Was es heißt, an den Auferstandenen zu glauben: Benedikt XVI. erklärt Ostern

Im auferstandenen Christus wird uns die Gewißheit unserer Auferstehung geschenkt

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ROM, 5. April 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 26. März während der ersten Mittwochs-Generalaudienz nach Ostern auf dem Petersplatz hielt.

Der Heilige Vater erklärte allen Anwesenden, was es heißt, an den Auferstandenen zu glauben, und betonte, dass die geschichtliche Wahrheit der Auferstehung ausführlich dokumentiert sei, dass es aber heute genauso wie in der Vergangenheit nicht an Menschen fehle, die sie bezweifeln oder abstreiten.

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Liebe Brüder und Schwestern!

»Et resurrexit tertia die secundum Scripturas – Er ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift.« Jeden Sonntag erneuern wir mit dem Credo das Bekenntnis unseres Glaubens an die Auferstehung Christi, jenes erstaunliche Ereignis, das den Schlußstein des Christentums bildet. In der Kirche begreift man alles von diesem großen Geheimnis her, das den Lauf der Geschichte verändert hat und bei jeder Eucharistiefeier gegenwärtig wird. Es gibt jedoch eine Zeit des Kirchenjahres, in der diese zentrale Wirklichkeit des christlichen Glaubens in ihrem lehrmäßigen Reichtum und ihrer unerschöpflichen Lebenskraft den Gläubigen noch eindringlicher dargeboten wird, damit sie sie immer intensiver wiederentdecken und getreuer leben: Das ist die Osterzeit. Jedes Jahr an den heiligen drei Tagen, dem »Heiligen Triduum des gekreuzigten, gestorbenen und auferstandenen Christus«, wie der hl. Augustinus sie nennt, durchläuft die Kirche in einer Atmosphäre des Gebets und der Buße von neuem die letzten Stationen des Erdenlebens Jesu: seine Verurteilung zum Tod, den Aufstieg zum Kalvarienberg, wobei er das Kreuz trägt, seinen Opfertod für unser Heil, seine Grablegung. Am »dritten Tag« läßt die Kirche dann seine Auferstehung wieder lebendig werden: Es ist Ostern, der Übergang Jesu vom Tod zum Leben, in dem sich die alten Prophezeiungen voll erfüllen. Die ganze Liturgie der Osterzeit besingt die Gewißheit und Freude über die Auferstehung Christi.

Liebe Brüder und Schwestern, wir müssen unsere Bindung an den für uns gestorbenen und auferstandenen Christus beständig erneuern: Sein Ostern ist auch unser Ostern, da uns im auferstandenen Christus die Gewißheit unserer Auferstehung geschenkt wird. Die Nachricht von seiner Auferstehung von den Toten veraltet nicht, und Jesus ist immer lebendig; und lebendig ist sein Evangelium. »Der Glaube der Christen«, sagt der hl. Augustinus, »ist die Auferstehung Christi«. Die Apostelgeschichte erklärt das mit aller Deutlichkeit: »Gott hat vor allen Menschen Jesus dadurch ausgewiesen, daß er ihn von den Toten auferweckt hat« (17,31). Um zu beweisen, daß Jesus wahrhaftig der Sohn Gottes, der erwartete Messias ist, reichte in der Tat der Tod nicht aus. Wie viele Menschen haben im Laufe der Geschichte für eine für gerecht gehaltene Sache ihr Leben aufgeopfert und sind gestorben! Und tot sind sie geblieben. Der Tod des Herrn beweist die unermeßliche Liebe, mit der er uns geliebt hat, bis hin zum Opfer für uns; aber erst seine Auferstehung ist der »sichere Beweis«, ist die Gewißheit, daß alles, was er sagt, die Wahrheit ist, die auch für uns, für alle Zeiten gilt. Dadurch daß ihn der Vater auferweckte, hat er ihn verherrlicht. So schreibt der hl. Paulus im Brief an die Römer: »Wenn du mit deinem Mund bekennst: ›Jesus ist der Herr‹ und in deinem Herzen glaubst: ›Gott hat ihn von den Toten auferweckt‹, so wirst du gerettet werden« (10,9).

