben sollen und die volle Achtung vor ihrer Gewissensfreiheit genießen. Bei einer bedeutsamen Gelegenheit wie dieser ist es leider nötig, darauf hinzuweisen, dass in einigen islamischen Ländern ähnliche Zeichen für die Anerkennung der Religionsfreiheit fehlen. Und doch wartet die Welt an der Schwelle des dritten Jahrtausends auf diese Zeichen!

Die Religionsfreiheit ist heute Bestandteil vieler internationaler Dokumente und eine der Säulen der zeitgenössischen Gesellschaft. Ich bin zwar froh darüber, dass sich die Muslime in der neuen römischen Moschee im Gebet versammeln können, aber ich hoffe doch ernsthaft, dass die Rechte der Christen und aller Gläubigen, ihren Glauben frei auszuüben, in jedem Winkel der Erde anerkannt werden wird.“

Wir bringen den Beweis, dass wir an die Freiheit der Religion glauben, wenn wir bereit sind, uns einzusetzen für das Recht anderer Menschen, ihre Religion auszuüben, und nicht nur für unser eigenes Recht. Wenn wir lernen können, gemeinsam für die Religionsfreiheit aller einzutreten, werden wir sicherlich die Welt von morgen zum Besseren hin beeinflussen.

3. Wer jemals ein Benediktinerkloster besucht hat, wird erlebt haben, dass ihn Schweigen und Stille umfangen. In jedem benediktinischen Haus sieht man an einer gut sichtbaren Stelle ein kurzes lateinisches Wort: „Pax“, Friede. Die Atmosphäre der Stille, die den Tag der Mönche kennzeichnet, schafft einen Frieden, der nahezu greifbar sein kann, der aber nur Zeichen eines viel tieferen, inneren Friedens ist. Bei den Muslimen ist das erste Wort, das ein Gast zu sagen pflegt: „Assalaamu aleykum“, das arabische Wort für: „Der Friede sei mit dir“. Sowohl Muslime wie Christen wollen traditionell, nahezu instinktiv, im Frieden leben und den Frieden überall hinbringen, wo immer sie auch hingehen. Ich danke dem Gott, der uns alle geschaffen hat, dafür, dass in den letzten Jahren alle Leiter der größeren religiösen Gemeinschaften Großbritanniens wie ein einziger Mann zusammengestanden haben, als es darum ging, vor den Politikern, vor den Medien und vor unseren Mitbürgern für jene inständig zu beten, die den Einfluss haben, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um Frieden herzustellen – anstelle des schrecklichen, schmutzigen Missbrauchs und der Zerstörung des Lebens, von dem so viele Nachrichtenbulletins Tag für Tag berichten. Das ist nicht das, was Gott will, und es ist auch nicht das, was wir wollen. Es gibt immer einen besseren Weg, und – wie verschiedene Päpste gesagt haben – Krieg ist nie eine gute Lösung und immer das Eingeständnis einer Niederlage.

Wir alle wissen, dass die Welt der Kinder von morgen Besseres verdient, und wir wissen, dass die Menschheit Besseres leisten kann. So lange wir fortfahren, dies gemeinsam mit einer Stimme zu sagen, werden wir gesunde Grundlagen errichten, auf denen zukünftige Generationen weiterbauen können.

Ich möchte meine Rede heute Abend mit dem beschließen, was Johannes Paul II. im Januar 2001 gesagt hat, als der neue Botschafter der Republik Iran beim Heiligen Stuhl dem Heiligen Vater sein Akkreditierungsschreiben aushändigte. Ich glaube, es fasst vieles von dem zusammen, was ich gesagt habe.

„Beim Dialog zwischen den Kulturen erkennen Männer und Frauen guten Willens, dass es Werte gibt, die alle Kulturen teilen, weil sie in der Natur der menschlichen Person selbst verwurzelt sind – Werte, welche die authentischsten und charakteristischsten Merkmale der Menschheit zeigen: Solidarität und Frieden, Erziehung und Bildung, Vergebung und Versöhnung – und das Lebens selbst.“

Ich glaube, das sind Werte, die uns in der Tat sehr eng miteinander verbinden. Ich danke Ihnen!

[ZENIT-Übersetzung des englischen vom Erzbistum Westminster veröffentlichten Originals]