Es ist wichtig, diese grundlegende Wahrheit unseres Glaubens zu bekräftigen, deren historische Wahrheit ausführlich belegt ist, auch wenn es heute wie in der Vergangenheit nicht an jenen fehlt, die sie auf verschiedene Weise in Frage stellen oder gar leugnen. Das Schwinden des Glaubens an die Auferstehung Jesu schwächt daher das Zeugnis der Gläubigen. Denn wenn in der Kirche der Glaube an die Auferstehung abnimmt, kommt alles zum Stillstand, fällt alles auseinander. Umgekehrt verwandelt die Zustimmung des Herzens und des Geistes zu dem gestorbenen und auferweckten Christus das Leben und erleuchtet das ganze Dasein der Menschen und Völker. Verleiht etwa nicht die Gewißheit, daß Christus auferstanden ist, den Märtyrern jeder Epoche Mut, prophetische Unerschrockenheit und Ausdauer? Vermag etwa nicht die Begegnung mit dem lebendigen Jesus so viele Männer und Frauen zu bekehren und zu faszinieren, die seit den Anfängen des Christentums alles verlassen, um ihm zu folgen und ihr Leben in den Dienst des Evangeliums zu stellen? »Ist aber Christus nicht auferweckt worden« – sagte der Apostel Paulus –, »dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos« (1 Kor 15,14). Aber er ist auferweckt worden!

Genau das ist die Botschaft, die wir in diesen Tagen immer wieder hören: Jesus ist auferstanden, er ist der Lebendige, und wir können ihm begegnen. So wie ihm die Frauen begegnet sind, die sich am Morgen des dritten Tages, dem Tag nach dem Sabbat, zum Grab begeben hatten; so wie ihm die Jünger begegnet sind, die überrascht und verstört über das waren, was ihnen die Frauen berichtet hatten; so wie ihm viele andere Zeugen in den Tagen nach seiner Auferstehung begegnet sind. Und auch nach seiner Himmelfahrt ist Jesus weiterhin unter seinen Freunden gegenwärtig geblieben, wie er es im übrigen verheißen hatte: »Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20). Der Herr ist bei uns, bei seiner Kirche bis ans Ende der Zeiten. Die Glieder der Urkirche haben, nachdem sie vom Heiligen Geist erleuchtet worden waren, begonnen, offen und ohne Furcht die österliche Botschaft zu verkündigen. Und diese Botschaft, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, ist bis zu uns gelangt und erschallt jedes Jahr zu Ostern mit immer neuer Macht.

Besonders in dieser Osteroktav lädt uns die Liturgie dazu ein, dem Auferstandenen persönlich zu begegnen und in den Ereignissen der Geschichte und unseres täglichen Lebens sein belebendes Wirken zu erkennen. So wird uns zum Beispiel heute, am Mittwoch, wieder die ergreifende Episode von den zwei Emmausjüngern berichtet (vgl. Lk 24,13–35). Versunken in Traurigkeit und Enttäuschung nach der Kreuzigung Jesu machten sie sich tief betrübt auf den Heimweg. Unterwegs sprachen sie miteinander über das, was in jenen Tagen in Jerusalem geschehen war. Da trat Jesus zu ihnen, begann mit ihnen zu reden und sie zu belehren: »Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lk 24,25–26). Und ausgehend von Mose und allen Propheten legte er ihnen dann dar, was sich in der gesamten Schrift auf ihn bezog. Die Unterweisung Christi – die Erklärung der Prophezeiungen – war für die Emmausjünger gleichsam eine unerwartete, leuchtende und trostreiche Offenbarung. Jesus gab ihnen einen neuen Schlüssel für die Lektüre der Bibel, und alles erschien jetzt klar, genau auf diesen Augenblick hin ausgerichtet. Ergriffen von den Worten des unbekannten Wanderers baten sie ihn, zum Abendessen bei ihnen zu bleiben. Und er nahm die Einladung an und setzte sich mit ihnen zu Tisch. Der Evangelist Lukas berichtet: »Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen« (Lk 24,30). Und in diesem Augenblick gingen den zwei Jüngern die Augen auf und sie erkannten ihn, aber »dann sahen sie ihn nicht mehr« (Lk 24,31). Und voller Staunen und Freude sagten sie zueinander: »Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloß?« (Lk 24,32).

Der Herr ist im ganzen Kirchenjahr, besonders aber in der Karwoche und in der Osterwoche mit uns unterwegs und erklärt uns die Schrift, läßt uns dieses Geheimnis begreifen: Alles spricht von ihm. Und das sollte auch unsere Herzen brennen lassen, so daß auch uns die Augen aufgehen können. Der Herr ist bei uns, er zeigt uns den wahren Weg. Wie die beiden Jünger Jesus am Brotbrechen erkannten, so erkennen auch wir beim Brechen des Brotes seine Gegenwart. Die Emmausjünger erkannten ihn wieder und erinnerten sich an Momente, wo Jesus das Brot gebrochen hatte. Und dieses Brotbrechen läßt uns an die erste Eucharistie denken, die im Rahmen des Letzten Abendmahls gefeiert wurde, wo Jesus das Brot brach und so seinen Tod und seine Auferstehung vorwegnahm, indem er sich selbst den Jüngern hingab. Jesus bricht das Brot auch mit uns und für uns, er wird in der Heiligen Eucharistie bei uns gegenwärtig, er gibt sich uns hin und öffnet unsere Herzen. In der Heiligen Eucharistie, in der Begegnung mit seinem Wort, können an diesem doppelten Tisch des Wortes und des konsekrierten Brotes und Weines auch wir Jesus begegnen und erkennen. Jeden Sonntag erlebt die Gemeinde so wieder das Ostern des Herrn und nimmt vom Heiland sein Testament der Liebe und des brüderlichen Dienstes entgegen. Liebe Brüder und Schwestern, möge die Freude dieser Tage unsere treue Bindung an den gekreuzigten und auferstandenen Christus noch stärker festigen. Lassen wir uns vor allem vom Zauber seiner Auferstehung einnehmen. Es helfe uns Maria, für viele unserer Brüder Boten des Lichts und der Freude von Ostern zu sein. Nochmals an euch alle herzliche Wünsche zu einem frohen Osterfest!

In diesen österlichen Tagen verkündet und besingt die Liturgie der Kirche die freudige Gewißheit der Auferstehung Christi. Durch die Auferweckung seines Sohnes bekundet uns Gott, daß die Frohbotschaft Jesu über den Tod hinaus Bestand hat und auch uns ewiges Heil schenken kann. Diese grundlegende Wahrheit gilt es gläubig anzunehmen, wie der hl. Paulus sagt: »Denn wenn du mit deinem Mund bekennst: „Jesus ist der Herr“ und in deinem Herzen glaubst: „Gott hat ihn von den Toten auferweckt“, so wirst du gerettet werden« (Röm 10, 9). Die Begegnung mit dem auferstandenen Christus hat die Kraft, die Menschen nachhaltig zu verändern. Dies haben die Apostel und die Jünger in den Tagen nach Ostern erfahren, aber auch den Christen aller Jahrhunderte und jedem Gläubigen gilt die Zusage des Auferstandenen: „Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ (Mt 28, 20). Auch heute können wir Christus persönlich begegnen, der auf besondere Weise in jeder Eucharistiefeier zu uns spricht und uns wie den Emmausjüngern den Sinn der Schrift und der Geschichte erklärt. Jesus bricht auch uns das Brot und gibt sich uns hin, damit wir in ihm das wahre Leben haben.

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In österlicher Freude begrüße ich die zahlreichen Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern. Besonders heiße ich heute die Priesterseminaristen der Diözesen Graz-Seckau und Gurk-Klagenfurt in Begleitung ihrer Diözesanbischöfe willkommen. Der auferstandene Herr schenke euch seinen Frieden und mache euch zu mutigen Zeugen der Auferstehung für eure Brüder und Schwestern. Euch allen wünsche ich eine frohe und gesegnete Osterwoche.

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